Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1884)
- Article
- Gedanken eines Nichtpredigers über die Predigt
- Date
- 1884-08-14
- Page
- 517 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933082-2958133--16378-2958184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Anerkennung gebracht werden. Die Erkenntnis; wird durch die einfache Mikthtttung, das Verstäudniß bui'd) die eingehendere Erläuterung, die thaljächlichc Auerkcnnnng dtlrch die eindringliche, Verstand und Der; erfassende Belehrung und Ermahnung bewirkt. In paffender Weise schließt sich deshalb auch meistens die Predigt der Thoravvllcsnng.au. Lall doch durch die Predigt einerseits wesentlich der Wahnvorstellung vorgc beugt werden, dag das Gotteswort mit seinen Anforderangen an unsere Thatkrast veraltet sei, und wir nur ans Pietät dasselbe noch vorlesen lassen, uiio dagegen von seiner Befolgung entbunden glauben dürften. Andererseits aber soll durch die Predigt der anderen Verirrung vorgcbenq . werde», welche das Gottesgcsctz gedankenlos befolgen iäßt, so daß es zu einer מצות אנשים מלמדה, zu einem gleichsam menschlichen Gebote in unseren Angen hcrabgewürdigt wird, welches nur gleichgültig und gewohnheitsmäßig beobachten, ohne daß unser Inneres davon ersaßt und veredelt wird. Der Predigt gebührt deshalb eine hohe, wichtige Stelle unter den Institutionen der Gemeinde. Der Prediger, welcher diesen erhabenen Zweck der Kanzel in Wahrheit zu fördern crnstlichst gesonnen ist, wird bei der Ncde die folgenden Punkte nicht außer Acht lassen dürfen׳. 1) Lehre und Gesetze des Indcnthnnis der Gemeindc bekannt zu machen, 2) deren Inhalt zu crtänlcrn und zum Verständnis; zu bringen, und 3) für deren Befolgung die Gemeinde zu begeistern. Ich würde cs deshalb sehr angemessen sindcn, wenn in alten Synagogen allsabbathlich gepredigt würde. Es sollte nach meinem Dafürhalten selbst in der allerkleinsten Dorfgemeinde, die zu arm wäre, einen Lehrer zu erhalten, der würdigste und geachtetste unter den schlichten Landleuten der Gemeinde predigen. Ich bitte, ein Lächeln über einen solchen vielleicht barock erscheinenden Einfall zu unterdrücken. Ich denke mir eine solche Predigt eines einfachen כעל בית, der von seinen Ge- »offen als ein braver rechtschaffener Mann geachtet wird, folgendermaßen. Er tritt nach dem Einhebcu vor den heiligen Schrein oder ans den Almemor und spricht z. B.: ״Liebe Freunde! Wir haben soeben in der Thora gelesen לא תאכל כל תועבה, das h'üßtdu sollst nichts zu Verabscheuendes essen, womit alle מאכלות אמיתית gemeint sind. Halten wir Alle dieses auch immer? Dann haben wir auch gelesen גתוי התן לו, das heißt: bit sollst dem Annen immer geben. Thun wir Alle dieses and) immer? Wir sollen wissen und immer daran denken, daß wir gegen Gott uns schwer versündigen, weitn wir Trcfcs essen, oder einen Bettler Vvtt uns weisen ohne ihm ctwaö zu geben." Ich hätte nichts dagegen, wenn die Predigt noch weniger elegant sein sollte, wenn sie nur in der den schlichten Leuten geläufigen Ansdrncksweise ernst borgetragen wäre. Ich scheue mich aber nicht, zu bekennen, daß, nach meinem Dafürhalten, eine solche Ncde zweckentsprechender und wirkungsvoller für den betreffenden Zuhoeerkreis ist, als manche stilgerechte, blumenreiche, salbungsvolle Predigt manches stndirlen Rabbiners in der Stadt. Der biedere Land.ntann hat nicht mehr gebet! können, als er vermag; aber er hat in seiner Predigt den!Genossen ein Gottesworl vorgetragcn, sie barauf aufmerksam gemacht, daß cs von ihnen erfüllt werden muß und sie zur Beobachtung desselben crutahnt. Was er gesprochen, ist wahr, und er hat klar gesprochen, er ha! auch dem Texte keine Gewalt angethan. Er hat gewiß zu in Herzen gesprochen und wird sich bemühen, durch sein eigenes Beispiel zu zeigen, daß cs ihm Ernst mit seiner Ermahnung ist. DaS einzige, was der Predigt fehlt, ist die Vermittelung eines eingehenderen Verständnisses für den Geist der Gebote. Hierzu ist leider mein predigender Oorfmann, welcher an Wochentagen bcu Acker bestellt oder mit Vieh handelt, nicht gelehrt genug. Ich halte gegen diese Predigt, die jedenfalls an Kürze nichts zn wünschen übrig läßt, diejenige des gefeierten Predigers l)r. N. N. am selben Sabbaty דאה in der großen prachtvollen Synagoge der Hauptstadt, welche ungefähr also kantete: ״Andächtige Versammelte! Es gicbt ein Volklcin, schwach und winzig, das tvandcrt schon lange nnstät und ruhelos vom glühenden Süd zum sroststarrenden Nord, von des fernsten Osten himmelanstrebenden -Bergen bis zu den stillen Eilanden des westlichsten Ozeans. Einst ivciltc cS krastvvll und zahlreich an des Jordans Gestaden im Schatten der Libanoiiszedern und dem Ocl.bauni de? Hcrmon, und empfing die FrcnndschastSbezeignngen mächtiger Staaten, damals wurde cS die Frohe, Glückliche, Jubelnde' genannt, in Marmor- Palästen ruhte cs ans elfenbeinernen, scidcnbedeckten Lagern, umgeben von Glan; und Pracht. Und jetzt — arm und elend steht cs da, schütz- und machtlos, angefeindet, verachtet, gedrückt und verhöhnt der wirkliehe und wahrhaftige nimmer zur Ruhe gelangende ewige Jude! Ja. meine Andächtigen, von dem israelitischeu Häuflein rede ich. dem Paria unter den Volksstammen. Paria im grauen Altcrthumc, Paria im finstern Mittelalter, Paria in der vielgepriesenen Gegenwart! Hört Ihr bcu Hohn, vernehmt Ihr den Spott, dringt zn Euch der Angstrus ans dcu russischen Steppen, crnpsindet Ihr die Schmach der Blutanklage im Angesichte der ganzen Welt, verschließt Ihr Euer Ohr nicht beit Hetzreden, — wer Augen hat, der schaue, wer Ohren hat, der vernehme die ganze niederschmetternde