Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1884)
- Article
- Zum Verständniß der neuesten Phase der Reform
- Date
- 1884-07-17
- Page
- 450 (sequence 2)
- Language
- German
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450 cingcbrncfjtcv Antrag des Inhalts: daß die Rabbiner ' auch ihrc 20rqc barauf ridjtrn mögen, daß in den öffentlichen Schulen die jüdischen Kinder nicht die Sabj bathgefete während des Unterrichts durch Schreiben! und Zeichner entweihen, wegen der sich hierin kund-! gebenden religiösen Disscrcn; der Rabbiner kaum ein halbes Dutzend Stimmen erhielt! Trotzdem aber wird behauptet, daß ״ein konservativer Hauch" die Bcrsammlung erfüllte! Das reime sich zusammen, wer von der ״innigeren Beziehung der Heranwachsenden Generation zu ihrer Religion" eine andere Ansicht hat, als Diejenigen, welche diese innige Beziehung in der getreulichcn Erfüllung der Gebote der Religion erstreben zu sollen glauben. Mau erkennt unschwer, welch nnwürdigcs Spie! hier einmal wieder mit der sinnlosen Phrase ״Ausschluß religiöser Differcnzpnnktc von der Diskussion" getrieben worden ist. Wir werden über aus dem mit vieler Vorsicht abgesaßteu ossizicllen Bericht den Nachweis führen, daß den Herren Veranstaltern und der überwältigenden Majorität der Herren Versammelten eS keineswegs mit diesem Ausschluß religiöser Differenzpnnkte ernst gewesen ist, und daß sie noch etwas anderes bezweckten als lediglich vollständig indisserente Thesen für die Hebung und Förderung der innigeren Beziehung der Juden zu ihrer Religion anszustellm. Zuvor aber mochten wir noch Folgendes bemerken. Wenn cs zugegeben werden soll, das; die in Berlin am ck. und n. Juni tagenden Männer unter Religion das Iudenthum verstehen und unter ״religiösen Sinn" das Bewußt sein der Verpflichtung und den Entschluß zur Beobachtung der Gesetze des Jndenthums begreifen wollten, so gleicht die ängstliche Verpönnng einer jeden Erwähnung eines der Gesetze des Jndenthums dem (Gebühren eines Künstlers, welcher der staunenden Welt die Konstruirung des berühmten Lichtenbcrg'schen Messers ohne Klinge. Schneide und Heft ankündigt. Wie man mitleidig die Achseln zuckle, falls ein Mettsch zur Lösung dieses Problems ernsthaft alle Welt als Zuschauer einladen würde, also hätte mau den eigenthümlichen Geisteszustaud jener Herren zu bemitleiden. Da aber die Altnahine eines so gualifizirten Vorhabens doch sicherlich allgemein als völlig ausgeschlossen erklärt werden wird, so bleibt nur die Präsumtion übrig, daß die Herren über die Bedeutung des ganz konkreten Begriffs Indenthnm verschiedener Ansicht sich wußten, diese Verschiedenheit aber als höchst untergeordneter und unwesentlicher Art betrachteten, so daß man trotz derselben sich einig fühlte in der gemeinsamen Religion, das ist in dem Bekenntnis; -cs Indenthums. Da nun die Beobachtung des Wcrkvcrbots am Sabbath als ein solcher Differenz- Punkt von der Versammlung erklärt wurde, dessen man im Interesse der Einigkeit und des Friedens nicht in einer Rabbiuerversammlung erwähnen dürfte, so wissen wir in der That nicht, waS diese Herren Rabbiner, die sich ״die berufenen Vertreter der jüdischen Religion" nennen, unter dieser jüdischen Religion sich eigentlich vorstellen, und zwar wissen wir dieses ebensowenig von der Minorität, 'welche sich mit ihrem Anträge abweisen ließ, wie von der Majorität. Denn die trotz dieser Abweisung mit ihren geehrten Kollegen und Amtsbrüdern als jüdischen Rabbinern und berufenen Vertretern der jüdischen Religion weiter tagende Minorität hat dadurch zu erkennen gegeben, daß sie das Werkverbot am Sabbath als eine offene Frage betrachte. Sie halte allerdings z. B. das Schreiben am Sabbath sür verboten, aber andere Rabbiner könnten anderer Ansicht, und dennoch mit ihnen in dem Vekcnntniß des Jndenthums einig sein. WaS gilt also diesen Herren der Minorität und Majorität als jüdische Religion? — das ist in der That eine offene Frage, seltsam allerdings bei ״dm berufenen Vertretern der Religion!" Was würde man von der Weisheit und dem Ernste einer Anzahl Aerzte halten, welche zur gemeinsamen Berathung über die Heilung eines schwer Erkrankten zusammentreten und als obersten Grundsatz für diese hochwichtige Berathung, von deren Resultat ein Menschenleben abhängt, anssprcchcn möchte: wir wollen über die Mittel zur Heilung bcrathen, das Wesen der Krankheit aber nicht erforschen. Nur die vollendetste Gedankenlosigkcit, oder die absolute Gleichgültigkeit gegen den Kranken möchte also handeln. Achnlich aber wollte man hier verfahren. Es wird zugestandcn, daß eine Krankheit vorhanden sei und zwar äußert sich dieselbe ״im Sinken des religiösen Lebens, Verminderung der Anhänglichkeit an die Religion, Schwinden der ehemals so allgemeinen Opferfreudigkeit" n. s. w. u. s. w. Sicbennndsechzig Männer fühlen sich zur Heilung dieser Krankheit berufen, und sic treten mit vieler Ostentation zu einer Konsultation zusammen — beschließen aber, jede Erörterung über das Wesen der Krankheit sei bei schwerer Ahndung verboten! Uns will es bcdünken, daß Derjenige, welcher über die Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes u. s. w. im Kreise brr Bekenner des Jndenthums Rath pflegen, dabei aber die Erwähnung der religionsgesetzlichen Pflichten ausschließen will und B. die Beobachtung des Werkverbots am Sabbath als einen offenen ״Differenz- Punkt" inn crhalb des Jndenthums, d.i. deSjüdischen Gesctzcs betrachtet — damit die Verpflichtung zur Befolgung der Vorschriften dieses Gesetzes verleugnet hat. (Fortsetzung folgt.)