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Jeschurun · 1884-07-10 · Heft 28 (10.7.1884) · p. 434

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 28 (10.7.1884)
Article
Zum Verständniß der neuesten Phase der Reform
Date
1884-07-10
Page
434 (sequence 2)
Language
German
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fortan die Führerschaft in Israel. Diese Leitung aber bewähren )vir nicht nur in der Vertretung des Juden-!!)Um* nach Außen, sondern in gleich weiser Erkenntiuß und Hebung der religiösen Zustände der Gegenwart. Wir Huben den Bruch der Zeit zuerst erkannt und uns ermannt, ciuzustchen für die heilige Sache der Religion inmitten der Gemeinden des Herrn. Wir haben den Schosurrus ergehen lassen im Lager an alle Hirten Israels, sich um uns zu schaarcn und mit uns aus Mütcl zu sinnen, wie der schweren Krankheit unseres Volkes Heilung zu schassen sei. Es ist eine schwere, ernste Ausgabe, die wir uns gestellt. Bekümmerten Herzens müssen wir uns gestehen, daß sie nicht aus einmal, sondern nur nach und nach ihrer Lösung entgegcngesührt werden kann, und darum müssen die gesannnten Rabbiner Deutschlands einen dauernden Vcrband bilden, ״mit durch den Zusatmucnschluß ihrer Kräfte die heiligen Pflichten ihres Berufes desto wirksanier erfüllen zu können." Also hoffte mau fromm und erbaulich die Stimme alsdann erheben zu können und würde daun in den Besitz der unbestrittenen Herrschaft und Vertretung der gesummten deutschen Jndenhcit gelangt sein, würde der drohenden Gefahr einer gänzlichen Neligionslosigfeit, die keines ״Geistlichen" bedarf, vorgebcugt und die Gesetzcslreneu in das eigene Lager gelockt haben. Es ist die alte Geschichte vom ״Laufe der Welt", wie sie gar nützlich und lehrreich in der Relation der Adenteuer Meister Ncinhard's zu lesen ist. Neuer der hochpreislichen. ansehnlichen und hochehrwürdigen Versammlung des vierten und fünften Juni dieses Jahres zu Berlin schwebt noch bis zur Stunde ein geheimnißvolles Dunkel, das noch wenig gelüftet ist. Doch auch das Wenige ist interessant und bcdemungsvoll. Es waren daselbst neunundsechzig Herren erschienen, welche unter dent Namen ״Versammlung deutscher Rabbiner" tagten. Wir legen kein Gewicht darauf, aber im Interesse der geschichtlichen Wahrheit sei kur; darauf hingeiviescn, daß eine Legitimations- Prüfung der Thcilnchmer nach ihrem Nabbinalsdiplomc nicht stattgefnnden haben kann, da nicht alle Mitglieder dieser Versammlung deutscher Rabbiner sich des Besitzes eines solchen zu erfreuen scheinen. Wir haben schon früher ausgesprochen, daß diese mit so vielem Gerausch vorbereitete Versammlung durch den Ausschluß der Dessentlichkeit von den Verhandlungen für ihre unsterbliche Lächerlichkeit in ausgedehntestem Maße Sorge getragen hat, und fügen heute noch hinzu, daß der erwähnte 35 Seiten umfassende PrÜsidialbericht dieser Unsterblichkeit keinen Abbruch thut. Wir sind nun weit entfernt, die Klugheit der maßgebenden Persönlichkeiten und der Majorität der zusammcngekommenen Herren in Zweifel ziehen zu wollen. Welcher Beweggrund lag aber vor, diese ״fünfte deutsche Nabbinervcrsammlung", wie ein zeitgenössisches Organ dieselbe in seiner pragmatischen Gesichtsanffassung sehr richtig registrirt, mit einem solchen Immergrün zu umkränzen? Beiläufig sei bemerkt, daß dieseNegistrirung als fünfte Rabbiner- Versammlung derselben die ihr gebührende Stellung anweist und ihr Wesen in prägnanter Schürfe karakterisirt. Als ״fünfte" reiht sie sich ihrem Ursprünge und Wesen nach vollkommen ihren Vorgängern, den genugsam bekannten und erkannten Nabbinerversannnlungen ztl Braunschweig, Frankfurt, Breslau und Augsburg an. Sie setzt das dort Angcstrcbte fort, sie hat dasselbe Programm, nur den Zeitverhältnissen akkomodirt, zum Inhalte, sie ist gleich jcnm von Reformern einberufen und will gleich jenen der Reform dienen. Was in Braunschweig, Frankfurt, Breslau nnd Augsburg begonnen, das soll in Berlin seiner Vollendung entgcgcngcführt werden. Wahrlich, es gicbt keine zutreffendere und erschöpfendere Bezeichnung für diese Berliner Versammlung, als diese Negistrirung als fünfte. Doch, kehren wir zu der vorhin aufgeworfenen Frage zurück und versuchen deren Beantwortung. Der Ausschluß der Oeffentlichkcit war uothweudig und die dadurch erzielte Lächerlichkeit der öffentlichen Verathnng vorzuziehen, weil man sich scheute und scheuen mußte, vor aller Welt die innere Zerfahrenheit und Uneinigkeit bloßzustellen. Es herrschte unter den versammelten Herren nämlich nichts weniger als Eintracht und Eininüthigkeit, wie man gern der Welt glauben machen möchte, die Kundgebungen derselben verdanken vielmehr mir einem klugen Kompromisse nach voransgegangencn sehr erregten Debatten ihr Entstehen. Darum wagte auch das Leiborgan der ״Richtung", die nach Berlin vornehmlich ihre Vertreter entsendete, nicht, über die Ver- Handlungen etwas zu bringen, vertröstete vielmehr auf den offiziellen PrÜsidialbericht, und darum wagte auch dieser das Geheimniß nicht zu enthüllen und zieht cs vor, statt der Reden in der Versammlung, die Toaste der ehrwürdigen Vcrcinsmitgliedcr bei dem Banket zu skizziren nnd als Zugabe das von Herrn Musikdirektor Lewandowski komponirte, von Herrn David Hirschfcld verfaßte Tifchlicd der Mit- und Nachwelt mitzntheilen. Das füllt doch auch die Seiten, vielleicht vergißt man darüber die Frage nach den Protokollen. Oder hat man sich gar geschämt, ausführliche Protokolle zu führen?? Da loben wir denn doch die früheren sögenannten Nabbincrverfammlungen. Die hielten nicht so sehr hinter dem Berge. Oder haben die Herren Ziemlich, Lewin, Salzberger und Biram ihres Schriftführerantles nicht zu walten vermocht? Oder giebt es keinen Stenographen in der Reichshanptstadt? (Fortsetzung folgt.)

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