Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1884)
- Article
- Die Exzesse in Nischni-Nowgorod
- Date
- 1884-07-03
- Page
- 425 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933076-2957646--16041-2957688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M 27. Jeschnrun. 425 Die Exzesse in Nishtti-Nowgorod. Ucber btc bereits in Nr. 26 in Kürze gemcldeLcn Excesse gegen die Inden in N i s h n i - N o w g o r o d bringen die ״Russk. Wed." folgende Einzelheiten: Die Unordnungen brachen am 7./!9. Juni in der 5. Linie gegen 8 Uhr Abends unweit der jüdischen Synagoge aus. Diese ist in dem hölzernen einetagigcn Hause Babuschkin nntcrgebracht. In demselben Hause wohnten Christen und eine arme jüdische Familie mit zwei Töchtern, deren älteste etwa 8—9 Jahre, die jüngere etwa 6—7 Jahre alt ist. Um die genannte Zeit demerkten die ans der Straße spielenden Mädchen, daß ein kleines Mädchen in einer Kothlachc stecken geblieben war, sie eilten dem Kinde zu Hülfe und führten cs, wie sie erklärten, nach Hause, um es reinzuwaschcn. Zum Unglück bemerkte irgend ein Weib dieses Veginneu und rief der unweit befindlichen Mutter des Kindes zu: ״Fcoktista! sieh, die Jüdinnen schleppen Dein Kind weg, um cs zu schlachten." Das in dieser Art angerufene Weib brüllte nun ״die Jüdinnen schlachten mein Kind" und befreite das Mädchen aus den Händen der Jndenkinder. Auf ihr fortgesetztes Geschrei sammclten sich Arbeiterhaufen uin sie; die Menge wuchs iimncr mehr und .mehr; die allgemeine Losung war, da bei einer solchen Menge von Leuten eine Verstaudignng unmöglich war: ״die Juden haben ein Mädchen geschlachtet." Die örtlichen Polizei-Soldaten versuchten -cs, die Menge zum Auscinandergchen zu veranlassen, aber cs war vergebliche Mühe. Als der Pristaw erschien, gab er Befehl, die Hanptschreier zu arreiircii; dem widersetztc sich aber die Menge und befreite die schon sestgenommencn Rädelsführer aus den Händen der Polizei. Bis der Gouverneur und Ober-Polizeimeisten an Ort und Stelle erschienen, war die 5. Linie derartig mit Menschenmasscn angefüllt, daß an ein Durchkommcn nicht zu denken war. Der Gouverneur und Polizcimeistcr wurden von der Menge mit Gejohl und Pfeifen empfangen. Unter allgemeinem Gelächter und einem Hnrrah wurden in diesem Augenblicke verschiedene Gegenstände aus der Synagoge hinausgeworfen. Ein Jammergeschrei erfüllt die Lust, dann ist alles wieder still. Bon hier begab sich der Volks- Haufen, nachdem er sein Zcrstörungswerk vollendet hatte, zum Komtoir des Kaufmanns Deizelmanu. Hier spielte sich eine schreckliche Scene ab; der wüthcnde Volkshaufcu drang in das Haus ein, die Thüren und Fenster wurden aus ihren Angeln gerissen, Möbelstucke und Menjchcnlcichcn flogen zum Fenster der zweiten Etage hinaus. Noch ehe die entseelten Körper den Erdboden erreicht hatten, wurden sie von Dutzenden von Armen auf^cfauQcu und dann von der rohen Menge mit Füßen getreten. Die herbeicilcnde berittene Polizeiwache wurde mit Knütteln empfangen; einem der Polizisten wurden die Kinnladen zerschmettert. Nun war die Bande unbehindert in ihrem Thun, und alle roheil Instinkte der Menge erwachten, um frei zu schalten und zu walten. Ein Christ wäre fast nnls Leben gekommen, weil er eine in Inden ähnlicy sah. Erst dann wurde er befreit, als er zürn Zeichen dessen, das; er kein Jude sei, ein am Halse hängendes .Kreuz vorwies. Ein anderer Christ, ein <;6 jähriger Mann, wäre von der Menge fast erschlagen worden, weil er dieselbe bat, von ihrem Zerstörnngswerke abzustchen. Im ganzen wiirden sechs Häuser zerstört; das finb wohl auch alle jüdischen Häuser, da in Knnawino überhaupt nur einige wenige jüdische Familien wohnen. Der Korrespondent der ״Russk. Wed." beschreibt 'eine der grauenhaften Sccnen, die sich ihm boten, folgendermaßen: Im Hofe der Synagoge liegt ansgcstreckt der Leichnam eines ältlichen Mannes, das Gesicht ist mit geronnenem Blute bedeckt, an den Füßen hat er ein Paar blutige Socken, der Körper ist bis zum Gürtel entblößt; ein anderer Leichnam gehört einer ältlichen Frau an, das Gesicht ist blutig geschlagen,' die Ailgen sind ans ihren Höhlen gerissen, die Kleider sind von! Körper gerissen, der fast ganz nackt ist. Nicht weit davon liegt die Leiche eines Knaben mit tiefen klaffenden Wunden auf bem Gesicht. Ain Eingang zum Hause sperrt 'der Leichnam eines anderen Knaben den Weg, der Schädel ist gespalten, das Gehirn quillt hervor. An der Ecke der 5. Linie und der Pirojhnikowstraßc bietet sich ein gleiches Bild voll Verwüstung dar. Alles ist kurz und klein geschlagen und in alle vier Wiilde zerstreut. Einige Faden von diesem Hause liegt der entsetzlich verstüinmclte Leichnam des Koinmis des Kansmanus Deizelmanu. Dem unglücklichen greisen Manne lvar es zwar gelungeil, den Fäusten seiner Peiniger zu entschlüpfen und aus die Straße hiuausznlanfen, dort aber wurde er von der Menge wiederum ergriffen und durch einen Schlag auf den Kopf zu Boden gestreckt. Deizelmanu selbst wurden die Kleider vom Leibe gerissen und ihn! seine Brieftaschc mit dem darin enthaltenen Gcldc entrissen. Es wurden ihm vier Nippen gebrocherl. Außerdem erhielt er lioch verschiedene Kopfwunden. Die Leiche eines gelvissen Kopylewskij war derartig vcrstünlnlctt, daß sein alter 70jähriger Pater den Sohn nur an den Uutcrbeinkleidcnl erkannte — das Gesicht war vollständig verschwunden. Die Plüllderluigell und anderen Schandthaten sind hauptsächlich den vagabnndirendcn Arbeitern rc. zuzllschrriben, die eigentlichen Bewohner des Stadttheils Kunawino verhielten sich bei den Ausschreitungcn Passiv oder sogar den Plünderern stilld!ich. Ein Hausbesitzer, Herr Perlow, hat in seinem Hause