Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1884)
- Article
- Die Israeliten Rumäniens und die neueste Phase der rumänischen Judenfrage
- Date
- 1884-07-03
- Page
- 421 (sequence 3)
- Language
- German
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421 Produkt! onskraft des tfaitbcS beiträgt. Daß derRumäne, den Traditionen des alten Bojarendünkels folgend, feine direkte Mitwirkung am vaudwerk viel fach als ernicdrigeud betrachtet und lieber zu den entwürdigendste» Erwerbszweigen greift, als sich durch Arbeitsamkeit eine weniger problematische Existenz zu sichern, daß ferner ein großer Theil unserer Großgrundbesitzer au den Folgen einer sinnlosen Verschwendung zu Grunde geht — daran ist der Jude Rumäniens wahrlich ebensowenig Schuld, als an der Demoralisation unseres politischen und Vcrwaltnngswcsens, von welcher die Blätter tagtäglich die haarsträubendsten Berichte zu bringen haben. Schreiber dieses ist kein Jude und steht im Solde keiner Partei. Aber der Wahrheit gerecht zu werden und aus die seltsamen Widersprüche aufmerksam zu machen, in welche Rumänien zu den Intentionen des Berliner Kongresses bezüglich Lösung der Indensrage gerat Heu ist, ist schließlich Sache der publizistischen Ehrenhaftigkeit. $?0rifs1!cn1nm1nfj. 0־• Anlaß zu diesen Zeilen giebt nur ein Gespräch zwischen Herrn A. und mir. In unserer Gemeinde soll demnächst ein Rabbiner gewühlt werden, und wir unterhielte» uns über die verschiedenen Kandidaten, welche sich bis jetzt haben hören lassen. A. ist in dieser Sache eine einflußreiche Persönlichkeit; obwohl in Theorie und Praxis dem Indenthume gänzlich entfremdet, — der Manu ist ein echtes Kind des ״neunzehnten Jahr- Hunderts", ״Religion" ist, wie er es nennt, nach seinen ״Prinzipien" ein überwundener Standpunkt, — dekleidet er doch ein Ehrenamt in der Verwaltung unserer jüdischen Gemeinde. ״Geschieht meinem Bater ganz Recht," sprach jener berliner Schusterjunge, als er sich die Hände versror, ״warum kauft mir mein Vater keine Handschuhe," — ״geschieht der Gemeinde ganz Recht," dachte Herr A. als er gewählt wurde, und da nahm er, trotz seiner ״Prinzipien", die Wahl zur Lerwaltnug einer Religionsgemeinde an. — Wir sprachen also über die Nabbinerwaht. Ich muß hierbei bemerken, daß ein Neologer bei uns gar keine Aussicht hätte; obwohl die Gemeinde in dieser wichtigsten Angelegenheit, welche ihren Lebensnerv berührt, nichts drcinznreden hat, — cs ist das eine Errungenschaft des ״Liberalismus" iu unserem Berwaltnngskörper —, wäre doch ein ncologer Rabbiner (?) bei uns eine Unmöglichkeit. Ein ortho doxcr — jetzt sagt man ja sogar ״hyperorthodoxcr" — hatte auch wenig Aussicht, gewählt zu werden; unseren Vorstand mitsammt den Repräsentanten, die allein zur Wahl berechtigt sind, überlüust eine Gänsehaut, wenn sie nur das Wort ״orthodox" hören, also so einen .ju.<tL-mjUnu-Mann, oder, wie man das kurz nennt, einen ״Breslauer". Wir hatten nun verschiedene Herren hier bereits gehört, zum Theil wahre Prachtexemplare von Ehamälcons (sic würden als solche jedem zoologischeu Garten zur Zier gereichen), aber, o weh! gerade diese hatten nicht gefallen, und sic hatten doch so sehr darum gebeten, gewählt zu werden und hatten doch öffentlich von der Kanzel herab erklärt, daß sie sehr, sehr bescheiden sein würden, — ich glaube, wenn der Vorstand damals einen Stoa hingehalten hätte, die Herren Kandidaten wären drübergesprungen, mit Toga und Barett! — Da war denn noch ein Kandidat berufen worden, zwar kein in der Wolle gefärbter Orthodoxer, aber derselbe gab sich in seiner Predigt cutschieden als jüdischer Rabbiner — was wir unter diesem Ausdrucke verstehen —, man erfuhr auch, daß er in seinem bisherigen Wirkungskreise das bei nnS entwickelte Programm mit allen Kräften zu verwirklichen strebe. Und der Mann gefiel. Doch da kamen die ״Prinzipien" unseres Vorstandes wieder in's Äpiel, denn man konnte den neuen Kandidaten nach den von ihm entwickelten Anschauungen ganz gut ״orthodox" nennen.. Aber man muß sich mir zn helfen wissen; zuerst wurde er umgetaust, und da bezcichnete man ihn als ״konservativ" nnb dann —, doch ich will Herrn A. sprechen lassen: ״Es ist wahr, der Mann ist konservativ, aber er wird aml; tolerant sein!" Rn» versteht man bei uns in gewissen Kreisen ׳unter diesem Ausdrucke: zn Allem, was vorgeht, ein oder auch beide Angen .;!!drücken. Ich weiß nicht warum, aber jedesmal, wenn ich höre, daß ein Rabbiner ״auch tolerant" ist, fällt mir jener würdige Geistliche ein, welcher die Negierung um Anwendung des Polizeistockes gegen seine lieben Diözcsanen (er bezcichnete sie amtlich mit dem schönen Ausdrucke ״Landjnden") ersuchte,!veil sie seine neue Gcbetordnnng nicht einsühren wollten, oder dessen ״hochwürdiger Amtsbrndcr", welcher ans dem gleichen Grunde die Hülfe von Gcnsdarmen in Anspruch nahm, durch dieselben am ערב ר״ה jdic Thorarollen ans der Synagoge holen und diese schließen ließ. — Also, wir sollen einen Rabbiner erhalten, welcher, nach Herrn A., ״konservativ und tolerant" sein wird. Nun hat uns unser Kandidat keinen Augenblick darüber im Zweifel gelassen, was er uns sein und wie er, wenn gewählt, seine Funktionen bei uns ansnben wolle, und sowohl die ganze Art und Weise, wie er sich gab, als die Informationen, die man über ihn erhalten^ müssen cs als eine Ungerechtigkeit erscheinen lassen, an seinen Worten zu ziveifeln, — und da meint Herr A. trotzdem, der Mann werde konservativ, seinem Progrannn gemäß, und tolerant, in seinen! Sinne, sein. Liegt! darin, ganz abgesehen von dem Nonsens, diese beiden