Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 15. Juni [Nachricht]
- Date
- 1884-06-19
- Page
- 394 (sequence 2)
- Language
- German
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394 aber tiefe Wahrheit, welche bn0 Agadawort an י זה דור דרריציך fnfipfi: jedes Geschlecht hat die Führer, die es . verdient. Doch davon ein anderes Mal — vielleicht.; Mein Beruf alö treuer Korrestwndenl des ״Ieschnrnn"! an? der -Hauptstadt des deutschen Reichs erschöpft sich! ja leider in der Registrirnng der Thaten unserer ver-! s.chiedeneu i^nten Freunde außerhalb unseres eigensten! Zirkels. Und ich habe in Wirklichkeit vollauf zu lhun, j uni in dein einen Wochenberichte den Ereignissen zu i folgen. Ein Ereignis; ist es aber üels. wenn Herr! Stöcker seiner andächtigen Gemeinde beim Bierseidel j predigt, oder Herr Professor Wagner das Auditorium! seiner akadeniischen Korona mit demjenigen der Konserj vativen oder Ehrisilich-Sozialen vertauscht, oder die! ״Krcnzzeitnvg" lobesam in Antisemitismus macht, der! urnvichtigeren Thaten der tninder Gewaltigen nicht zn! gedenken. Und die Wiehligkeit und Bedeutting solcher! Ereignisse wird durch bereu Häufigkeit nicht abgeschwächt. Das ist ja das Kennzeichen wahrer Große.- sie ist immer groß, immer bedeutend. Am lk. d. Mts. zur aiu'nM idjen Stunde hat sich .aber der große Adolf Wagner, Doktor, Professor und Abgeordneter, im Hotel Imperial wirklich selbst übertrosfen. Nachdem er sieh mit lebhaftem Beifall von '1000 Wählern des ersten Bezirks halte empfangen lassen, hielt er eine nicht nur große, sonderi׳. auch lange Rede: und ich fürchtete mit einem große׳.; Theile der Zuhörerschaft schon, daß der große Braun der Juden vergessen könnte. Aber ein Wagner ist treu, er vergißt Derer nimmer, die seinem patriotischen -Herzen nahe stehen. Was wäre Adolf Wagner ohne Inden? Wie eine Erlösung von bc•- klein inender Augst kam es darum über uns, aks die Frage von seinen Rippen so kraftvoll und frisch ertönte: ״Und die Iudensrage?" Ein Sturm des Beifalls braune durch den Saal. Deitn wenn Wagner fragt, so hat er auch schon die Antwort in Bereitschaft. ״Die Schaden unseres Wirthschastslebens, die Picllerei, der Beirug rühren größte nt Heils von den immer wieder eiltwandernden Inden her; deshalb ist in der antisenrilisebcn B.wegnng ein berechtigter Kern enthalten: sie ist nicht ans einzelne Personen zurückzusühren, sondern diese Weltbewegung hat tiefere Ursachen, die in den wirthscbastlichen und sittlichen Schwächen des Indenth'.ims zn suchen und die buvd) allgemeine Gesetze zu belätnpsen sind." Wie sau! und morsch müssen die Znstände des deutschen Wirthschastslebens sein, wenn die wenigen einwaudernden Inden sie zn unterwühlen wirklich im Staude sein sollten! Ich habe allen möglichen Respekt vor den! Herrn Professor, aber er möge es mir verzeihen, hierin glaube ich ihm nicht, ich kenne das Hetzen auch so ziemlich und weiß, daß das geschäftliche Gebühren des indischen Handelsstandes durchweg ebenso solide ist, wie das der christlichen Kanflente, ich weiß auch, daß die Unredlichkeit keineswegs eine Spezialität der Inden ist. Ich wage eS deshalb, den gelehrten Herrn des Irrthums zn zeihen, bis er mir beweist, daß die vielen Vergehen und Verbrechen gegen das Eigenthnm ״größtcntheils" von Inden verübt werden. Wie er sich mit dieser in dein Tone der vollendcsten Notorictät ausgestellten Behanptung in den schreiendsten Gegensatz zn der Wirklichkcit gesetzt hat, also irrt er sich bei Ausstellung der These von der .,lieferen Ursache" der antiscinilischcn Bewegung. -Hand auf's Herz. Herr Professor — glauben Sie das in der Thal, was Sie hierüber sagen? Sind Sie mit mir nicht auch der Ansicht, daß diese tiefere Ursache ganz anderswo zu suchen ist, und ztvar in dein Neide und dem Hasse und dem Vornrtheile? Meinen Sie nicht auch, daß, wenn die Inden eine ivirthschastlieh und sittlich schwache Menschenklasse wären, die heutige judenfeindliche Bewegung nicht staltsinden würde? Glauben Sie nicht auch, daß wenn die Inden nicht diejenige Stufe der Bildung, Sittlichkeit und des wissenschastlicheu Strcbcns entnehmen würden, die sic erreicht, wenn sie nicht sich bewährten als tüchtige Kausleuke, intelligente Fabrikanten, gewissenhafte Richter, treue Genieindc- und Landesvertretcr, hervorragende Anwälte, bcrnsseisrige Aerzte n. s. w. — alsdann eine Judenfrage nicht ans der Tagesordnung stände?? — Aber so sind nun einmal unsere Freunde, sie verkehren Weiß in Schwarz. Sic wollen die lichten Engel sein, und die Inden sind die leibhaftigen Teufet. Ans Wahrheit tommt es gar nicht an. Da finde ich heute Morgen in der ״N. Pr. Ztg " einen Leitartikel, in welchem ״die christliche Idee vom Werthe der Arbeit" ans das Inden- U)1tm zrirückgeführt wird. Endlich bricht sich die Wahrheit Bahn, rufe ich erfreut aus! Aber weit gefehlt, das böse Ende folgt nach. Das fromme Blatt fährt fort und spricht: ״Erst als das gottbegnadete Volk (die Juden) sich vom Ewigen abgewandt hatte, wurde cs, zn seiner eigenen Dcmüthigung, ans einem Arbeitsvoll ein unstetes -Handelsvolk, das arbeitsscheu umherirrt ans dem Erdball und den Spott der Völker ans sich zieht." Mögen wir immerhin leider unsere Sünden tragen, aber keiner unserer Mitbürger, keine VolkSgenossenschast hat das Recht sich über uns zn erheben in tugendhafter Selbstbespicgelnng. Wir stehen dem Gottesbewnßlsein nicht ferner, als irgend ein anderer Volksstanun. Und wer trägt denn die Schuld, daß wir als ״ein unstetes .Handelsvolk umherirrcn"'? Uns geziemt cs, in diesem Verhängniß die erziehende Wallung Gottes zu erkennen; denjenigen aber, welche uns wider gött- Uchcs Recht und göttliches Pslichtgcbot Jahrhunderte lang in Verblendung gehetzt und verjagt, uns die Luft;11111 Athmen versagt, uns in der Ausübung von Hanthierungen gehindert, uns die Scholle mißgönnt, die, welche uns zu diesem unsteten Handelsvolk gemacht