Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-06-19 · Heft 25 (19.6.1884) · p. 386

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 25 (19.6.1884)
Article
Der deutsche Antisemiten-Bund
Date
1884-06-19
Page
386 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933074-2957462--15899-2957514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

386 ®orten knndzngeben, warum er c? vorgezogen. die Interpretirun^ der '^otfdjaft dein denlschen 'Jlmifcmitcu־־ Bund zu übcrtrancii, warum er nicht die Behörden ciiifar!) angeiviesen, diese?111?)ihm1111 ן fl und Zertrümmermifl ,11 v oll si recken? Verfügt der deutsche Kaiser etwa nicht über eine ausreichende Macht, sind ihm die Be- Hörden nicht willfährig, fürchtet er da? -Häuflein Juden?? Möge der ebriurchkgebielende Inhaber de? deutschen Kaiserlhrone? e? verleihen, das! nur in hypothetischer Fassung solche Fragen mit seiner erhabenen Majestät für einen Augenblick in Verbindung zu bringen gewagt haben. (5? galt aber, da? Widersinnige und die Keckheit;u kennzeichnen, rnelche in der antisemitischen Interpretirung liegt. In unerhörter Weise tragt man eS, den taiserlichen CMcbanFcn in sein (Regentheil zn verkehren. (5? giebt keine nernichtendere Bernrtheitnng der Bestrebungen de? deutschen Aiiliseiniten-Bnnde? al? diese Botschaft de? deutschen Kaiser?. Denn, wa? in der wahre Sinn dieser bedentnng?oollen kaiserlichen Eitläning von der Erhaltung der sittlichen Elemente de? christlichen Volkslebens? Dem hellblickenden?luge ans dem deutschen Kaiserthrone hat sich die Wahrnehinnng nicht entziehen können, daß dem deutschen Bolle eine große (Gefahr durch den in gewissen Kreisen immer mehr nberhandnehmenden Verfall der Sittlichfeit droht. Eine Nation, die sich dem Sittenverderbnis; hiugiebt, geht ihrem Untergange entgegen; Sittlichkeit, d. i. die freiwillige Beachtung de? Siitengesetze?, ist da? Fundament der (Gesellschaft; wehe dem Staatenverbande. der diesen Boden unter seinen Fichen schwinden sieht. E? wird aber eine zweifache Sittenlehre angenommen: die positive und die philosophische. Die erste steht aus der vouGmt geosfenbarten Wahrheit und führt den Menschen zur Vollbringung de? einzig wahren sittlichen Guten; die andere tvil! da? Ideal de? lauten au? der menschliehen Erkenntnis; sich koustrniren. Die Botschaft spricht c? nun an?, das; der Kaiser da? Seil für die sittliche Erziehung seine? Volk? nur nuler der Herrschaft de? Positiven, geosfenbarten Sittengesepe? erblicke, weil — wir glauben diese Begründung annehmen zn dürfen — die philosophische Sinenlehre kein bestimmte?, allgemein gültige?, sondern nur ein der individuellen Anschauung entsprungene? Willen?ideal anfzustellen vermöge. Der Kaiser nennt diese? positive Sittcngesetz da? christliche, weil da? Ehrislenthum seine Moral au? dem geoffeubarten Gvtte?willen schöpft und der -Kaiser selbst sich demselben beugt. Welche Gemeinschaft hat aber de? Antisemiten- Bunde? Bestr.billigen mit dieser christlichen Moral? Predigt diese den Haß oder die Liebe. den Streit oder den Frieden, die Lüge oder die Wahrheit? Ist aber die Liebe de? Nebenmenschen und??Mitbürger? da? leitende Motiv de? demschen?lntiseiniteu-Bunde?? Ist der Friede sein Ziel, wo er ״;um Kampf in cnergischcr Weise" ..für die Zertrümmerung de? Iudenthums" ansfordert? Huldigt er der Wahrheit, wenn er da? Wort an? kaiserlichem Munde umdeiitet und entstellt? Wahr-!ich, der deutsche?lmisemitcMi Bund kann nicht zn den sittlichen Elementen zählen, welche der Kaiser dem deutschen Volke zn erhalten wünscht. Da?.Iudenthnm hingegen steht in erster Reihe der sittlichen Elemente, welche die Botschaft für da? Wohl de? deutschen Volk? ersprießlich hält. Denn, indem der Kaiser von den sittlichen Elementen de? christlichen Volk?lebcn? spricht, kann er nicht nur damit die Moral de? Iudenthnm? nicht ausgeschlossen haben wollen, sondern kann gar keine andere ge nie int haben, al? eben diese. Die christliche Morallehre ist eben die dem Indenthume entlehnte. Man nenne tiu? ein einzige? vom Ehrislenthnme gelehrte? Sittengebot, welche? in dem Indenthume nicht vorhanden wäre. Sind etwa die Zehngebote, die Pflichten de? Rechts und der Liebe, der Reinheit de? Familienlebens, des Gehorsam? gegen die Obrigkeit, die erhabene Lehre von der Allmacht, Allwissenheit und Allliebe Gotte?, wie sie im christlichen Volksleben herrliche Blülhen zeitigen, nicht dem Iudenthnm entnommen und gelangen nicht auch in der jüdischen Brust und in der jüdischen Hütte zur Entfaltung?? Wir wissen 1111? mit dieser unserer Ansfassung der kaiserlichen Botschaft so sehr in vollster Wahrheit, daß nur keinen Anstand nehmen, die deutsche aulisemiteubüudische Interpretation al? eine total falsche, wahrheitswidrige, unsinnige und unmögliche zn erklären. E? will un? bedünken, das; ein llnternehmen, für welches seine Faiseur? in einer solchen Weise Propaganda zu machen sich nicht entblöden, schon um deßwillen in den Angen eine? jeden Redlichen gerichtet ist. Wir haben schon früher nachgewiesen, daß der Antisemiti?mu? weder religiös überhaupt, noch christlich speziell sich nennen könne, und glauben heute gezeigt zn haben, daß cs eine Vorspiegelung und arge Täuschung ist, wenn er sich erfrecht, der Welk glauben zu machen, daß er kaiserlich deutsch sei. So wie die sittlichen Elemente de׳^ christlichen Volksleben? durchaus jndischer Ouelle entstammen, ebenso beruht auch die Sicherheit de? deutschen Kaiserthron? und Reich? auf den sittlichen Elementen, welche da? Ehristcmthnm nur insofern in sich birgt, al? dasselbe seine Sitlcntehre ans dem positiven Born des geosfenbarten Iudenthnm? geschöpft hat. Der Wortführer de? deutschen Antisemiten-Bundes hat mit dem Versuche, dem unheimlichen Gebühren des Antisemitismus die Folie de? kaiserlichen Willens zn verleihen, vielleicht sich von dem Beispiele der von ihm sicherlich bewunderten Muschiks leiten lassen, die unter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.