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Jeschurun · 1884-06-12 · Heft 24 (12.6.1884) · p. 376

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 24 (12.6.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-06-12
Page
376 (sequence 2)
Language
German
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376 sagend, von dannen. Ans dem Wachtthiirmc konnte man deutlich die hohe (bestall des Wächters wahrnehmen, der sich dem nicdern bitter, wetckes uni den viereckigen platten Wachnhurm hernmlies, genähert hatte und in jene Richtung des Thalcs hinnnierspähle, wo sich die dunkle Gestalt des Pfarrers vom mondhellen Wicscnrain abzcichnctc. ״Laß mich hinüber, Johann," ries der Pfarrer zum Thnrme empor, von wo ans die Zugbrücke vcrmittelst eines riesigen Taues beherrscht wurde, indem er sich die zu einem Rohre geformte Faust vor den Mund hielt. Johann harte ihn an der Stimme erkannt. Der Pfarrer war in der Burg eine häufig gesehene Persönlichkeir. Er (icö deshalb ohne Weiteres die Brücke nieder, über welche sich nun der Pfarrer anfs jenseitige Flußufcr begab. Bald hatte er anfwärtsstcigend das Hauptthor erreicht, welches, einen langen finsteren Bogengang bildend, in den innern. sehr weiten Burghof führte. An ben zahlreichen Eingängen, die man am Fuße der Mauern bemerken konnte, standen in voller Rüstung Schildwachen, cm deren blanken Lanzen die Strahlen des Mondes sich matt wiederspiegclten. Rahe zum felsigen Grunde waren in die Mauern kleine Luken eingebrochen: ans einigen derselben drang rothcr, qualmender Fackelschein und ein wimmerndes -lechzen und Stählten in die Nacht hinaus. Es waren das die Luftlöcher der unterirdischen Kasernatten mit den Folterkammern, wo die Henkersknechte ihr blutiges Handwerk betrieben, und selbst der Pfarrer konnte sich nicht eines innerlichen Sch-udcrns erwehren, als er an denselben vorüberging. III. Oben in einem, nach dem Geschmacke damaliger Zeit prachtvoll eingerichteten Saale der Burg sah Georg v. Ormai, die fahle Stirne nachdenklich ans die Hand gestützt. Der Pfarrer halte sich also nicht getäuscht, der Gras war noch wach. Ein mannhaft schöner Jungting in der herrlichen Tracht der ungarischen Magnaten gehl erregt im Saale aus und ab, und bleibt nur zeitweise minutenlang am Fenster stehen, um mechanisch in die Nacht hinaus zu blicken. Es ist dies der ein׳ zigc Sohn und Erbe des Grasen, Engen v. Ormai, der zu seinem Vater, sowohl körperlich als geistig, den möglichst grellsten Gegensatz bildet. Hier daüppige Wuchern sich entfaltender Lebenskraft, dort die nntrüglichcn Spuren nberhandnehmendcr Entkräftung; hier aus dem Bewußtsein der Krastfülle erwachsender Frohsinn und Lebenslust, dort finsterer Trübsinn und überdrüssige Lebenssättignng. Doch auch noch in anderer Beziehung stand Engen zu seinem Vater in einem schroffen Gegensatz. Während nämlich sein Vater ein wollüstiger, menschenfeindlicher Tyrann gewesen, besaß er das Ideal eines edlen unverfälschten Ungarherzens. Heuchelei und Verstellung waren seinem geraden Wesen fremd, die Satzungen der Ritterlichkeit galten ihm mehr als sein Leben, dabei besaß er ein Gemüth von der zarten Empfänglichkeit eines Kindes. Plötzlich hielt der Jüngling in seiner sporenklirrcnden Promenade itinc und richtete die großen Angen bittend znm Vater hin. ״Sagt doch, Vater," sprach er mit vor Aufregung zitternder Stimme, ״ist es denn wirklich erwiesen, daß der Jörg ein schlechter Ehrist, ein arger Ketzer ist? Ist denn die Aussage des Pfarres wirklich hinreichend, um einen Menschen die ärgsten Folterquälen leiden zu lassen, während ihn zu Hans seine verlassenen Kinder weinend und jannnernd und hungernd erwarten. Dringen die Jammertöne des armen Menschen, den man eben auf die Folter spannt, nicht in Euer Herz? Vater, Vater! — laßt cs Euch gesagt sein, ich weiß besser, als Ihr, warum der Pfarrer auf den Jörg einen giftigen Zahn hat: laßt Euch bei Zeiten bereden, befreit den unschuldigen Bauer aus den Kasematten und anstatt seiner den verruchten, schurkischen —" ״Schweig, unreifer Lasse," unterbrach der Vater finster auffahrend den Jüngling, dessen Wangen sich in beredten! Eifer für seine Ucberzeugnng lebhaft gerölhec hatten, ״schweig! und wage esnicht noch einmal, einen Geistlichen in meiner Gegenwart zu bebeschimpfen, oder, so wahr ich Georg v. Ormai heiße, Du sollst Deine Verwegenheit büßen." ״Wenn Ihr mich nur einmal zu Ende hören wolltet, Vater! Es sind keine grundlosen Verdacht!- gnngen, die ich gegen den Pfarrer äußere, ich könntc Euch alles haarscharf beweisen, wenn Ihr cs nur gestatten wolltet. Der Jörg hat eine Tochter —" ״Ha, ha, ha," unterbrach der Alte abermals, heiser anflachend, den Sohn, ״dachte ich mir doch gleich, daß so etwas dahinter stecken muß! — Aber, Junge, was har das Alles mit dem Vater zu thnn? — Mach mit der Dirne, was Du willst und lummere Dich um das Ucbrigc nicht." Empört über den gemeinen Sinn, der seinen Worten bcigelcgt wurde, und die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen einsehend, unterbrach Engen das Gespräch, trat an's Fenster und starrte hinaus.!Fonsttzimg folgt.j

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