Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-06-12
- Page
- 375 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wachtgestirne. Historische Novelle ans der Feudalzeit Ungarns Bon Samuel Berthold Nosnrr. - ^—. (,Jlüittorurt pcrbotenii. ltcK’i••״ fcKun^*jroci>t i'orlu’tyalu'») (Forisrtzuug.) Ein Vogel mochte zu geräuschvoll vom £0111)* dache der Hütte anfgcflogen sein, — oder war cS der immer kälter werdende Hauch der Nacht, der cS bewirkte? — genug, der Psarrer schlug mit einem schweren Seuszer die Augen auf und blickte verwundert im Kreise herum und zum Dache empor, mußte sic aber sogleich wieder schließen vor dem Schein deö silberglänzenden MondcS. Geschlossenen AugeS suchte, er sich seine gegenwärtige Situation klar zu machen und sie durch den Faden dcS Gedächtnisses mit der Vergangenheit in Zusammenhang zu bringen. Der verworrene Faden wollte sich nur mühsam entwirren lassen, und ein jeder Helle Moment kostete dem ehrenwcrthen Pater ein längeres Nachsinuen. Glücklich war er bis zu jenen: Moment gelangt, wo er, einem Bedürfuisse nach frischer Luft genügend, vor die Hütte hinaustrat, von da ab weiter jedoch war alles noch in ein ChaoS dunkler Begriffe gehüllt. Da — endlich wurde cS Licht im Kopfe des Pfarrers, und so schnell eS für ihn nur eben angchen mochte, richtete er sich von der MooSbank auf. ״Heureka, Heureka!" ries er laut und rieb sich die Stirn. ״Wa — was giebt'S. Cminenz — Ehrwürden," stotterte Han nah, aus dem Schlafe cmporsahrend. ״Was belieben, — vielleicht einen Schluck Wein? Du, mein gütiger Gott, wie bin ich erschrocken! Wäre mir nicht gleich ein Paternoster in den Sinn gekommen, ich weiß nicht, wie es nur ergangen wäre; jo erschrocken wie ich war! Gleich sollen Sic bedient sein, Herr Pfarrer!" Der Pfarrer aber rieb sich iuuner noch die Stirne und murmelte in erregten Absätzen vor sich hin. ״Hm — die Maid, die Maid — ja — er soll mir'S büßen — ja, büßen soll er mir'S, der verdammte Indcnjunge — der — der — ich kenn' ihn schon — ha! —" Unterdessen hatte die treue Hannah anS dem nebenan stehenden Fasse ein GlaS Wein abgczapft. ״Vier, trinken Sic, Ehnvürden, das wird Ihnen bernhigcnd über Leber und Nieren hinslicßen. denn Sie müssen wissen, daß eine jede Aufregung von der Leber oder von den Nieren kommt." ..Ach was, von der Leber," brummte der Pfarrer, ״von dem gottverdammten, ketzerischen Iudenbeugcl kommt sic, sag' ich dir, und merk' Dir das! UebrigcnS sollst du auch nicht ganz Unrecht haben, gieb her —״ Er nahm das GlaS und stürzte seinen Iahalt mit einer fieberhaften Hast hinunter. — Wirklich manifcstirtc sich der Wein als ein besänftigendes Mittel, denn das Gesicht dcS Pfarrers legte sich in ruhige Fallen, und die Zeichen der heftigen Aufregung schwanden aus demselben. Jetzt tönten von dem Wachtthnrme der gegenüberliegenden Burg elf heisere Hornsignale herüber. ״Patei־ gloriosus in coelo," seufzte der Pfarrer, ״schon elf ltl)1*! — Mach' schnell, Hannah, fülle die Flaschen und dam: wird'S heißen tüchtig anSgreifcn." ״Wißt Ihr aber auch," schwatzte Hannah, indem sic sich geschäftig mit dem Füllen der Flaschen bcmühte, ״wißt Ihr auch, daß ich mein rechtes Kreuz mit Euch gehabt habe? Du lieber Herrgott, war das ein Schrecken, als ich hinauskomme und Euch im Grase liegen sehe, und Ihr mich anstiertet, wie — wie —, Gott, verzeihe mir meine Sünden —, wie ein besoffenes Mondkalb" — eS war ihr unversehens herauSgcschlüpst, und als cS draußen war, erschrak sie und hielt betroffen inne. ״Schwätz' ein andereSmal und spute dich!" herrschte sie der Pfarrer an. Froh, daß sie so leichten Kaufes davongekommen war, verdoppelte sie ihre Eile, so daß sie nach wenigen Minuten den Heimweg antretcn konnten. Hestig gestiknlirend schritt der Psarrer in der lautlosen Nacht durch die hohen Neben den Weinberg hmunter. Als vorhin die unbedachten Worte Hanuah'S in ihm die Erinnerung an seine ihm von dem Inden zngcfügte Schmach wieder lebhaft erweckten, da erwachte auch sein Grimm, und Nachcgedankcn waren cs, die er nun, heftig gestiknlirend, prüfte und überlegte. Ein schadenfrohes Lächeln der Befriedigung, welches hin und wieder nm seine feisten Mmidwinkcl zuckte, vcrrieth, daß er über solche Gedanken nicht lange in Verlegenheit zu sein brauchte. Als sie ins Thal hinabgelangt waren, spähte er zur Burg hinauf und gewahrte, daß das Fenster, welches jenem Zimmer angehörte, daö der Burgherr bewohnte, noch erleuchtet sei, derselbe nmßte also noch wach sein. Wieder zuckte jenes schadenfrohe Lächeln um seinen Mund, und er murmelte: ״ES ist ein gutes Zeichen, daß ich ihn noch treffen kann. Hannah," aber befahl er laut: ״Geh' heim und bringe alles in Ordnung, bis ich nach Hanse konnne; ich werde noch einen Gang zum gnädigen Herrn hinauf machen. Spute Dich!" Die Alte wollte Einrede erheben gegen die unerhörte Zumuthung, in der Geisterstunde allein nach Hause zu gehen, aber schon war der Pfarrer mit großen Schritten der Zugbrücke zu vorausgceilt. Einsehend, daß ihr Protest nichts nützen würde, ergab sie sich in ihr Schicksal und trollte sich, ein Paternoster her-