Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1884)
- Article
- Der deutsche Antisemiten-Bund
- Date
- 1884-06-12
- Page
- 371 (sequence 3)
- Language
- German
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371 der Versammlung, der gegen diese sträfliche Willkür; Protest cinlegte? War denn Keiner anwesend, welcher aufstand, um den Redner;um Schweigen zu bringen, um ihn vor einer so unwahren und unziemlichen Deduktion zurückzuhalten? Ach, das uns vorliegende Referat hat zu derselben nur den ״lebhaften Beifall" der Anwesenden zu konsratircn. Uns wird cs darum wohl vergönnt sein, dem Herrn Pickcnbach gegenüber die kaiserliche Botschaft nach ihrer wahren Bedeutung uns zum Bewußtsein zu bringen. (Schluß folgt.) Die friiiilifiiilfr IildkWsse. Wehmüthig und dennoch freudigen Sinns schauen wir, wie sie allmälig von dem Erdboden verschwindet, die alte Gasse, die ehemalige Wohnstätte unserer Väter in der freien Reichsstadt. Welches Leben ward hier in dem engen dunkeln Raume Jahrhunderte lang gelebt! Wie unfreundlich auch die Welt dem Jndcu begegnete, wie Verachtung und Hohn, Haß und Schimpf seilte Begleiter waren aus dem Wege, den er unter einer mißgünstigen, thcils rohen, theilS verblendeten Zcitgenosscttschaft zu wandeln hatte, hier in diesen schinalen Gänge», die kaum der Sonne Licht zu erhellen vermochte, erblühte ihm ein Paradies, nur das seine Neider, -Hasser, Verfolger und Feinde ihn beneiden durften. Mochten draußen die Leidenschaften — nicht nur gegen ihn — wütheu, mochten draußen Gewalt, Rohheit und Fanatismus das Szepter schwingen, in der Judcngassc herrschten Frieden, Tugend, Sittlichkeit, Gottesfurcht und Gottvertrauen, in der Judcngassc entwickellc sich ein Familienleben von einer Reinheit, Zartheit und Innigkeit, ein Gemeindelcben von Brudersinn, Rechtsgcfühl und Menschenliebe getragen, ein Geistesleben in emsiger Forschung über die höchsten und erhabensten Anliegen der Menschheit, daß auch wir, die jpätgeboreueu Enkel dieser Ghcttobcwohner in ehrfurchtsvoller Bewunderung vor dieser unscheinbaren, aber wahrhaft großen Vergangenhcit das -Haupt beugen. Die Judcngassc war ein Tempel der Tugend, vor dessen Schwelle die Lüge und das Unrecht und die Gottlosigkeit scheu zurückwichen, in der Judcngassc war Gott und Seinem Gebote der Altar errichtet, auf welchem vom frühen Morgen bis zur späten Nacht, vom Anfang des Jahres bis zun: Jahresansgang, wahrhast gottgefällige, reine Opfer dargcbracht wurden. Da zog er hinaus am frühen Morgen des ersten Wochentages, dein Ahn, du Sohn der Gegenwart, der du in Palästen wohnst und in stolzer Karosse durch die breiten -Hauptstraßen dahinfährst, den Bündel ans dem Nacken, den Stecken in der Hand, um draußen auf den Bancrgehöflen und den Herrensitzen den Unterhalt für des .Hanfes Nolhdurft und Nahrung zu suchen. Spott und Verachtung waren seine Geführten; ״Jnd* mach Mores!" schrie ihm der Bube entgegen, ״betrüg' uit, Manschet!" heisellte ihn die feilschende Bauernfrau an; und er hatte nur ein mildes Lächeln für den liebermilth des Knaben und den Unverstand des Weibes. Er dachte an Weib und Kind daheim — und nahm Alles ruhig und gelassen hin. Weib und Kind und das Studium der Thora, das waren die freundlichen Sterne, die ihm leuchteten, zu denen er sich hinfchntc — und kaum hatte er so viel in diesem wahrhaften Kampfe 11111*8 Dasein errungen, wie er für der Woche Unterhalt bedurfte, so eilte er heim zum Ghetto, zu Weib und Kind und zu dem theuern Buche des Gesetzcs, in deren llmgang ihm des Himmels Seligkeit schon hicniedcn zu Thcil ward. Wer zählt die großen Männer, ausgezeichnet an Gelehrsamkeit und frommen Wandel vor Goltz die diese Judcngassc geboren und erzogen hat, die hier gelebt und gewirkt? Geht hinaus ans das Gefilde der Gräber und entziffert ihre Lcichensteinc, schaut euch um in den Sammlnugen der heiligen Literatur und erkennt die Erhabenheit ihres Geistes! Sollen wir darum nicht in stiller Wehmnth hinschauen, wie ein Hans nach dem anderen in den Staub sinkt, wo solche Erhabenheit des Geistes und solche Tugend geweilt?? Dieser Tempel der Gottesfurcht aber war schon lange seiner ursprünglichen Weibe verlustig geworden. Dank deS Lichts, welches aus dem jüdischen Heiligthumc allmälig und immer mächtiger in die Welt hinausgestrahlt, ist auch der Menschen Geist außerhalb der Gasse Heller geworden, und der Menschenliebe bcglückende Wärme hat sich auch ihrem Herzen mitgctheilt. Sie haben gelernt, im Inden den Bruder zu achten und zu lieben, und sie haben die Thoredes Ghettos, die Zeugen ihrer Verblendung, längst uiedergerissen und dem Inden gern einen Platz neben sich cingeräumt. In die -Hütten der von den Juden cittvölkerten Judcngassc aber hatte sich thcilweisc ein Leben entwickelt, welches im schreienden Gegensatz zu dem früher hier gepflegten tugendhaften Wandel stand; die Indengaffe hat längst anfgehvrt ein Hciligthnm zu sein. Und auch darum freuen wir uns, daß sic vom Erdboden verschwindet, auf daß die ehrwürdige Stätte nicht entweiht werde. Der Geist der Ahnen aber möge in den Enkeln sortlcben. Wie sic in dem engen düstern Raume vor Gott gewandelt in jedem Augenblicke ihres Seins, so möge in den glanzvolleren, weiteren Wohnstätien der