Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1884)
- Article
- Die Hyperorthodoxen
- Date
- 1884-05-29
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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340 bereit gesellt sich jetzt noch ״die Streitsucht der Hyperorthodoxie." Tic ״Hyperorthodoxen," großartige Erfindung der genialen Reformer! — Ihre Vorgänger glaubten schon da? Mögliche mit den ׳lCrtI)0b0£cn״ geleistet zu haben, sie aber find größer und genialer. Da lieft Maiicher in den Organen der ganzen und halben Reform, welche Ungeheuer die Hyperorthodvxen find, wie sie den Frieden stören, Feinde jeden Fortschritts sind — und da sollte c? ihm nicht gruseln? Orthodor, ja, da? ließe ich mir noch gefallen, denkt er, aber hyperorthodox — nein, das ist zu schrecklich. Ich muß nun zu meiner Schande gestehen, daß ich nur ein schlichter, unerfahrener Mann bin, der weder lateinisch noch Griechisch versteht, mich aber nicht so leicht in -Harnisch jagen lasse. Mein Nachbar, der sehr furchtsamer Natur ist, kommt so eben mit einer Zeitung in der Hand zn mir herein. ״Haben Sic schon gelesen von der schrecklichen Hyperorthodoxie?" spricht er voller dingst. ״Das mutz doch etwas ganz Entsetzliche? sein; — haben Sie schon einen Hyperorthodoxen gesehen? Gottlob, daß cs bei uns kein solches Ungcthüm giebt'.^ Ich lächle. ״Wie können Sie nur lächeln!" ruft er erregt. ״Sehen Sie doch hierher; die ganze Zeitung ist angefnllt mit den Schandthaten der.Hyperorthodoxen. In allen landen und an allen Orten stehen sic aus und verwüsten die Gemeinden und geben uns der Willkür und bnit Hasse der Antiscmiten preis." Ich ziehe meine Brille hervor und lese in der Thal ganz erschreckliche Dinge von den Hyperorthodoxen. ״Ich möchte nur wissen, was die Hyperorthodoxen sind." fährt der Nachbar fort; ״wissen Sie es denn nicht. Sic sind doch weit in der Welt hernmgckommen, da muß Ihnen doch schon einmal ein solcher Hyperorthode begegnet sein." Dem Nachbar wird die Aussprache des fürchterlichen Wortes sehr schwer, und er sticht durch häufigen Gebrauch sich zu üben. Da war nun freilich guter Nath thcncr; ich erinnerte mich nicht, das; mir jemals ein Hypcrorthodoxer vorgestcllt worden sei, und ich wußte auch nicht, was ich mir unter einem solchen denken sollte. Zum Glück ging der Herr Assessor, mit dem ich ziemlich bekannt bin, vorbei. Ich ries ihn an und erbat mir von ihm eine Erklärung des schweren fremden Wortes. Er mußte ja als Stndirtcr darüber Auskunft geben können. ״Hyper," sagte der Herr Assessor, ״heißt über, ״orthodox" ist zusammengesetzt ans orthos, das ist recht, und doxa Glauben. Hypcrorthodox ist also aus drei Worten znsmiimcngefügr und bedeutet wörtlich: n'ocrrcchlglänbig. Demnach gebraucht inan das Wort Hyperorthodoxie in dem Sinne von übermäßiger Rechtglänbigkeit, und bezeichnet unter einem Hyperorthodoxen Jemanden, der Alles blindlings glaubt, was in den Religionsbüchcru steht." Ich bedankte rnich schönstens und schaute meinen Nachbar fragend an, welcher, gleich mir, ein ununtcrrichtetcr Handelsmann ist, aber gleich mir und den übrigen Mitgliedern unserer kleinen jüdischen Gemeinde, wie man das so nennt, ernst fromm ist, d. h. wir beobachten alle Satzungen des Indenthnms, so wie wir es von unseren Eltern und Großeltern gesehen haben. Der Nachbar schaute mich ebenfalls au, und so herrschte in meiner Stube ein minutenlanges Schweigen. ״Ja, aber um des Himmels willen, dann sind wir ja auch Hyperorthodoxe," rief er endlich. ״Wie kann man da in den Zeitungen schreiben, daß wir so schreckliche Dinge üben!" ״Da sehen Sie, lieber Herr Nachbar," sagte ich. ״Das wäre ein schlauer Streich von den Reformern, wenn er nicht herzlich dumm wäre. Von einem blinden, dummen Glauben an etwas Unvernünftiges kann im Indcnthnm nicht die Rede sein; und deshalb gicbt cs bei uns gar keine Hyperorthodoxe in der üblen Bedeutung des Worts. Wenn wir gewissenhaft unsere Pflicht erfüllen, dann thun wir eben unsere Schuldigfeit. Dieses ist aber den Herren Reformern recht unbegucm. Haben Sie nicht auch mit mir jene Petition unterschrieben, in welcher wir die hohe Negierung bitten, uns nur einen ernstfrommen Rabbiner zu geben? Wir mußten nnS an die Negierung wenden, weil wir ja selbst gar keine Stimme haben bei der Besetzung de? Nabbinats in unserem Bezirke. Und darnlnr sind die Reformer erbost, denn es könnte sein, daß die hohe Regierung unserm Wunsche gerecht werde. Das aber wäre ihnen sehr unlieb, weil sie gern alle Nabbinatssitze cinnehmcn möchten. Hub deshalb wollen sie die Leute einschüchtern und auch in den maßgebenden Kreisen die Meinung Hervorrufen, als ob die Frommen, Gesetzestreuen oder Orthodoxen, wie man uns nun nennen will, den Frieden störten, Zwietracht in die Gemeinden brächten und dergleichen mehr. Wenn man aber der Sache ans den Grund kommt, so waren cs die Reformer, welche die Einheit in den Gemeinden gestört haben. Sie haben ihre gesetzwidrigen Absichten mit Gewalt thcilweisc verwirklicht. Sie haben seinerzeit der Regierung vorgestellt, wie wir ״Landjuden" so ungebildet wären, daß man sie bevormunden müßte, wie das alte Indenthum dildnngsfcindlich wäre und man cs deshalb zu befettigen habe. Erinnern Sie sich nicht aus Ihrer Jugendzeit, wie in unserer Nähe ein Rcformrabbincr cs durchznsctzen suchte, daß man den frommen Juden die Konzession zum Gewerbebetrieb entziehen sollte, und ein anderer der Negierung geschrieben hat, gegen die Lands »den helfe nur der Stock, und wiederum ein anderer die Synagoge schließen ließ, weil die Gemeinde sich nicht der Reform fügen wollte, wie da die Sifre