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Jeschurun · 1884-05-01 · Heft 18 (1.5.1884) · p. 280

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 18 (1.5.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-05-01
Page
280 (sequence 3)
Language
German
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280 Stimme bebte merklich, ״criinicrft Du Dich noch au Deine Kinderjahre? - - an Deine liebe selige Mutter?" ״O, gewiß," erwiderte der junge Mann, indem er sich mit der vmnb über die Stirn fuhr, ״ich erinnere mich der seligen Mutter ne>ch ganz genau, — sie war eine liebe, sanfte Frau —" | ״Und ich habe sie gemordet!" murmelte der Kranke mit bebenden Lippen." ״Nicht so, bester Vater," tröstete der Priester, ״nicht diese unbegründeten Selbstanklagen. — So jung ich damals auch war, so ist mir doch noch Alles im Gedächlniß —- und ersuche ich Dich daher vor Allem, zu bedenken, wenn aueb vielleicht die Nachricht von unserem ttebertritt zur allein seligmachenden Kirche das Ende der Thenren beschleunigt haben sollte — vroenke, daß Du Dein Seelenheil und das Deiner Kinder retten wolltest, als Du Deiner Ueberzengnng gefolgt bist —" ״Thor!" siel der Kranke höhnend ein, ״Thor! — oder willst Du Dich absichtlich betrügen? — Weißt Du nicht, daß noch kein Jude ans Ueberzengnng zu einem anderen Glauben sich bekannt hat? — Meine Ueberzengnng war das Geld des Barons, uttb daß ich ohne dasselbe in den Schnldthurm hätte müssen. — Verstehst Dn's jetzt?" Das Antlitz des Priesters ward erdfahl nnd seine Lippen bebten, doch seine Stimme war fest und sanft wie zuvor. ״Und wenn auch Dein Thun nicht den reinsten Motiven entsprang, — Dein Thun an und für sich war das reinste, das höchste — nnd wenn auch die Beschränktheit der Thenren —" ״Halt ein!" rief der Kranke, indem er sich hastig anfrichtete. — In seinem Aussehen war eine plötzliche Veränderung vorgegangen, die Fieberglnth seines Augesichtes schien geschwunden, geisterhafte Blässe hatte es überzogen und seine Stimme war bald heiser, bald nnheintlich hohl — nur die Augen funkelten noch wie vorhin in wildem unheimlichen Glanze. ״Halt ein!" — widerholte er, indem er wie bc-• schwörend die welke faltige Neuste dem Sohne entgegen׳ streckte. — ״Ich Hab' mein frontntes Weib gemordet — und habe Gott geleugnet. — Er wird mich dafür strafen, aber Er wird mir and) verzeihen — denn ich bereue! — :0! ich bereite! — Aber was ich an — Dir gethan! — Dafür nützt die Nene mir nicht! — D! — O! — Du bist unschuldig gewesen — und so brav! — nnd ich habe Dich gemacht zn Dem, was Du bist!" Thränen entstürzten den Augen des Unglücklichen, er brach in ein lautes konvulsivisches ׳Schluchzen aus. Tief erschüttert bemühte sich der Priester, ihm Trost znzusprechen — es wollte ihm nicht gelingen. In namenlosen Qualen wand sich der Verzweifelnde und flehte zu dem Sohne, dem Glauben zn entsagen, den er selbst ihm erschachert. Doch der Sohn war Priester dieses Glaubens. Die Nacht verstrich und der darauf folgende Tag, und abermals brach die ״)?acht herein. Die Kräfte des Kranken waren in rapider Abnähme. Kati hatte sich wiederholt im Zimmer blicken lassen, ihre guten Dienste anzubieten, doch der Kranke wollte sie nicht sehen, und auch David war daran gclegen, allein bei ihm zu verweilen, daß keilt Dritter die Verzweiflung des Vaters gewahre. Und das Flehen des Verzweifelnden ward immer dringender, immer herzzerreißender. — Doch endlich, endlich, als der Morgen grante nnd einzelne Worte nur mehr röchelnd der Brust des Sterbenden sich entrangen, da erhellte ein Lächeln seine Züge und mit seinen letzten Kräften versuchte er die Hand des Sohnes zu drücken, der sich über ihn geneigt harte, ihm sein Gelöbniß zuzuflüstern. Der Schmerz der Wittwe war laut und nicht ganz geheuchelt; die Abneigung, die der Verstorbene in seinen letzten Tagen gegen sie gezeigt, war allzu groß gewesen, als daß sie nicht hätte befürchten müssen, daß er eine letztwillige Verfügung zu ihrem Ungunsten getroffen. Sie hätte unbesorgt sein können, in seinen letzten Tagen hatte Ehriuann weder ihrer noch seiner Habe gedacht. In schroffem Gegensatz zu den wortreichen Klagen der Wittwe zeigte sich die Trauer des Sohnes. Wie betäubt, wie erstarrt saß er da und schien sich nicht einmal in so weit aufraffen zu können, um die zur Beerdigung erforderlichen Vorbereitungen anzuordnen. Der Ortsgeistliche, seit Jahren der Familie Ehrmann befreundet, traf statt des Sohnes die ihm unerläßlich erscheinenden Verfügungen. Sobald das Begrübniß vorüber, schickte sich David zur Abreise an. Vergebens beschwor ihn Kati unter Bitten nnd Thränen, sie nnd ihre verwaisten Kinder nicht so rasch zu verlassen, wenigstens noch einige Tage bei ihnen zu verweilen. Er schüttelte verneinend das bleiche Haupt, er werde in seinem Kloster erwartet, jagte er, in dem trüben leisen Ton, der säst wie ein verhaltenes Schluchzen klang. — Dagegen konnte freilich Kati nichts einwendcn. Und er reiste ab — doch.im Kloster ward er nimmer gesehen — er hat gehalten, was er dem Sterbenden gelobt.

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