Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1884)
- Article
- Über die Beziehung des Talmuds zum Judenthum und zu der sozialen Stellung seiner Bekenner
- Date
- 1884-05-01
- Page
- 274 (sequence 2)
- Language
- German
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274 Talmud auS denselben geschöpfte Aussprüche und Entscheid nngcn der Gesetzcslehrer mit verpflichtender Kraft, außerdem aber auch individuelle Ansichten, Sprüche, Parabeln n. s. w., welche eine solche bindende Autorität nicht beanspruchen. Ter Talmud besteht auS zwei Werten: Mischna und Gemara. Die Mischna giebt die Ueberlicfernngen in prägnanter Kurze, deren Erläuternngen mündlich verblieben, bis sic etiva 250 Jahre später iit der Gemara schriftlich niedcrgelegt wurden itiid zwar in fast stenographisch atifgenommeueu Diskussionen der Verhandlungen in den Lchrhäuseru, wobei auch die entgegengesetzten Bteinungen ausgezeichnet wurden, aus tvelchcn für die Praxis jedoch nur die sich schließlich ergebenden Resultate Geltung haben, wie solche in den Eodiees spsicmansch znsammengesiellt sind. Das Inden- 11)11111, wie cs in der Erscheinung deS jüdischen Volks verkörpert hcrvortritt und sich in dem unbestreitbaren geistigen und sittlicheit Fähigkeiten mtd Tugenden der Israeliten dokumenlirt. in durch und durch ein Produkt der talntudischen Lehre. Ja, auch die wichtigen lehren von der Unkörpcrlichkeit und Unsterblichkeit der Seele, dem jenseitigen Leben, der einstigen gerechten Vergeltung sind in dcnt schriftlichen Bibelwort nur aitgcdeulet und waren der mündlichen Ueberlieferung des Talmuds Vorbehalten. Wenn von feindlicher imb gegnerischer Sritc die Behauptung aufgestellt wordett, der Talmud leiste der Lisi unb Verschlagenheit Vorschub, gestatte Betrug und Unrechtfcrtigk'eit im Verkehr mit Richtjnden, sei ein Feind der Arbeit n. s. w., so ist vvti allen diesem nachweisbar das gerade Gegentheil die volle Wahrheit und jene Behauptungen sind in ihreut Ursprünge nichts als Ausgebltrteu des Hasses, deS Wahns, deS unbewußten Mißverständnisses oder der absichtsvollen Entstcllung. Durch wortgetreue Auszüge weist der Herr Verfasser nach, wie in Bezug auf die Rechtschaffenheit, die Beritfswahl, das Verhalten zu den Negierungen und Mitbevölkerungeu, die Bildmtg deS Geistes und KaraklcrS, die Gcsiitnnug unb Lebcusanschattung, die Familie und Gemeinde, die talmudischc Lehre au ihre Bekenner die höchsten und weisesten Anforderungen stellt, so daß ein jedes staatliche Gemeinwesen sich glücklich schätzen dürfte, wenn seine Angehörigen ihr Einzel-, Familien׳ und Gcsammtlcbeit, sowie ihre Be- Ziehungen zu Fürst und Obrigkeit von den, dem Geiste dieser talntudischen Lehren entsprechenden Grundsätzen durchdringcn lind leiten lassen würden, und daß das Bekeilntniß zu den Lehren und Grundsätzen deS Talmuds nicht das werlhloseste Angebinde sei, welches von den Zähnen des Indcnthnms jedem Genteinwescn mitgebracht werde, das iljucu die Pforten zum Eintritt in sein Gesantnulcben öffnet. Das allgemeinste Interesse der öffentlichen Wohlfahrt eines jeden Gemeinwesens 'kann nur'dadurch gewinnen, wenn seine jüdischen Augehörigen fortfahren. ihre religiösen Uebcrzcngungen, sowie ihr privates und bürgerliches Leben, von dem Geiste der talmndischcn Ueberliefcrungen tragen und bcstintnten zu lassen, und cS bedeutet wahrlich keinen Fortschritt, wenn in so manchen jüdischen Kreisen der Gegenwart daS Band der Anhänglichkeit an dem talmudisch überlieferten Judcuthuut gelockert erscheint, und eine Vertrautheit mit dem Talmud und seinen Lehren nicht mehr in dem Unterrichts- und ErziehnugSplan der Jugend tiud in dem Geistesleben der Alten die ihr gebührende Stelle findet. Gewiß.hat daS jüdische Volk noch nicht daS Ideal sittlicher Pflichttreue in allen seinen Angehörigen, so wenig ausnahmslos wie die Angehörigen irgend eines andern Bekenntnisses erreicht, gewiß giebt es auch gewissenlose, unrechtschassene Juden. Allein, deren Gewissenlosigkeit und Unrechtschasfeuheit ist nicht eine Folge des talmudisch-jüdischen Bekenntnisses, sondern eilt schreieitdcr Widerspruch gegen dasselbe, unb wer ans der Gewissenlosigkeit nitd Unrechtschasfeuheit einzelner Itiden auf den Karakter der jüdischeu NeligionSlehren schließen wollte, ginge völlig eben so fehl, wie der, welcher die haarsträubenden Verbrechen im Ehristcnthnm geborener Menschen gegen Leben, Sittlichkeit- und Eigenthum, von denen fast jedes Blatt der allernenestcn Zeitgeschichte zum Entsetzen aller Zeitgenossen zu berichten weiß, auf Rechnung der chrisllichcn Glaubenslehre zu schreiben sich zu erkühnen wagte. Wir müssen es nnS versagen, auf den überzeugenden reichen Inhalt der Schrift näher einzugchen, und können nur dem lebhaften Wunsche Ausdruck geben, daß dieselbe die weiteste Verbreitung in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen finden möge. Sie wird sicherlich dazu beitragen, in den crsteren die Liebe und Hingebung für daS heilige Bätcrerbe zu befestigen und zu erwecken, in den letzteren aber Borurtheile zu zerstören und eine gerechtere Würdigung des Talmuds und seiner Bekenncr anzubahnen. Don i)mt1 Mliiiii’r finit geht 1ms diis folgrildc S'iljicilmi;11. welches wir nebst der Erwiderung des Herrn Rabbiner Dv. G u g c 11 h c t m c r hierdurch der Oejfentlichkeit übergeben: ״Hamburg, א״ח דפסח תרמ״ד. Die geehrte Redaktion des ״Jeschurun" ersuche ich um gefällige Aufnahme nachstehender Berichtigung in die nächste Nummer Ihrer vielgelcsencn Wochenschrift: Herr Di׳. Gu gen he im irrt gewaltig, wenn er mir zumuthet, die Trennung vom Tempel in meiner Schrift mißbilligt zu haben. Ursprünglich haben sich die Tempel-