Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 16-17 (24.4.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-04-24
- Page
- 263 (sequence 2)
- Language
- German
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263 bic Augen geöffnet werben. Sie müssen sich erst in die Ihnen bislang ungewohnte wissenschaftliche BehändlungSwcisc des Talmud hincinlebcn. Ich will es übrigens keineswegs tadeln, wenn Sie in der Praxis an Allem sesthalten, was Ihnen noch durch Gewöhnheil und Beispiel heilig gilt, Hüten Sie sich nur, baß Sic Andere verdammen, welche vielleicht in gewissen Dingen anders handeln, als Ihnen Recht dünkt, und nehmen Sic an, daß dieselben sicherlich gute Gründe für ihr Thun anznsühren wissen." David schwieg; banger Zweifel stieg aber in seiner Brust ans. Der Gegensatz zwischen der Bnrgwald'schen Auffassung des jüdischen Gesetzes und der bisher von seinen Lehrern Klein und Grodnauer empfangenen war doch viel größer, als er geahnt hatte. Er hatte gewähnt, daß der philosophisch gebildete D1\ Bnrgwald für das Jndcnchnm ein tieferes Verständnis; besitze, als Jene. Wenn David auch im Augenblicke nicht die ganze Tragweite der Bnrgwald'schen Lehre zu erfassen und deren inneren Widerspruch zu erkennen vermochte, so hatte er doch die Empfindung, als wenn eS sich hier nicht um eine Versöhnung der jüdischen Lehre mit der Philosophie handele, sondern um einen Bruch mit der praktischen Verwirklichung deS Gesetzes und daß nicht der Zwiespalt, für welchen Klein und Grodnauer keinen Ausgleich zu finden wußten, nicht nur nicht gelöst, sondern noch erweitert werde. Die mit Leo geschlossene Freundschaft führte ihn auch in das Haus deS Neffen seines Vaters. Der Advokat Wilhelm Marlow, Lews Vater, war der Sohn der verstorbenen ältesten Tochter Samuel Winter'S und zählte zu den gesuchtesten Anwälten. ״Sic haben Sich wohl gefürchtet, einen solchen Sünder anfznsuchen, wie ich nun einmal bin," mit diesen Worten empfing er David zum Willkommen; ״Sic hätten Sich sonst schon etwas früher der verwandtschaftlichen Beziehungen erinnern dürfen, welche den Neffen des Vaters mit dessen Sohn verbinden. Indessen freue ich mich ansrichtig Ihrer endlichen Annäherung. Mein Sohn hat mir bereits viel Rühmliches von Ihnen erzählt. Sie sollen ja ein Ausbund von Fleiß und Strebsamkeit, und namentlich aus dem Gebiete der jüdischen Theologie ein wahres Phänomen sein." Dabei schüttelte er ihm in herzlicher Weise die Hand und half damit dem verlegcnm Jüngling über eine Erwiderung ans diese nicht erwartete Ansprache hinweg. ״Sic haben die Absicht, Rabbiner zu werden; folgen Sie damit dem eigenen Antriebe oder nur bem Wunsche Ihres VaterS?" ״Ich befinde mich in der glücklichen Lage, daß meine Neigung sich mit dem väterlichen ErziehungS- Plane begegnet," entgegnen David. ״Ich kenne keinen erhabeneren Berus als den eines Lehrers und Predigers der Gotteslehre. Bon frühestem Lebensalter an schwebte mir ein solches als das begehrcnSwertheste Ziel vor, und die mir zu Theil gewordene Unterweisung und Erziehung unterstützten das Verlangen meines kindlichen Herzens." ״Dann sind Sie in der That zu beneiden," meinte Marlow. ״Ich kann allerdings nicht begreifen, wie ein junger wissenschaftlich gebildeter Mann in der Gegenwart noch jener naiven Anschauung huldigen kann, die unseren unerlenchtcten Großvätern wohl angcstanden haben mag, ttnS aber ein mitleidiges Lächeln entlockt. Und gerade dieser soll Sic beherrschen, wie mir mein Sohn erzählt. Wie können Sie die alten Satzungen und Lehren einer längst überholten Kulturstufe mit dem Namen Religion belegen. ES mag interessant sein, in den vergilbten Urkunden zu forschen, das gebe ich zu, — aber zu forschen, um dergleichen als heilig und gottwohlgefällig zu lehren und zu predigen, das ist doch wahrlich ein Anachronismus. "Nichts für ungut, junger Freund und Vetter, aber ein derartiger Afterglaube paßt wahrlich nicht zu klassischer und philosophischer Bildung, und für einen solchen wollten Sie sich begeistern! Da Hütten Sic in Ihrer Klause zu Hochfelsbürg bleiben sollen, um bei den Mumien selber zu einer Mumie zu werben." ״Ich fühle mich nicht im Stande, auf einen Streit über Prinzipien religiöser Art einzngehen," versetzte David; ״ich habe!loch zu lernen und will lernen. Indessen glaube ich, daß eine Ausgleichung zwischen den anscheinenden Gegensätzen zu finden ist, wenn man das Indenthum und seine Anforderungen an die Handlangen der Menschen in der tieferen Bedeutung aufznfassen versteht." ״Da haben Sie recht, lieber Vetter," rief Marlow; ״ich leugne aber, daß für die Zcrcmonialgesetze sich eine tiefere Auffassung finden läßt, ich leugne die Möglichkeil einer Ausführung zwischen kindlichem Buchstabenglauben und gereistem philosophischen Verstände. Die ׳ reine Idee deS JudcnthnmS erschöpft sich in dem mosaischen Gottesbcgrifse und der wirklich lautern Moral des Pentateuch; nur auf dieser Basis läßt sich ein den! heutigen Stande der Bildung und Wissenschast entsprechendes NcligionSshstem aujrichtcn. Zu einem solchen bekenne ich mich, und eS in daö Volk einzufnhren, ist das Ziel der Reform, der radikalen, nicht halben lind phrasenreichen Reform. Deshalb bin ich ein Feind Bnrgwald's und seiner GesinnnngSgenossen. Diese Herren sind die echten Psasfen comme il fallt. Sie glauben selbst nicht, waö sic dem Volke predigen. Da sind mir teilte Grodnauer achtungswert her und vernünftiger. Was diese lehren, ist ihnen heilige Ueberzeugnng, die ein gebildeter Mann natürlich nicht theilen kann; jene aber führen einen Eiertanz auf; sie wollen aufgeklärt sein und vom alten Aberglauben