Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 16-17 (24.4.1884)
- Article
- Salomonische Spruchweisheit
- Date
- 1884-04-24
- Page
- 251 (sequence 2)
- Language
- German
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251 Heftigkeit des Gemüthes, die leicht zu Zorn und Wuth sich steigern kann, selbst in ihren schwächeren Graben, in nicht geringem Maße verderblich wird, und welcher Segen der Geduld und Langmut!) imicwohnt. Der Friede weicht and der Umgebung des jähzornigen, der Zorn raubt dem Geiste die Besinnung und dem Gemüthe die sonstige Milde und lägt Reden führen und Dinge thnn, vor denen man bei ruhiger Ucberlcguug zurückgcschrcckl wäre, und die man, wenn der Zorn verflogen, und besonnene Ruhe zurückgekehrt, bitter be׳ reut und ihrer nur mit Scham gedenkt. Bemerkenswerth ist cs, daß nach unseren Sprüchen Heftigkeit ansteckend ist, 1xub im Umgang mit heftigen Menschen man leicht selbst diese Untugend von ihnen annimmt. Vielleicht trägt hierzu der Umstand viel bei, daß nicht selten heftige Menschen im klebrigen sehr achtnngswcrth und von bcstent, liebenswürdigem Karaktcr sind, so daß nian sich gerne zu ihnen hingczogcn fühlt, und ihr Beispiel um so leichter einen Einfluß auf unsere eigene Gemüthsart übt. Tritt man aber der Anlage zur Heftigkeit nicht von Anbeginn, nicht in frühster Jugend entgegen, läßt man diese Gemüthsart bei sich anfkoinmcn, so wird später die Selbstbeherrschung unendlich schwer, bis zur Grausamkeit kann die Wuth ausartcn, unwiderstehlich wie ein überschweinmender Strom geht die Zorneslcidcnschaft über uns hin, imb au Widerstand ist nicht zu denken. Und doch sollte dem Heftigen das Bewußtsein seiner Heftigkeit das stärkste Motiv sein — nicht heftig zu werden. Ist Heftigkeit n i-ch t eine llntngcnb?. Nicht ein sehr bedauerlicher, dem Heftigen selbst wie seiner Umgebung höchst unliebsamer, ja leicht Verderb׳- sicher Fehler, den er gerne lassen möchte, aber meint, nicht lassen zu können, und darum auf Nachsicht seiner Umgebung rechnen muß — und er wollte mit Fehlern seiner Umgebung nicht dieselbe Nachsicht üben, die er für seinen Fehler so sehr in Anspruch nehmen muß lind in Anspruch nimmt?'?! llnb doch wird die so nahe liegende Aufgabe der Selbstbeherrschung so schwer, daß Den!, dein sic gesingt. eine weit ruhmreichere Palme als einen! slädtebezwitigenden Helden gebührt. * Verstand hat ein Mensch gezeigt, wenn er Langiniiti) geübt, Und es gereicht ihm zu Ruhm, über ihm zngcfügteö Uitrcclit hinwegzugehen. (19,. 11.) Wer in großen Zorn gerarhen, muß seine Strafe tragen, Denn wolltest dir retten, du vermehrtest ihn nur noch. (19,19.) Der Geduldige gewinnt Einsicht, Der Ungeduldige nimmt Unwcisheit als Hebe. (14,29.) Gemeine Naturen schätzen Den geringe, der sich Viel gefallen läßt, und meinen, Der vcrgiebt sich etwas, der zu erlittenem Unrecht schweigt. In Wahrheit aber ist Der der Verständige, der seinen Zorn zurückznhaUen weiß: tind erlittenes Unrecht unbeachtet lassen, cs oergcsscn, vergeben kennzeichnet und adelt den cblcrn Menschen. Ist Einer einmal ln großen Zorn hineingerathen, so ist ihn! kaum mehr zu Helsen, er muß die oft sehr mm11gcnehmen Folgen tragen. Denn versucht man, ihn und Denjenigen, dem sein Zürnen gilt, durch Zureden zu retten, so steigert inan in der Regel noch den Zorn. Aber nicht nur im Verkehr mit den Nebcnmenschen ist Geduld von hohem Werth und Ungeduld von großer Schädlichkeit, auch in dem Streben nach Erkenntniß ist das Eine so vorthcilhast, wie schädlich das Andere: Geduld und viel Geduld gehört zur Erlangung richtiger Einsicht. Der Ungeduldige prüft nicht lange und nimmt das erste sich darbietcndc Resultat, und wäre cs noch so nnweisc, als das Beste, als ,T2T,71, aus dem Gcdankcnvorrath heraus. XILi־. Das Urtheil, Schmelze für Silber, Tiegel für Gold, Und den Mann nach Dem, was er rühmt. - (27, 21.) Willst du Karaktcr, Sinncsweise und Grundsätze eines Mannes ans kurzem Wege kennen lernen, so horche still hin auf das, was er rühmt. Wie die Silberschmelze und der Tiegel den Feingehalt des Silbers und Goldes an den Tag legen, so offenbart sich in dem, was ein Mensch rühmt und lobt, in den Gütern 11nb Genüssen, die er als schätzcnswerth preist, und in den Handlungen, denen er seinen Beifall schenkt, der höhere oder geringere Grad seines sittlichen Urtheils, des Adels seiner Gesinnung, der Rechtschaffenheit seiner Grundsätze. der Reinheit und Wahrheit seiner Lebensanschnnnngen: der sittliche Werth des ganzen Menschen. Ansehen der Person gelten lassen, ist nimmer gut, Sonst würde um ein Stück Brot der Mensch ein Verbrechen üben. (26, 21.) Das Urtheil über das, was recht und unrecht ist, nach der Persönlichkeit, die cs betrifft, verschieden ausfallen lassen, ist nicht nur im Gerichte, ist auch außergerichtlich, im geselligen Verkehr und in der gesellschaftsichen Unterhaltung verderblich. Hat man für das Unsittliche und Unrechte ein verschiedenes Urtheil, je