Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 15-16 (9.4.1884)
- Article
- Deutschland : Berlin, 6. April [Nachricht]
- Date
- 1884-04-09
- Page
- 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 bereits mit vielem ftirm nuSpo{a1111t worden ist, und zwar nichts Geringeres, als eine ״Nevision des Schulchan Aruch". Frankfurt a. M, April. Die Saaten des Antisemitismus gehen lustig aus So wird cmS Seligen ft a b t 0. Nt. Folgendes berichtet : In unserem friedlichen Städtchen, das bisher von religiösen Streitigkeilen verschont blieb, scheint man jetzt eine kleine Juden- Hetze inszeniren zn wollen. In einer der letzten Nächte wnrbe die Einfriedigung an dem Borplatze der hiesigen Synagoge demolirt und mehrere Fenster eingeworsen. Hoffentlich gelingt es, die rohen Burschen, auf deren Entdeckung eine angemessene Belohnung ansgesetzt ist, zn erwischen, damit sie der gerechten Bestrafung nicht entgehen. — So betrübend solche Strömungen siitd, ungleich bedauernswürdiger und empörender ist, meiner Ansicht nach, daS NischuS, welches häufig jüdischerscitS hervortritt. Als Beispiel eines solchen und mit großer Rohheit auSgefährten, gelte der folgende Fall, der gewiß dem Urtheile der Oefsentlichkeit anheimgegeben zn werden verdient. Die hiesige Frauen-Ehewro (über die Berhältnisse derselben werde ich demnächst genauen Bericht geben) erfüllt ihre frommen und mühevollen Pflichten ohne jegliche Rücksicht auf die religiösen Gesinnungen der Verstorbenen oder deren Familie. Eine der Damen dieses Vereins hatte sich dieser Tage zu diesem Bchufe in ein SlerbehanS begeben, würbe aber daselbst in höchst unangemessener Weise mit der Frage empfangen, was sie denn hier thnn wolle? Auf ihre Entgegnung, daß sie die entsprechende Obliegenheit erfüllen wolle, wurde ihr in nicht mißzuverstehcndem Tone eröffnet, daß solches nicht von Röthen sei. So mußte die würdige ältere Dame sich zurückziehen, — um eine Ersahrnng in Betreff der Bildung gewisser Kreise reicher. — Ein ähnlicher Fall hatte sich vor einigen Wochen zugetragen, der aber insofern milder zu benrtheilen ist. als die Taktlosigkeit nicht von einem Familienmitgliede wie hier (eS war der Sohn), begangen wurde, sondern von einem Dienst- Mädchen. Die Frauen waren nämlich zu einer ,,Taharah" bestellt worden, als sie aber an Ort und Stelle kamen, wurde ihnen die Thür vor der Nase zugeschlagen, mit dem Bemerken, daß alles schon besorgt sei. Nun, derartige Fälle sind Gottlob äußerst selten, denn auch viele der dem jüdischen Vebcu Entfremdeten, wünschen doch im Tode nach Weise der Religion, und deS frommen Herkommens behandelt zu werden, und deren Augehörige zollen den sich dieser Pflicht Widmenden mindestens Achtung. — -־־ Die israelitische VersorgungS-Anstalt. welche ihre Aufgabe, alten, erwerbsunfähigen Personen ein Heim zu bieten, nach Kräften erfüllt, hat leider das Jahr 188:3 unter ihre ungünstigsten zu verzeichnen. Trotz der größten Sparsamkeit überstiegen, in Folge der bedeutenden Abnahme an Geschenken, die Ausgaben die Einnahinen um ca. 1500ttä Dabei entspricht daS alte HanS, das seit 1645 benutzt wird, durchaus nicht mehr den Anforderungen. Gegenwärtig befinden sich in dieser Anstalt 17 Pfründner, 12 Anfnahmegesnche mußten schon Mangel au Raum halber unberücksichtigt bleiben. Soll die Anstalt fernerhin segensreich wirken, so müssen ihr auch die Mittel hierzu geboten werden. Die Kosten für einen Pfründner belaufen sich ans «.00^. * Neustettin, 1. April. Die ״N. Stett. Ztg." berichtet: ״Gestern Abend hat das Militär-Kommando mit dem von hier nach Kolbcrg abgehenden Zuge unsere Stadt verlassen, .11111 in seine Garnison Köslin zurückzukehren. Es waren aus die׳em Grunde die der hiesigen OrtSpolizei-Behörde zur Verfügung stehenden ')Nanuschäften durch eiuige Gendarmen verstärkt worden; überhaupt hatten die Sicherheits-Behörden alles gethan, um jede etwaige Ausschreitung, sofort im Keime zu ersticken. Doch erwiesen diese Vorkehrungen sich glücklicher Weise als nicht nöthig, da die Ruhe nicht gestört wurde. Die in der Presse verbreitete 'Nachricht, daß die hiesigen Behörden beim Minister des Innern beantragt hätten, ein Militär-Kommando dauernd in Neustettin zu belassen, entbehrt der Begründung." Oesterreich-Ungarn. V. Pest, 4. April. Aus den Verhandlungen deS Abgeordnetenhauses am 2. d. Mts., in welchen die empörenden Auftritte zwischen verschiedenen Abgeordneten zur Sprache kamen, verdienen die Auslassungen deS Abg. Ignaz Helft) besonders hervorgehoben zu werden. Er sagte u. A.: ״Ich will jetzt nicht erörtern, wer Schuld an der Verwilderung der Zustände in Ungarn trage; aber ganz könne man die gegenwärtige Regierung von dieser Schuld nicht freisprechen. Es ist notorisch, daß der öffentliche Geist in Ungarn gesunken ist, und wir Alle müssen uns deshalb schuldbewußt an die Brust schlagen. Ich schiebe die Schuld nicht ausschließlich der Regierung Zti; aber durch die Duldung deS AutisemitiSmuS in ihren Reihen trug sie viel dazu bei, diese Verwilderung;11 fördern. Hätte die Regierung rechtzeitig gegen diese Propaganda protestirt, so wäre Manches anders geworden. Der Antisemitismus ist nicht bei der unwürdigen Verfolgung einer Konfession stehen geblieben, denn wir gewahren ja bereits auch Antipathien und Feindseligkeiten zwischen christlichen Konfessionen. Bald werden alle Konfessionen deS Landes, sich bekämpfend, einander gegeuübcrsteheu. Dasselbe wiederholt sich bei den politischen Parteien, und eS ist daher die Pflicht des Abgeordnetenhauses, im vorliegenden Falle auf die größte Strenge zu dringen." — Die Berichte, welche über die Wahlen im Lande eingehen, lassen aber befürchten, daß die antisemitische Bewegung