Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1884)
- Article
- Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
- Date
- 1884-03-27
- Page
- 203 (sequence 3)
- Language
- German
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203 bcn jüdischen Krankeripcrein Beiträge ciuznzichcn. — Die wegen Krankheit kommissarisch vcrnomuicne Frau Wolfram befugt dasselbe. — Bon der weiteren heutigen Verhandlung ist nur noch von besouderrin Interesse, dag Beyer aus weiteres ein׳ dringliches Befragen des Präsidenten bei seiner Aussage beharrt, ebenso B n m b ke und D o b b c r st c i rr dasvon Beyer Ausgesagte bestätigen, Letzterer mit Buch hol; lousrontirt, sagt ihm alles in s Besicht und versichert bei allem, was heilig ist, die Wahrheit seiner Behauptung. — ebenso sagt der iuzwischcu eingetrossene Posisekrctär Schmoll das schon von! Berthcidigcr Meibaner Mitgetheiltc aus. — Lchlus; der Sitzung 8 Uhr AbcudS. (Schlug folgt.) Kon'espgildcilZttt und Nachnchtcil. Deutschland. * Berlin, 14. Mär;. Interpellation Belle betreffs der Uurnhen in Nenstalliu. (Schluß.) Ich bin ja weit ent-- scrnk, in dem Hause, wo so viel Sachverständige sitzen, zu sagen, tag er damit nicht seine Pflicht gerhan hätte. Nein, meine Herren, er hat wert mehr gerhan, als feine Pflicht, aber das, was er mehr that, war leider Gottes nichts Gutes! Gr.hat Beugen gesucht, sich selbst;um Beugnis; angeboren und die Beugen hingeschickt; sic sind;um Thcil vernommen worden. Welcher Art diese Beugen waren, darüber hat der Gerichts- Präsident gcnrtheilr Der Herr Landrarh hat and) mit den Geschworenen gesprochen und hat ans deren Urthcil insluirt, vergeblich; er hat auch nur Beugen gesprochen und hat versucht, rillen Beugen — ich bin bereit, ihn zu ,rennen —;um Widerruf seiner Aussage;1t veranlassen. Der Herr L.'.udrarh hat auch — und das ist verbürgt — sich an die Berthcidigung gewandt und hat meinem Kollegen Schennetnann — für die« jcnigcn, die Werth darauf legen, bemerke id), dag das kein Jude ist, id) kenne ihn — ausdrüdlich gesagt, er dürfe ehrenhalber diese Berkheidiguug nicht führet!, weil die Schuld der Angeklagten erwiesen sei. Nun. wenn das ein iminerhin hochstehender Perwalinngsbeamter sagt, wenn er in seinem Kreise nach Beugen gegen die Leute hernmsuchl. wenn er in dieser Weise Partei niinmr und in dieser Weise mit Gesd)worenen, Rid)tcrn und Berthridigern verkehrt, dann kann man dod) sagen, dag die Menschen — und was für Menschen haben wir da gesehen bei der Verhandlung —;11 der Idee kommen, der Antisemitismus sei ein Gott wohlgefälliges Werk, und da sie es in sd)önen Reden nicht von sich geben können, thun sie es eben in Handlungen; die Thal ist ja immer 1tod) wehr als das Wort. Meine Herren, das ist dasjenige was an der Sache;11 tadeln ist, und mag nun der Streit provozirt sein, von wem er wolle, meiner Meinung mach ist die Idee, dag ein Jude aus die Bolksmcngc Steine geworfen har, eigentlich der pure Wahnsinn, wenn mau sich die Siluarion vergegenwärtigt. And) sehr viele christliche Bewohner Neustettins sind in der Lage, wie man mir glaubwürdig sagt,;u bezeugen, dag;war aus der Richtung her, aber nicht ans der Hand der Inder! die Steine gelommcu sind. Das wird sich ja and) später;eigen. Gleichviel, rvoher cs kam, diese Dimension nahm es nur an. weil die ganze Gegend dort getränkt worden ist mit der Arznei — id) will es nid)t Gift nennen —, die in den Lehren des Kollegen Stöcker desrillnt wird. Meine Herren, man hat in Neustenin am Tage der Freisprechung und am Tage doraus Plakate folgenden Inhalts herumgeworscn: ..Bürger Neuftettins, prolcsrirt össcni-!ich gegen das Verfahren des Komtzee Gerichtshofes, we!d)er Wahrheit zu ossenbarcr Lüge macht. Tie Juden selbst haben ihre Synagoge angezündet. Das Urthcil des Schwurgerichts zn Köslin ist allein richtig' Gezeichnet: Raus mit allen Juden'" Die Konnivenz zu einer solchen Richtung, die vorher vorhanden war. hat in dem Volke - und welche Verwahrlosung haben wir dort gesehen! — selbstverständlid) den Glauben erregt, das sei so sehr sd)limm nicht. Was sind das für Beugen gewesen — d)list!id)e Beugen, die in jenem Prozesse anstralenL Der Herr Abgeordnete Stöcker lönutc ein gutes Werk thun, wenn er feine liebevolle Fürsorge, aber anders tvie gewöhnlich, lieber diesen Ghristcn zu Thei! iverden lieste, als diesen Inden, die sic wirklich nicht brauchen. Was ist das für ein Beuge, dcrBnchholz, ein Mann, den man nur durd) besondere Gutsagung nüchtern erhallen konnte! Was ist das für ein Lehrer, der seine Schul« kinder abgerid)tct ha! zu Aussagen und der vergessen hatte, daß er einmal von der Behörde einen Verweis bekommen halte, der sein Bengnist ablehnen ninstrc, als er gefragt wurde, ob er einmal gegen einen Kollegen eine niederträchtige Denunziation gemacht hätte! Solche Beugen sind es gewesen! Was ist das für ein Knabe, der mit der gefüllten Schnapsflasche in der Hand geruscn hat: ״Die Preußen geben den Kampf nid)t ans, in diesem Beidien werden wir siegen!" Meine Herren, sind das christliche Ideen '׳ Sind das arische Ideen, um das sd)önc Wort zu gebraud)enAgrarische mögen cs allenfalls sein, aber arische sicher nidjt. In dieser Verwahrlosung ist das Volk, und von dieser Verwahrlosung konnte man wohl annehlncn, daß die Freisprechung;11 Gx;essen führen würde: und wenn sic am Freitag, am Tage der Freisprechung selbst, nid)t ftatlfanden, so siiidct das seine einfadjc Grklärnng darin, daß am Freitag die sreigesprod)encn Inden noch nicht kamen, sic kamen erst am Samstag, und in Könitz hatte man wohl vorauSgcsehen, was geschehen könnte, denn die Staatsanwaltschaft und die Veriheidiger rirthen gleichmäßig den Freigcsprochcneu, noch 24 Stunden zu warten, damit man Sichcrlieitsvorkclnnngen tresjen löunc. Man erwartete diese Unruhen so sid)er, daß, wie man mir sagte, ein Reporter soglcid) abrciste, n!n frisch Iwrichten zu können, was dort geschehen würde. Nun ist von diesem Berid)tc Manches übertrieben in die Beitnngen hincingclangt. Die ersten Berid)tc sind von denjenigen ausgcgangcn, die von den Unruhen und den Mißhandlungen getroffen worden sind; die haben in ihrer Angst und Üeberstürznng wahrscheinlich Manches übertrieben. Ich habe von dem, was sic sagen, mir nichts zu eigen gemacht. Dasjenige, was der Herr Minister sagt, ist noch vollkommen genug, um zu konstalircn, daß hier ein Landfriedcnsbrnd) grober Sorte vorlicgt, welcher der Strafe nicht entgehen wird. Ich dächte, man könnte damit zufrieden sein, und wir sind cs. Wie man aber dazu kominen kann, wie der Herr Vorredner gelhan hat, nun die Sache nmziidrehen und statt von sd)lechtcn Handlungen der Christen. vom Wucher irgendwelcher andern Inden zu sprcd)cn, das verstehe id) nid)t, wenn man nid)t die Lache ansdrücklid) verdrehen will. An dieser Lad)e ist nichts zu vcrtheidigen, und Herr Stöcker muß sich veilhcidigku, und er hat die An der Vcrtheidignng geivählt, die man im Gcrichtsgebranch die denkbar schlechteste nennt. F׳-st sicht — und id) wiederhole, wir sind dem Herrn Ministkr dafür dankbar —, daß diese Sach«׳, wenn sic erst völlig sestgestellt sein wird, ihre Ahndung finden wird, 1mt> damit sind wir;11 rieben. Ob Herr Stöcker and) damit zufrieden ist, ist eine andere Frage, die mid) gar nidjt inlercssiit. — Minister von P1! ttkainer weist den Borwntf Muilkcl's auf die Be- Hörden zurück; er meint, es habe aus die Verhandlungen keinen Gindruck gemadit, wenn der Landrarh den Bertheidiger von der Ucbernahme des Mandats abgerathcn haben foCltc. Was ihn selbst belrisjt, so habe er ja einen Krintinalkomntissär zur Gr- Mittelung nach Nenstcrtin geschickt. — Tr. H Ln e l wendet sich in scharfer Rede ebenjalls gegen Stöcker; von Minigervdr riimmt diesen in Schutz. Gs betheiligen sich noch pro und kontra Stöcker, Hän 1, M unkel, Belle und Wagner an der Debatte.