Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1884)
- Article
- Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
- Date
- 1884-03-27
- Page
- 201 (sequence 1)
- Language
- German
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J» 1s. Jeschurun. 201 Die zweite schwnrgcrichtliche Aerhaiidluilg! des Neustcttiner Tyimgogeubmudcs. (Fortsetzung.) *□* 5ronilr, ז>.!Würv Um 10 Uhr Vormittags bc- I ginnt die Verhandlung von Neuem. T er zu nach s! airstretcnde Zeuge Goldarbcitcr Bessert sagt heute zum ersten Male ans, und ztvar, wie er aus die Frage des Vcrlhcidigcrs Rechtsanwalt Mcibaucr angicbt, deshalb, weil Herr Löwe im Köslincr Prozeß gesagt habe, ..die Antisemiten haben den Tempel in Brand gefleckt." Diese Acnßerung Lowe's wird durch dessen eigenes Zeugnis; widerlegt Die Aussage Besscn's, das; der Lehrling des Kaufmanns Flatcr, Isidor Borchardt, ihm schon vor Ausbruch des Brandes gesagt, der Tempel brenne, wird von Letzterem, welcher in Berlin kommissarisch vernommen wurde, in Abrede gestellt. — Frau Lindcnbcrg erklärt die Aussage der gleichfalls? kommissarisch vernommenen Frau Matz für unrichtig, wonach sic zu Letzterer gesagt haben soll, daß am Morgen des Brandes der Tempeldiencr bemerkt, daß der Fußboden von einer Flüssigkeit getränkt gewesen sei, ebenso hat sic niemals gesagt, es sei deine Brande ein gutes Geschäft gemacht tvordcn. — Das schon gestern vernommene Dienstmädchen Ratzmcr will nunmehr ihre Wahrnehmungen nicht vom Fasse scheu, sondern vom Hcidemannscheu Hause aus gemacht haben. Aber auch von da ans ist cs nach Gutachten des Ingenieurs Schreiber unmöglich. — Der Präsident läßt nunmehr ein von dem Vorstände der Synagogengemeinde Gumbinnen zugesandtes hebräisches Gebetbuch, welches durch Bctropscn von Wachslichtern ein fettiges Aussehen erhalten, bei den Geschworenen hcrumrcichen. — Der sodann vorgcrnsenc Lehrer Pieper wird intcrpellirt, ob er der Bcrsasser der Denunziation gegen Lehrer Gafskc wegen unzüchtiger Handlungen sei. Pieper verweigert die Antwort, nachdem ihm der Präsident bemerkt, daß er sie daun verweigern könne, wenn er dadurch eine strasgerichilichc Verfolgung gegen sich selbst oder einen seiner Angehörigen zu befürchten habe. — Die Aussagen der folgenden Zeugen sind belanglos. Sic wollen alle Petroleum gerochen haben. Einer von ihnen, Stellmacher Schmidt, hat beilausig wegen Inbrandsetzung seiner eigenen Besitzung bereits 0 Jahre Zuchthaus verbüßt. — Lehrer H ü b 11 c r hat Lcsheim nicht über den Zaun steigen sehen. — Zeuge E r bgnt h bezichtigt den Kantor Lew in, die Acußcrnng gcthan zu haben: ״Leshcim!Hut mir leid, Löwe hat an allem Schuld." — Der Schuhmachcrmeister Srnbbc behauptet sogar, Lemin habe auch gesagt: ..Da wird nichts hcranskommcn, denn die Juden lügen so furchtbar und gestehen nicht, selbst wenn sic schon den Strick um den Hals haben." — Der Präsident scheint gerechte Zweifel in diese Aussage zu setzen und fragt deshalb, ob cs Stubbe nicht ausgefallen, das; ein Jude eine solche Redensart machte, — Stubbe verneint dies — Lew: u erklärt Stnbbc's Acußcruug für falsch. Er habe vielleicht gesagt: ״Löwe ist an allem Schuld," doch habe er, der mit Lewe verfeindet, damit etwas Anderes im Auge gehabt. — Der Gefreite Tictz, welcher heute zum ersten Male erscheint, will gesehen haben, wie Löwenberg wenige Tage nach dem Brande eine Anzahl Kronleuchter trug. — Nach Löwenberg's und Rabbiner 1)1. Hostmann s Behauptung war dies aber l-l Tage nach dem Brande. Tic Kronleuchter waren von der jüdischen Gemeinde zu Bärwaldc entliehen. -- Nach einer kurzen Pause wird zunächst der Vorsteher der jüdischeu Gemeinde zu Nenstenin, Herr Wolfs Löwe, vernommen. Derselbe sagt folgendermaßen aus: Schon 187<> machte sich das Bcdürfniß nach einer größeren Synagoge geltend. Wir kauften deshalb einen Bauplatz für TrSM tfC., überzeugten uns jedoch sehr bald, daß uns zu einem Ncubauc die Mittel fehlten. Wir verkauften deshalb den Bauplatz wieder und ließen die Synagoge ausbauen. Dieselbe wurde erweitert, die Bänke rcnovirt, neue Tcpvichc gelegt, die Sitze derartig vermehrt, daß nicht blos alle Gemeinvcmilglicder hinlänglich Platz halten, sondern auch noch eine Anzahl Reservesitze vorhanden waren. Die Synagoge Hane nach dem Ausbau ohne die innere Einrichiuug einen Werth von etwa!>000,16 Der Ausbau hat nur etwa l'>00 bis •1800116 gekostet. Da wir auch alle Privat׳ Thorarollen, Kronleuchter 3r. versichern wollten, so ließen wir die Synagoge einschließlich alles Inventars mit 1:2 000 ׳JA ver׳ sichern. Bei der Rcguliruug des Schadens erhielten wir aller׳ dings nur 0000 m. Jedes einzelne Mitglied der Gemeinde hat in Folge des Brandes Schaden erlitten. Mir sind verschiedene Sachen, >1. a. ein werthvollcS Gebetbuch, verbrannt, das noch ein Andeitken von meinen Urgroßeltern war, und der mir per» sönlich erwachsene Schaden beläuft sich, einschließlich der von mir gelausten Sitze, aus etwa 000 Jf- Ich erhielt von dem Brande gegen IP/4 Uhr Vormittags Ken:!tuiß. Anfänglich glaubte ich die Nachricht gar nicht, da damals in Ncusicttin ähnliche Tinge häufig kolportirt wurden. Das Gebäude brannte in zwei Stunden nieder. Das; das Feuer mittelst Petroleums augcfteckt war, glaube ich nicht: denn es roch nicht danach. Dagegen war ich anfänglich davon überzeugt, daß das Feuer von ruchloser Hand angelegt worden, weil bereits im Jahre 10:1א uns eine Anzahl Thorarollcu von ruchloser Hand zrrschnitten wurden. Ter oder die Thätcr sind damals niittels FeustcreiuschlageuS in die Synagoge eiugcdrungeu. Die Ge׳ mciudc hat durch den Brand bedeutenden Schaden gehabt; denn wir sind gcnölhigt gewesen, einen Neubau auszuführrn, der r>0 0001/16 gekostet hat. — Präs.: Die Gemeinde zu Neustettin ist aber doch armL — Zeuge: Arm ist sic gerade nicht, sic ist aber auch nicht reich. — Präs.: Wie trieben Sic die '>0000*16 auf? — Zeuge: 0000 J6 erhielten wir Versichcruugsgcldcr, :10 000,06. nahmen wir leihweise ans, und etwa 7—8000*16 erhielten wir von Glaubensgenossen geschenkt — Präs.: Sind Silbcrsachcn auch mit verbrannt? — Zeuge: Die Silbcrbcl)äuge der Thorarollcu ivurdeu den Privatbesitzern jedesmal am Ausgange des Sabbaths zurückgegebcu. — Im Weiteren bcmrrlt der Zeuge: daß mehrere Wochen vor dem Brande regelmäßig Frühgonrsdicnste in der Synagoge stattfauden, sei unwahr. Wenn Zeugen derartige Bekundungen machen, so beruht das auf Einbildung. Wir ersuchten noch am Tage des Brandes den vcrstorlcueu Bürgermeister Ziuglcr, eine Belohnung von 1000*16 für Ermittelung der Braudslister an allen Straßenecken üüsznbieieil- Auch baten wir gleich nach dem Brande den Polizei Präsidenten von Berlin, Geheimen Negieruugsralh von Madai, einen Kriminal-Kommissar behufs Ermittelung des oder der Thätcr nach Ncusicttin zu schicken. Dieses unser Gesuch wurde jedoch ״ans dienstlichen Gründen" abgelehut. Einige Zeit vor dein Brande hatten wir einmal Petrolcumbrleuchtung im Tempel: dieselbe erwies sich jedoch als vollständig unpraktisch, weshalb mir dieselbe wieder abschassicn. — Klempnermcistcr!Werner bcstängt die letzte Bekundung des Borzeugen. — Frau Lchuhmachcrmcister Greiser, die Schivcstcr des Buchhol;, will das Wegkarrrn des Holzes aus dein Hose Hcidemann ö sehr ausgefallen sein, doch ha! sic nicht gesehen, das; zwei Bretter aus dem Zaune ausgcbrochcn waren. — Ter Ehemann der vorigen Zeugin benimmt sich höchst ungebührlich gegen den Präsidenten, so daß dieser ihn zurechtweiscn muß. Seine Aussage, daß, als er aus der Brandstätte erschien, außer Hcidemann, Lesheim 86». und Dahlitz Niemand dort war, wird vom Lehrer Hübner als unrichtig hingcsiellt. — Der folgende Zeuge, Schuhmacher Jperliug, will u. A. Fußspuren gesehen haben, welche im Schnee von der Heidemaun'schen Wohnung zur Hintcrseite der Synagoge führten, während er früher ausdrücklich solches in Abrede stellte. — Schuhmacher Stubbe sagt ähnlich aus. — Schmied Rhode meint heute, die Flamme, welche am Aller׳ heiligsten brannte, sei etwa 2 Fuß hoch gewesen, während er sie