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Jeschurun · 1884-03-20 · Heft 12 (20.3.1884) · p. 187

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 12 (20.3.1884)
Article
Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
Date
1884-03-20
Page
187 (sequence 3)
Language
German
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187 Auf Antrag des Di׳. Lello wird diese letztere Bekundung der Zeugin ebenfalls zu Protokoll genommen. — Krim.-Kommissar Höft: Im Aufträge des Ministers des Innern und mir Znstimmnng des Ministers der Justiz war ich in der gegenwärtigen Prozeß-Angelegenheit nach Neusretliu gereist, um Erhebungen in dieser Loche anznstettcn. Ich bestellte u. A. den Zeugen Buch. Holz zu nur in Mundl'S Hotel. Buchholz sagte mir, er könne nichts weiter sagen, als was er bereits gesagt. Am Abend wurde plötzlich die Thür in meinem Zimmer ganz ungestüm onfgerissen und Bnchhol; trat in vollständig angetrunkenem Znstände herein. (Tr sagte: Nun, Herr Kommissar, sehen Sic! Nun ist es doch klar, daß die Inden den Tempel angczündct haben. Nun liegen die Juden ordentlich drin, nun werden die Juden olle ousgchängt, und wir Christen sind frei. Dieses habe ich in der Heidcmann'schcn Wohnung gesunden, nnd es ist klar, daß dir Inden damit den Tempel angeznndet haben." Bnchhol; überreichte mir ein Papier, in dem die Zündschnur eingewickett war. Ich entfaltete das Papier, besah mir die Schnur und fragte: ״Wa!.n haben Sic die Schnur gesunden?״ Bnchhol; erwiderte: ״An: Tage nach dem Brande fand sie die Bertha Hilger in der Hcidemann'schen Wohnung. Im Sommer 188:5 habe ich die Schnur meinem Freunde Wienicke gezeigt-, wir haben ein Stück von der Zündschnur abaeschnittcn, cs angczündet m!d gefunden, daß Pulver darin sei." Ich sagte: ״Aber, Buchhol;, weshalb treten Sic denn erst jetzt mit einem solch!nichtigen BclastnugSmateria! vor? Weshalb haben Sic das nicht beim Schwurgericht in Köslin vorgebracht?" Bnchhol; antwortete mir: ״In Köslin war das nicht nothwendig-, da wußte ich ja, daß die Inden ohnehin drin liegen." Ich bestellte mir an demselben Abende noch den Wienicke; dieser war aber so betrunken, daß ich nicht mit ihm vrrhaudclu konnte. Ich hieß ihn deshalb aut anderen Morgen iviedcrkommen׳, Wienicke antwortete mir jedoch, er müsse erst mit seiner Frau sprechen, ehe er etwas sage. Trotz wiederholter Vorhaltungen war er zu einer Aussage nicht zu bewegen. Ich bestellte ihn wiederum, und da sagte mir Wiellicke: ״Ich sage nichts; meine Frau meint, ich soll nichts sagen." Inzwischen hatte ich Frau Buch- Holz laden lassen. Diese erzählte mir auch von dem mit der Sä)nnr in der Schmiede vorgeuommeneu Grperimeiil, das!und so sagte auch Bnchhol;' 14 Tage nach dein Brande stattgesundeu habe. Frau Buchhol; bemerkte ferner, sie sei, als dir Schnur in der Heidemauu'schen Wohnung gesunden wurde, zugegen gewesen; sie wußte aber nichts von dieser Anssindnng. — Buchhol; nnd Wienicke bestätigen, daß der Grstcre die Schnur 14 Tage nach dem Brande vorzeigte-, Grperimcme hätten sie jedoch nicht vorgeuommcn. — Der Präsident verwarnt den Bnchhol; in eindringlichster Weise; derselbe bleibt jedoch bei seiner Behauptung. — Kriminal-Kommissar Höst: Ich habe die Vernehmung dieses Zeugen sofort vorbutenus niedergeschricbcn nnd das Referat zu den?Alten cingerercht. — Der Präsident bestätigt das. — Dicuslmäl chen H! lgcr bestreitet mit voller Gutschicdeuheit. die vorliegende Zündschnur gefunden zu haben. — Krimiual-Kommisfar Höft: Ich habe ein Stückchen Schnur angczündct; dasselbe enthält in der Tbat Pulver — Dienst- Mädchen ■טi 11;er verneint die Wcgschasfung des auf dem Heidemann'fchcn Hofe alrsgcstapclten Holzes lnr; vor dem Brande, wogegen Schnlied Wienicke erklärt, dieses von Bnchhol; als geschehen erfahren zu haben. — Arbeiter Liebling, ein Schwager des Bnchhol;, sowie Schnldiencr Lange wollen von Bnchhol; gehör! haben, wie dieser ans dem Umstande, das; er vor dem Brande das Hol; wegpacken nnd;>vci Bretter aus dem Zaune habe ausbrcchcn müssen, Verdacht in Bezug aus den Tcnipelbrand geschöpft, wogegen Schneider Zülsdors, Fleischer H a s;, Kaufmann F r a n i c n st ein, Fleischer Back- Hans und Kaufmann Fabian obige beide Thalsachcn in Abrede stellen. — Darauf crschriul Schuhmacher (Kreiser, ein Schwager des Bnchhol;, welcher einen mit Notizen bedeckten Zettel in der Hand hat, um, wie er später den Vcrlheidigcru sagte, im Falle er von den Verlheidigeru gedrängt werde, zu wissen, uw er ausauge solle. Greiser behauptet sog er, das; Buchhol; l 1 Tage laug vor dem Brande den ganzen Tag über Hol; in den Stall geschafft, doch giebt er auf Vermahnen des Prüsidcnten endlich;n, das; er cuvas übertrieben. Die Thatsache, daß er dem Tischler Kapelle gedroht: ״Na. warte einmal! Mit deinem Zeugnis; werden wir dich schon kriegen," giebt er nur insofern zu, a!S erblos gesagt haben will: ,?Wenn du Zeugnis; ablcgst, so mußt du auch genau wissen, in welchem Spind cs gebrannt hat." — Gs erfolgt nun die Veruehinuug des Dienst- Mädchen Retzmcr, welche zur Zeit des Brandes l:5 Jahre alt und die Schule in Neustetiin besuchte. Sie luifl gesehen haben, daß am Vormittage des Brandes aus dem Zaune zivei Bretter ausgebrochcn waren und Heidcmann Hin. über den Zaun stieg, um nach der Synagoge zu gehen. — Reg.-Banrath Bcn o it erklärt jedoch, das; eS geradezu eine Unmögtichkeil >var, das; Zeugin von der von ihr bezeichncten Stelle ihre Wahrnehmnngcn gemacht, habe; doch Zeugin bleibt bei ihrer Anssage, trotz Verwarnung des Präsidenten nnd trotz der gegentheiligen Aussage des Kaufmanns Fabian, welcher bekundet, daß es ihm nach Ausbruch des Feuers unmöglich war, den Zaun zu übersteigen, da derselbe ganz war nnd vor demselben Holz stand. — Ans Antrag des Rechtsanwalts 1)1׳. Lello bcschließt der Gerichtshof, den Ingenicnr Schreiber behufs Klarstellnng dieser Sache noch einmal vorzuladen. — Kriminal- Kommissar Höst überreicht einen ihm soeben übcrgebeuen Brief, wonach ein Anonyn.uis miltheitr, das; ein großer Herr jüdischen Aussehens fortwährend ans dem Saale in den Korridor gehe und die Zeugen zu bceinslnssen suche. Die Gerichtsdiener erklären, das; sic derartige Wahrnchminigcn nicht gemacht haben. — Nach einer Vanse wird zunächst Lehrer Pieper vernommen. Gs ist auch heute den! Präsidenten nicht möglich, ans ihm Hcra11s;nbek0ln1nen, ob er einen Verweis!vegcn Beschimpfung einer alttrstamentarischen Persönlichkeit erhalten. Schließlich verzichten Staatsanwalt und Verthcidiger ans die Gruiruug dieser Frage. Pieper erklärt trotz der gegentheitigen Behauptung des Zeugen Lesscr, er habe niemals gesagt: ״Wenn der junge Leßhcim bei dein Aiulsgerichtsrath Völ; nicht so grob gewesen wäre, dann hätte ich anders gegen ihn ausgcsagt," ja, er ivirft dein Zeugen sogar vor, daß er Interesse an der Sache habe, daß der Präsident sich zur Bemerkung veranlaßt sieht: ״Ich verbitte mir derartige Redensarien; Sic haben am allerweuigslcn das Recht, Jemanden in dieser Weise;!! bezichtigen. Ja,!!!eine Herren Geschworenen, hier haben wir wieder einmal einen unlösbare!! Widerspruch; eS ist allerdings leider nicht das erste Mal. daß Zeugen sich direkt widersprechen." — Gs erfolgt nun die Vernehmung der Zeiigei! Töpserlchrling Ihwrrt. Malerlchrling Den;in. Schulknabc Krüger, Fleischcrlchrling Wilhelm Krüger, Schnlknabe Liebling nnd einige Andere,!velche thcils noch im Kindcsaltcr stehen, theils zur Zeit des Brandes in demselben standen. Ihre Aussagen machen so sehr den Gindruck des Giugelernlcn, daß selbst der Präsident in fast jedem Falle die Zeugen ermahnt, sich;!!' bedenken, es sei nicht möglich, das; sic so genaue Angaben noch nach :5 Jahren machen fönmen 5c. Karakteristisch für die Art und Weise, wie obige Zeugen die ganze Sache anssissen. ist die in! Lause der Veruchruuug des Den;!!! sestgcstellre Thatsache, daß diGcr au! Freitag zuvor in einem Schuapsladeu gelegentlich eines Gespräches über den Prozeß die Schuapsstaschc emporschwaug und rief: ״Dies ist das Zeichen, mit dem wir die Schlacht gewinnen!" Schon diese Aenßernng des Knaben — denn mir als solchen kann man Zeugen betrachten — würde zur Genüge beweisen, daß eö sich hier um cuvas tiingelcrntcs handelt. -- Schluß der heutigen Sitzung 8:74 Uhr Abends. (Fortsetzung folgt.)

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