Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1884)
- Article
- Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
- Date
- 1884-03-20
- Page
- 185 (sequence 1)
- Language
- German
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M 12 Jefchnrnn. 185 Die zweite schwiirgerichllichc Perhaiidlnug! des Ncilstettincr TylmgogeilbraudeS. ^Fortsetzung./ *71* 5k0nitt. 3. Mär;. Der heutige dritte Verband, lungstag liefert neue Beweise von der Nnzuvertässigkeir der Anssogen der Belastungszeugen. Zunächst wird auf Antrag des Verth. R.-A. Bi ei bau er beschlossen, darüber Beweis;!: erbeben, dag der beute wegen Unwohlseins nicht mehr vernehmungsfähige Lehrer Pieper vor einigen Jahren eine Schülerin zur ׳?!nssage zu verleiten suchte, ein Kollege Picvcr's habe mit ihr unzüchtige Handlungen vorgcnommen. — Tic Hebamme H a s kc, welche zur Pflege des Kindes Hcidemann's sich lnrz vor Ansbeuch des Brandes in dessen Hause befand, bekund«, daß sic daselbst durchaus nichts Verdächtiges wahrgenommrn.— Die Anssage des Schuhmachers Gngscr, nach weicher es vor dem Brande in dem Hcidcmann'schcn Hause ״gesch'.ueclr״ habe, wird durch das Unheil des Rcgiernngs-Banralhs Benoir, sowie durch die Aussage des Fenerversichernngs-Agenten Jnucf widerlegt, welch Letzterer ausdrücklich erklärte, daß er nicht wahrgcnommen, daß cs im Heide1m.m1'scheu Hause brannte, ehe die Flammen aus der Synagoge heransschlngen, sowie daß cs im Innern des Hauses nicht gebrannt habe. — Ebenso unglanbwürdig erscheint die Aussage der M>cthssran Sonnenberg, des Seminaristen Lange und des Pastors Klamcroth, daß im Innern des ans dem Hcidcmann'schcn Hanse getragenen Spindes angelegtes Feuer sich befunden, indem der Tischlermeist« Kopclke, welcher den Spind ansgebesserl, erklärt, daß der bewußte Schrank so lock«׳ war, daß Feurrsnnkrn von außen hineingclangkn konnten. Bcmcrkenswerth ist ferner die Aussage Kopekkcs, daß er wegen dieser seiner entlastenden Aussagen nicht allein in Ncnftettrn, sondern sogar am Berhandlungsrage im Gerichtsgebäude beleidigt worden sei. — Ferner bekundet Bürgermeister flasch ans Barwalde, welcher zur Feit des Brandes Stadtsekretär in Nenstclrin war, daß er, sowie der verstorbene Bürgermeister Zingler an dem ^bm überbrachtcn halbvcrbranntcn hebräischen Gebetbuch keinen Petroleumgcrnch bemerken konnte. — Sehr karakreristisch ist die Bemerkung des Präsidenten ans die Aussage des Rektor W e st ja!, welcher lediglich ans der Unruhe Heidcmanu's und ans dem Umstande, daß Frau .Heidemann das Dienstmädchen nach den Spritzen schickte, die Schuld der Angeklagten folgern will: ״Sie sehen, meine Herren Geschworenen, wie schwer es ist, die Zeugen darüber zu belehren, daß sie Urtheile und objektive Wahrnehmnngen auseinander halten." — — Nach einer 2'si stündigen Pause wird um 5 Uhr Nachmittags die Sitzung mit der Vcrne hm nn g des bei Heidemann bedienstcl gewesenen Arbeiter Buchhol; wieder ansgenommen. Die Vernehmung dieses Zeugen verdient etwas genauer dargestellt zu werden. Buchholz erzählt, daß der junge Heidemann ihn aufgesordert habe, das ans den! Hose Hcidenlann's ansgcstapclte Holz in den Schuppen zn schaßen und ans dem an die Hinterseite der Synagoge stoßenden Zaun zwei Latten ausznbrechcu. Was die Ursache des Brandes betrifft, so könne er mir sagen, daß er am 1.7. und!8. Februar 181א Löwenbcrg mit einer Petrolenmkanne aus der Nysidop: brücke dem Tempel .;«eilen gesehen habe. Gr habe Heidemann wegen Wclü Lohndifsercnz verklagt und deniselben durch Maurer Kaake sagen lassen, er würde ihm, falls er nicht bezahle, etwas;n schassen machen, daß er daran denken solle. Anssällig sei cs ihm gewesen, daß er, gegen alle Gewohnheit, am Morgen des Brandes gegen 10'/- Uhr mit Dung habe ani's Feld fahren rnüssen und er habe daher, als er bald daraus den Tempel habe brennen sehen, gedacht, daß ihn die Inden nur darum auf's Feld geschickt, damit sie den Tempel anstccken konnten. Auch habe er, als er auf's Feld fuhr, den älteren Leßheim mit einer Petroleuinkanne gesehen. Ferner habe er kurz vor dem Brandt ans dein Heidemanli'schcn Wagen ein S'ück Zündschnur ge׳ snnden, die er setz! dem Polizei-Koirnnlssar Höf! überreicht habt. — Präs.: Mit dielet Z!"u:d׳'chmrr sind Sie nun erst jetzt hervor׳ getreten: wie kam das? — Zeuge: Ich wußte nicht, ob dies wrchiig sei. - - Präs.: Wenn man aber Jemanden im Bcrdacht der Brandstiftung hat und sindel ans dessen Wagen cm Stück Zündschnur, dann macht man doch davon Anzeige. Wieso kow'.nt es. daß Sie überhaupt mit diesen Ihren Angaben nach Jahr und Tag hervor-getreten sind, obwohl Sie gleich nach dem Brande mehrfach von dem Staatsanwalt »nid den; Amtsrichter in Nenstektin vernornuien worden sind v — Zeuge: Ich wurde nicht nach dem Petroleum gefragt. — Präs.: Sie sollen ein׳ nral kurz vor dem Kösliner Prozeß in einem Laden deS Kaufmanns Michorv in Nenchntin gesagt haben: Sic wüßten, wer der Thäler sei: Lcslieini sei unschuldig, aber die Heidemann'« müßten in s Zuchthaus? — Zeuge: Das ist nicht wahr. — Präs.: Es werden aber Zeugen anftreren, die das bekunden werden. Sind Sie vielleicht, als Sie diese Acußernng thaken, etwas animirt gewesen? — Zeuge: Ich weis; von gar nichts. — Präs.: Trinken Sie nicht überhaupt gern Schnaps? — Zeuge: Ich trinke wohl Schnaps, aber nicht zn viel: besoffen bin ich niemals. — Präs.: Sie sollen auch einmal zu Jemandem, der Sie fragte: ״Weshalb bist Du denn noch immer bei dem Juden?" gesagt haben: ״Das ist wegen des Tcmpelbrandes?" — Zeuge: Ich incinte, das Geschäft geht schlecht, und da muß inan da bleiben. Präs.: WaS hat das aber mit dem Tempelbrande zn thnn? — Zeuge: schweigt. — Präs.: Wieso kam es, daß Sie nun doch endlich, und zwar zunächst der Redaktion der ״Norddeutschen Presse", Anzeige machten? — Zeuge: Ich habe Tag und Nach! darüber nachgedacht. — Präs.: Wieso kanten Sic denn zur ״Norddeutschen Presse"? -- Zeuge: Ich hörte, daß man sich dort inclden solle. — Präs.: Bon tvern hörten Sie das? — Zeuge: Das rveiß ich nicht. — Präs.: Warum zeigten Sie diese Ihre Wahrnehmungen nicht der Be- Hörde an? Zeuge: Ich glaubte, die ״Norddeutsche Presse" wäre eine Behörde. — Ans Antrag der Vcrlheidigcr Rechts׳ -anwalt 1)1׳. Sello und Instizralh Schennemann wird ans den Akren konstatirt, das; Buchholz sich aus das Zeugnis; des Beyer berufen, daß er den Löwenberg am Morgen des 17. und!8. Febr. ' 1881 mit einer Petrolcumkannc nach der Synagoge zu habe gehen gesehen, und das; Buchholz ferner gesagt, er habe, als er ans's Feld fuhr, den Lcsheim mit einer Petrolenmkanne in die Synagoge gehen gesehen, während er heute bekundet, Lcsheim sei mit der Petrolenmkanne von der Synagoge gekommen. — Buchhol;: Ich habe immer gesagt: Lesheim ist mit der Petroleum« kannc von der Synagoge gekoinmen. — Der Präsident läßt ans den Allen touftativm, daß die Bchanvtnngen der Berthcidiger sich bewahrheiten. — Der darauf vernommene Lleinscymeister Beyer erklärt gleichfalls ans das Bestimmteste, daß am Morgen bes 17. Februar, als er den Löwenberg mit einer Petroleumkaune gesehen, Buchholz nicht dabei war, sowie daß am Morgen des IN. Februar-Löwenberg feine Petrolenmkanne hatte. Die Anssage des Arbeiters Zibell, nach welcher Buchholz diesem erzählt haben soll, er habe um Morgen des Brandes gegen l l Uhr den Lesheim mit einer Petrolcnmkanne ans der Synagogc kommen sehen, und ferner habe er gesehen, wie die beiden Hcidemann's, als das Feuer noch nicht ansgebrochen war, die Fenster der Synagoge rinschlugcn, nimm! Buchholz in Abrede. —- Der Präsident erinnert daraus Buchholz daran, wie er bei jeder Vernehmung anders ansgesagr: doch Buchholz bleibt bei der Ableugnnng des von Zibell Ansgesagten. — Nach der Grklärnng der Frau Winkler seil Buchhol; im Laden bei Michow in Neusrettin gesagt haben: ״Ich werde den Inden einen schönen Ter; in die ״NordLenriche P.-eüe" einsitzen lass«;. Die Heide-