Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1884)
- Article
- Die zweite schwurgerichtliche Verhandlung des Neustettiner Synagogenbrandes
- Date
- 1884-03-06
- Page
- 154 (sequence 2)
- Language
- German
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154 sprach auch b^fifllirf) der Tide allen Anforderungen der Ge« meinde. Tic Synagoge hatte einschtießlich des Gestühls re. einen Werth non 7700-f6: die Jironlcudjicr re. waren in dieser Werthsiinnnc jedoch nicht nritgeeechnet. Wie hoch der Tempel nach dein Ausbau versichert war, weis; ich nicht, eben so wenig lvic hoch das Heidemann'schc Grundstück versichert war. Gs ist mir jedoch erinnerlich, daß die Versicherungssumme dent Werthe vollständig entsprach. Ich halte dafür, daß der Brand dtirch Fahrlässigkeit entstanden ist, da ich wohl einen Terpentingcrnch, nicht aber einen Pelroleumgernch ivahrgenomme» nnd auch nichts bemerkt habe, was ans einen Innstlichen Brandherd schließen ließe. Tie Bänke sind aber mit Terpentinsarbc gestrichen gc• wesen Ich habe auch damals von Niemandem gehört, daß cs bei dem Brande nach Petroleum gerochen, und meine Arbeiter Haber: mir rrichkS gebr..chl, ans dessen Besnnd man annehmen könnte, dasi nrit Petroleum oder einer anderen leicht entzündbaren Flüssigkeit getränkte Gegenstände dorrsclbst waren. — Dieser An» sich: widersprecht der Kreis!>auinspeltor Klee sei dt, welcher Pelroleumgernch allerdings nicht wahrgenommen, lrolzdem aber die Ueber;engnng habe, das; das Jener vorsätzlich angelegt war. Dies schlicsie er einmal ans dem Umstande, dasi so wenig Neste von den verbrannten Sachen vorgesnlldcn wnrdcn, nnd dasi das m'itcr mit so grosier Schnelligkeit nn! sich griff, und das ver« heerendc t^lcincitt sich sofort über alle Th eile des Tempels ver. breitete. Das Jener entstand gegen 11';4 Uhr, nnd bereits gegen 12 Uhr war das ganze Gebäude total cinschliesilich der Dielen nicdergebrannl. Es ist nun;n ׳erwägen, dasi die Synagoge nicht nnterkcllert war. Jener brennt stets nach oben, niemals aber nach nuten; and) kann sich Jener gewöhnlich nicht so ansbreitcn, wie cs bei jenem Brande geschehen. Aus allen diesen Umsrändeit schliesic er, daß der ganze Fußboden mit einer brennenden Flüssigkeit getränkt gewesen sei. — Sachverständiger Negrernugs-Baliralh Benoit Köslin!: Ans Grund dieses Gutachtens kann ich uod) nicht sagen, dasi die Brandstiftung eine vorsätzliche gewesen ist. — Jngenienr Schreiber: Ich kann dem Gutachten des Sachverständigen Kleefeld: nicht beipflichten. Gininal lag unter den Dielen eine drei Zoll dicke Holzschicht, nnd das andere Bia; sielen die cingchaneneil Wände ans den Fußboden, in welcher Folge cs sehr natürlich ist, dasi das Feuer den gesammtcn Fußboden crsasite. — Negiernngs- Banraih B e 1t o i t: Diese lebte Bekundung des Ingenieurs Schreiber macht es erklärlich, dasi der geiammte Fußboden abgcbranttl.— Die Frage des JnstizrarhS Ma korver: ob Petroleum die totale Verbrennung der Holzgcgcnständc bedinge, verneinen die Sachverständigen. — Gs tritt hieraus gegen 3 Uhr Nachmittags eine längere Panse ein. Um 7 Uhr wird die unterbrochene Verhandlung sortgcsetzt, und die von dein Baninspeklor Kleefeld: am 24. Februar iSsl vor de:n Staatsanwalt abgegebene Aussage verlese:!. Danach hat der Sachverständige damals gesagt: Der Fußboden tvar in der Nähe des Atterheiligstcn total verbrannt, theilweise sogar das Fußbodcnlager verkohlt. — Präs.: Herr Negiernngs. Banrath Benoil! Haben Sie nach dieser Bekundung an Ihrem Gutachten etwas zu ändern־{ — Sachverständiger: Nein, die vorgelesenc Bekundung bestätigt ja nur mein Gutachten. Ter Fußboden in der Nähe des Allerheiligsten, wo jedenfalls der Herd des Feuers >var, ist vollständig verbrannt: daraus geht noch nicht hervor, dasi der Fußboden mit einer brennbaren Flüssigscit iniprügnirt war. — Während der Zimmermeister Ncinke die abgebrannte Synagoge vor ihrem Ausbau ohne Gestühl und Gcräthschastcn aus höchstens 1000 J6 schätzt, geben Ingenieur Schreiber und Maurermeister Neubauer deren Werth aus 3000 >M. an. — Der NeaierungSfcldmesscr Zwick bekundet, daß er zur Feit Agent der Stettiner?National. Fellcr-Verslchcrnllgsgescllschast war, welcher Heidcmann versichert hatte, Gr habe sich damals überzeugt, daß die Versicherung der Maaren 'Haute') zu gering gewesen. Hcidenrann habe :>000 cK. von der Assekuranz erhalten. Die beiden Hcidemann kenne er als sehr rechtliche Männer. Als er das Feuer von der Nisydopbrncke ans sah, brannte das ganze Synagvgcndach allseitig lichterloh. — Tischler Schuh kraft und Glaser G eisenb crg sagen'ans. daß die Fenster der Synagoge zun! Thcil auch von außen mit grosier Leichtigkeit geöffnet und ansgchoben werden können. - Baiunspektor Klcefeldt giebt den Werth der a n s g c b r a nute 11 Synagoge ohne innere Giiirichtnng ans 3.'»00,/L an. während Ingenieur Schreiber solche bestimmt aus .7000 146 schätzt. — Nabbiiicr Dt*. H o s f m a u n: Ich bin Nabbiuer in Nenstcttin seil Juli 1880. Die Stadt zählte zur Bei! des Brandes etwa 80-00 jüdische Familien. Die abgebrannte Synagoge hatte Uwa 00 Sitzplätze, die neu ansgebante 120. Der obere Raum der Synagoge, in dem die Frauen ihre Plätze hatten, umfaßte in der abgebrannten Synagoge etwa. 70 Sitze, in der jetzigen sind wohl eben so viele Sitze, obivohl eventuell sich noch mehr Sitze einrichten ließen. In der Ncligiousschnlc, die gegenüber der Nysidopbrücke lag. tvnrde häufig Petroleum gebrannt. Dasselbe hatte, als ich nach Nenstectin kam, der Auge« klagle Lesheim seit. zu besorgen. Aus meine Leranlassnng wiltdc an Wochentagen regelmäßig Frühgottesdicnst abgehalten: das hörte jedoch bereits Anfang November 1880 auf. da ich das nicht mehr dnrchsührcn konnte. Gs fand alsdann nur bei außergewöhnlichen Gclcgenheitcli FrühgottcSdicnst an Wochentagen statt. Bor dem Brande fand das letzte Mal am Montag vorher anläßlich einer Bejchuerdung Frnhgottcsdicnst statt. Daß ohne mein Wissen jemals Gottesdienst abgehalten tvnrde, ist nicht anznnehmen: zum mindesten hätte ich später davon erfahren. — Präs.: Gs ist nun Renten ausgefallen, daß mehrere Wochen vor dem Brande regelmäßig FrüygoUesdicusle an Wochen« tagen stattgcsnndcn haben, während kur; vor dem Brande diese Gottesdienste plötzlich anshörtcn.— Zeuge: Diese Wahrnehmung muß ans Ginbildung beruhen: die Leute haben vielleicht einmal zufällig zwei Tage hinter einander Frnhgottcsdiensie an Wochentagen wahrgenentinen und diese Wahrnchmnilgeit generatisin. — Verth. Iastizralh Lchcnnemann: Welche rituellen Vorschriften bestehen bei den Juden, rvenn eine Thorarollc beschädigt wird? — Zeuge: Die Thora gilt jedem Inden, auch denen, die sich von den Zcrcmonicen bereits losgcsagt haben, als Heiligthnm. Gine Beschädigung der Thora hat ihre Unbrauchbarkeit zur Folge. — Tamil schließt der heutige Vcrhandlnngstag um 7 Uhr. ^Fortsetzung folgt.) Korrcstivildciizeil und Niilholhtcll. Deutschland. Hl (54King, 29. Februar. Der ״Elbingcr Ztg." entnehme ich folgende Mitthcilung über den Mord in Sturz: ״Die am )8. d. Mts. durch Staatsanwalt Martins aus Danzig in Sturz stattgehabte Beweisaufuahme in Betreff des Mordes des Knaben Cybnlla hat, dem Vernehmen nach, sehr gravireude Momente gegen den verhafteten Josessohn ergeben. Unter Anderen war, wie man hört, die Anssage deS Bäckers C. sehr belastend, der versicherte, Josessohn habe ihm gestanden, daß er den Mord nicht begangen habe, jedoch den Thälcr kenne. Nach Abschluß der Voruntersuchnng wird Josessohn von Pr.-Slargardt in das Gerichts-