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Jeschurun · 1884-03-06 · Heft 10 (6.3.1884) · p. 151

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 10 (6.3.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-03-06
Page
151 (sequence 2)
Language
German
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151 (HcmcntinenS Auge mit bcnt Ausdruck!׳ollster, innigster Liebe und zugleich schmerziichsler Entsagung au ihm!)astete, als wolle sie für'S ganze Leben die Züge des Geliebten ihrem inneren Auge einprägen. Sie n׳ar in der That, ohne Wissen des Hofraths. Zeuge seiner Unterredung mit dem jungen Manne ge׳ wesen. Mit der DivinatiouSgabe eines liebenden Mädchcnherzcns hatte sie cS längst errat Heu, sowohl, dag Ehrlnaun sic lcidenschasttich liebte, als auch, daß seiner Liebe ein ernstes, wem! nicht gar unnberwiudticheS Hindernis; entgegen stehe — welcher Art dieses Hindcrniß, das freilich konnte sie nicht errathcn. Darum hatte sie auch den Antrag des Freiherr!! weit weniger entschieden zurückgcwieseu, als der Hosrath es erwartet hatte. Sie wußte, daß ihr Vater cS sehnlichst wünschte, sie vcrheirathct, glücklich versorgt zu sehen, wie er cs nannte — sie aber wähnte das Glück an de!! Besitz eines Einzigen geknüpft — und wenn sie diesen Einen nicht erlangen konnte, so war ihre Rechnung mit dem Glück abgeschlossen. Doch ihr Vater sollte dieses nimmer gewahren; konnte sie nicht glücklich sein, so wollte sie cS wenigstens scheinen, und dieses schien ihr am leichtesten an der Seite jenes freundlichen alternden Mannes, den sie seit ihrer frühesten Kindheit als treuen väterlichen Freund verehrt. Aber vor allen! galt cS, sich.Klarheit zu verschaffen, und darum hatte sie rückhaltsloS dem Vater die Neigung ihres Herzens bekannt und war in ihn gedrungen, Ehrmann zn einer Erklärung zu bringen. Freudigen Herzens hatte der Hofrath die Bekenntnisse seines KindcS entgegengenommeu; auch ihm wäre der junge geistvolle Bernfsgeuossc ln der willkommenste Schwiegersohn gewesen, und er hielt cS undenkbar, daß die Neigung seines liebreizenden Kindes nicht erwidert werden sollte. Gern hatte er;!!gesagt, ihrem Wunsche zu entsprechen, und nur die Bedingung gestellt, Elemeniine möge indessen der Einladung der Gräfin Hartig Folge leisten. Elementine hatte es ihn! versprochen; doch je näher die Stunde rückte, zn der, wie sic wußte, Ehrinann komnien würde, desto heftiger pochte ihr das Herz nnb als sie endlich ihre Toilette beendet und eben in! Begriffe war, an der Seite ihrer Tante die Stiegen hinunter zn schreiten, da war es ihr plötzlich schwarz vor den Angen geworden, eine Ohnmachlanwaii-lmrg hatte das sonst so frische, kräftige Mädchen überfallen. Die erschreckte Tante hatte Lärm schlagen n!ld der Gräfin absagen lassen wollen, Elemcntinc aber halte sich rasch erholt, hatte dringend gebeten, den Vater nicht zu beunruhigen und versprochcn, sich ans ein Weilchen niedcrznlegen und dann der Tante nachznkommen, wenn diese sich vorläufig allein zur Gräfin begeben wollte. Und die sanfte, gefällige alte Dan!e hatte den Schmeichel- Worten des jungen Mädchens alles;!!gestände!! und sich allein ans den Weg gemacht. Und Elcmentine hatte sich ihrem Versprechen gemäß ans dein Ruhebette ausgestreckt -- doch nur für wenige Sekunden, dann war sie aufgesprungen und in das Zimmer geschlichen, das hart an das des HosralheS stieß, nur eine Tapeten« lhür trennte beide. Ein Btick durch die Thürspalte überzeugte sie, daß der Hosrath noch allein — doch da ging auch schon die Thür ans. Ehrmann war eingctreten — rasch schob sie den Nachriegcl vor, kniete nieder und legte das Dhr an das Schlüsselloch — und so hatte sie Alles vernommen — Alles. — Doch fein Ansjchrei hatten die Zuckungen ihres Herzens verrat Heu, leine Thränc halte ihr Auge gefüllt — Elemen» tine war ein starkes Mädchen, doch sie litt unsäglich. Der Hosrath glaubte wohl zn thnn, wem! er ein letztes Zusammensein mit dem Geliebten ihr unmöglich machte, Eleinenline aber dachte anders, sie nnißte ihn noch einmal sehen, mußte Abschied von ihm nehmen — für'S Leben. Kann! wußte sie, daß der Hosrath das Zimmer verlassen, als sic, wie bereits erwähnt, eintrat. Und so standen sie noch immer einander gegenüber, ihre große!! weit offenen thränenlosen Augen hingen an ihm und sie hielt seine zuckende Hand in der ihren. ״Heute darf ich'S noch," sprach sic leise, ״morgen nicht!!!ehr — morgen wäre cS Sünde." DaS Her; zog sich ihm krampfhaft zusammen, doch er schwieg; sic aber las seine. Frage in seinem Blicke, den er langsam zu ihr hob. ״Morgen werde ich dem Freiherr!! von WildenfclS mich verloben." ״Elementine!" schrie er ans. ״St!" gebot sie; ״WildenselS ist ein hochherziger edler Mann — er ist der Einzige, den ich mir ohne Grauen als meinen Gatten denken kann —" ״Aber —" ״Sl! — ich will ihn ja nicht täuschen — ich werde ihn! alles sagen — alles — und er wird mir dennoch vertrauen — wird nicht mehr von mir fordern als ich gewähren kann." Abermals schwiegen Beide, aber ihre Blicke hingen an einander, mit all der Glnth, die Beider Herzen erfüllte. — Element ine drückte seine Hand, dann ließ sic sic langsam sinken. ״Ich habe eine Bitte an Sie —" ״Verfügen Sie über mich — und gelte eS mein Leben —" Schmerzlich zuckte eS um ihre Lippen. ״Ihr Leben," — sprach sie leise und schüttelte das schöne Haupt. — ״Es gilt nur, hin und wieder eine Stunde, die Sic meinem Vater schenken mögen — er hält so viel aus Sic — und wenn ich nicht mehr hier sein werde, wird es ihm doch;!!weilen recht öde sein."

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