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Jeschurun · 1884-02-28 · Heft 9 (28.2.1884) · p. 136

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 9 (28.2.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-02-28
Page
136 (sequence 3)
Language
German
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136 waren die Kinder des Gntsvcrwalters. die daheim des empörenden '?(uftrittcs erwähnt, und durch deren Vater hat dann wohl der Baron davon gehört. Kur; daraus ließ er mich rufen, unterhielt sich mit mir in seiner freundlichen, herzgewinnenden Weise und fragte mich endlich, warum ich denn in der Schule so störrisch sei und so strenge Strafe mir znziehe. Ich erklärte ihn!, daß ich mich durch das Versprechen, das ich meiner sterbenden Mutter gegeben, dazu verpflichtet halte, und eher alle erdenklichen Mißhandlungen leiden werde, als cs brechen. Das gesiel dem Baron, er versprach mir seinen Schutz und hat sein Wort als Edelmann gehalten. Der Katechet aber war empört über die Protcktiou, die der Baron dem Störrigcn zu Theil werden ließ, er hätte ihm am liebsten, gleich dem Schulmeister, das Evangelium buchstäblich cingcblünt. Unwillkürlich war ich einst Zeuge einer Unterredung zwischen Beiden, die allerdings keine Ahnung hatten, daß ich in Hörweite war. Der Baron verwies dem Geistlichen seine Heftigteil und erklärte ihm, er könne nimmer hoffen,!!!ich das Evangelium lieben zu lehren, wenn mir der Priester desselben in solch gehässiger Weise entgcgentrete. Meine Schrullen, wie dev Baron sich ausdrückte, wären zwar Schrullen eines Kindes, aber eines karaktcrvollen Kindes, die weder durch Drohungen noch durch ׳Strafen sich ansrotten ließen. Milde und Liebe wären die einzigen Erziehungsmittel, durch die derartige Korakterc der Neligion der Liebe gewonnen werden könnten. Noch jedes Wort jener Unterredung ist mir gegenwärtig, obgleich ich damals noch nicht im Stande war, den Sinn derselben vollständig zu erfassen." ״Jetzt wird nur Wollersdorfs Verhalten allerdings klarer," bemerkte Armslein, der den Mitthcilungeu des jungen ManncS in gespanntester Aufmerksamkeit lauschte. ״Aber seine Berechnung hat ihn dennoch betrogen. Trotz der in Wirklichkeit väterlichen Liebe und Güte, die er mir erwiesen, trotz des innigen Dankes, niit dem ich stets seiner gedenken werde, ist eS ihm doch nicht gelungen, utich der Kirche, die er für die allein selig machende hielt, zu gewinnen. Ich habe zwar mein Wort verpfänden müssen, während der Universitätsjahre mich einzig und allein mit meinen Fachstudien zu befassen, und ich habe mein Wort gehalten. Aber ich bin fest entschlossen, so wie ich meine Promotion zurückgclegt, wende ich mich an einen jüdischen Gelehrten und lasse mich in meiner Neligion unterrichten." ״Und was erzielen Sie dadurch? — Der Staat wird Sie nimmer als Jude anerkennen." ״So wende ich ihm den Rücken. Oesterreich ist noch nicht die Welt." ״Und Clementine?" ״Elementine!" ries Ehrmanu im Tone schmerzlichster Entsagung — er hatte in der jüngsten Viertelstunde des schwersten Opfers, das er seiner Ucbcrzcugung je gebracht, nicht gedacht. ״Darf ich sic noch einmal sehen?" fragte er endlich mit leiser, bebender Stimme, ״nur noch einmal — ein cinzigesmal —" Der Hofrath schüttelte trübe das ehrwürdige Haupt. ״Ich sehe ein, es wird mir nicht gelingen, .Sie anderen Sinnes zu machen — und so sehr es mich auch schmerzt — doppelt, weil ich weiß, wie mein Kind cs cntpsindcn wird — ich kann Ihnen dennoch nicht zürnen — im Gmentheil, doppelt und dreifach achtnngswcrth stehen Sic vor nur —1 aber doppelt und dreifach schmerzlich wird Elementine es cntpsindcn — darum darf ich nicht zngeben, daß Sie sie Wiedersehen, bevor die Zeit ihren lindernden Balsam in das Herz meines Kindes geträufelt. Versprechen Sie mir —" Er wurde unterbrochen, ein Diener trat in das Zimmer und überreichte ihm eine Karte. ״Frau von W....," las der Hofrath. ״Führen Sic die Dame in den Salon, ich komme sogleich hinüber. Sie cmschuldigen mich," tvandte er sich an Ehrmann, indem er eiligst seinen Schlafrock mit einem andern vertauschte, ״Frau von W.... bleibt keine zehn Minuten; ich bitte Sie dringend, erwarten Sic mich hier, ich muß Sic um eine Gefälligkeit ersuchen." Ehrmann versprach es, und der Hofrath verließ das Zinuncr. Kann! hatte er die Hanptthür hinter sich in's Schloß gedrückt, als eine Scitcnthür sich öffnete und ein junges, blühend schönes Mädchen lautlosen Schrittes in's Zinuncr trat. Es war Elementine Arnistein, eine in Wirklichkeit vollendete Schönheit. Von mittlerer Statur, mehr zartem Körperbau, doch von wunderbar schönen, aumuthigcn Formen, trug auch ihr liebliches und doch geistvolles Gesicht in jeder Linie den Stempel schönster Harmonie. Jetzt aber war dieses so srische, rosige Antlitz geisterbleich, wie aus durchsichtig schimmerndem Alabaster. Ehrmanu hatte sie nicht kommen gehört, in dem dicken Teppich, der den Fußboden deckte, verhallte ihr leichter Schritt, und ihre leichten, weichen Gewänder rauschten nicht. Ehrmanu saß am Tische, er stützte den einen Arm aus den Tischrand, seine Stirn ruhte in der Hand, so daß diese die Augen beschattete. Plötzlich vernahm er einen halbunterdrückten Seufzer in seiner unmittelbaren Nähe, er blickte auf und ein Ausruf des Entzückens entfuhr seinen Lippen, die so heiß Geliebte stand vor ihm. ״Elementine!" rief er und breitete die Arme aus — doch im selben Moment übcrkam ihn wiederum das volle Bewußtsein seiner Lage und kraftlos ließ er die Arme sinken, und beschämt sank auch sein Haupt auf seine Brust. Fortsetzung folgt

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