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Jeschurun · 1884-02-28 · Heft 9 (28.2.1884) · p. 135

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 9 (28.2.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-02-28
Page
135 (sequence 2)
Language
German
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Legion Priester mich damit besprengen würde, nichts 1 könnte die Thatsache nmstoßen, daß ich Jude bin." j ״Und dennoch wird auch nichts iiu Stande sein, ] die andere Thatsache umzustoßen, daß der Staat Sie! als Christ anerkennt, ebenso wie meine ft'lciiiciumc, die i Sie lieben, .die Ihre Neigung erwidert — ■ deren Pater Ihnen hiermit abermals erklärt, trotz Ihrer Eröffnungen die Zukunft seines K>. Ihnen freudigen Heraus anvertrauen würde." Armstein'S Stimme bebte vor Rührung, er neigte sich zu dem ihin Gcgcnübersitzcnden und bot ihm die Rechte. Krampfhaft drückte Ehrmann die Hand des Hofraths, aber sein Antlitz war noch׳bleicher als vorhin, seine Lippen bebten. Der Hofrath mißverstand seine Erregung. ״Mein lieber, lieber Freund — und nun auch bald mein Sohn — ״O, daß dieses möglich wäre!" murmelte Ehrmann, daß es möglich wäre! — aber es kann, es darf nicht sein." ״Und warum kann, warum darf cs nicht sein?" fragte Ärmstem milde, ״wer könnte, dürfte Sie hindern, den Bund zu schließen, nach dem Ihr Her; sich sehnt?" ״Mein Gewissen," erwiderte Ehrinann in tiefem Ernst, indem er den Blick hob und voll und fest bciu des Hofraths begegnete, ״mein Gewissen verbietet mir, einen Bund;11 schließen, den die Religionsgenossenschuft, der ich angehöre, nicht anerkennt." Armstein wiegte staunend das Haupt. ״Um des Himmclswillen, lieber Freund, Sie werden mir immer unverständlicher. Denn wenn ich cs auch jetzt begreife, weshalb Sie an den! israelitischen Sabbath sich des Schreibens enthalten — und ich will Ihnen nicht einmal verhehlen, daß die Treue, mit der Sie noch heute das halten, was Sie als Kind Ihrer sterbenden Mutter gelobt, meine Hochachtung für Sic womöglich noch steigert — so glaube ich doch nicht, daß Sic sich im Uebrigcn um die israelitischen Gebote kümmern." ״Allerdings kümmere ich mich nur diese," cntgcgnctc Ehemann, ״wissentlich habe ich seit jenem Tage keines verletzt." ״Aber das ist ja gar nicht denkbar," rief der Hof rath, indem er staunend die Hände ineinander schlug, ״das ist entschieden nicht denkbar; die Israeliten haben ja eine ganze Legion Gesetze, schon die Speiscgcsctzc allein sollen eine ansehnliche Rubrik füllen." Ehrmann zuckte seufzend die Achseln. ״ Seit meinem zehnten Jahre stehe ich außer allen Kontakt mit meinen Glaubensgenossen; von den sännntlichen Spcisegesetzcn sind mir daher nur zwei bekannt, das Verbot, Milch und Fleisch zusammen zu genießen und das Verbot dcS Genusses von jeglichem Fleisch nicht nach jüdischem Ritus getödteter Ttziere, und beide habe ich nie übertreten: seit meinem zehnten Jahre habe ich mich des Fteischgennsses vollständig enthalten." ״Ist cs möglich!" rief Ärmstem aufspringend, ״nein, das hätte ich nie geglaubt! — Jetzt freilich ist mir Ihr bleicbes, schmales Aussehen erllärlich, das mich anfangs ernstlich belinrnhigt hat; aber ich sah Sic nie leidend — ״Ich bin cs auch nie, ich erinnere mich nicht, je krank gewesen zu sein." ״Aber erklären Sie mir nur, wie in aller Welt haben Sie das durchführen können? wenn ich nicht irre, haben Sic Ihre Gymnasialslndien bei den Piaristen absolvirt?" ״So ist es, aber Baron Woikersdorf, der mich dort hingegeben, hatte von vornherein den Prior davon verständigt. Wie ich erst später erfuhr, hatte er ihm mitgetheilt. daß ich von jeher eine kranlhafte nild darum unüberwindliche Idiosynkrasie gegen jede Art Fleischspeisen Hütte, lind der Prior hatte zugesagt, mir in dieser Beziehung keinen Zwang aufzuerlcgcu, mich auch nicht zur Arbeit anhalten zu wollen, wenn ich davon befreit zu sein wünschte. Mein krankhaftes Aussehen machte diese Forderung erklärlich und der Baron hatte in seiner gütigen vorsorglichen Weise an Alles gedacht." ״Das ist mir aber noch das Näthsel aller Näthsel, wie ein Mann mit Woitersdorf's Ailschannngen sich für einen Israeliten interessiren konnte, und zwar in dieser so überaus warmen, herzlichen Weise." ״Baron Woikersdorf hat mich stets als Ehrist betrachtet und sich als meinen Pathcn." ״Aber haben Sie sich denn ihm gegenüber nie ge־׳ äußert?" ״Er hatte cs von jeher strengstens vermieden, mich über diesen Punkt zn Worte konnncn zu lassen; in früheren Jahren habe ich es wiederholt versucht, denn ich hielt mich in gewisser Beziehung moralisch verpflichtet, Demjenigen, der nicht nur meine Studien, sondern auch meinen vollständigen Unterhalt bestritt, keinen Zweifel über meine Anschauungen zn lassen. Aber Barm! Woikersdorf, in allem Ucbrigen ein so geistvoller Äianu, hatte dennoch die cigmthümliche Idee, daß gewisse Dinge sich todtschweigen lassen." ״Sie erwähnten jedoch, daß er sogar gesorgt habe, daß Sic weder zum Flcischgenuß noch zur Arbeit angehalten würden. — Folglich muß er doch gewußt haben, daß Sie sich dessen enthalten." ״Freilich hat er das gewußt. Ich glaube sogar, daß dieses zu allererst das Interesse dcS Barons für mich erregte,?ln dem Sabbath nach dem Tode meiner Mutter, als ich in der Schule zu schreiben mich geweigert, hatle mich nämlich der Schulmeister in solch schmählicher Weise mißhandelt, daß meine sännntlichen Mitschüler darüber empört waren. Ich glaube, eS

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