Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1884)
- Article
- David Haller
- Date
- 1884-02-14
- Page
- 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wozu ich ihn hinlciten möchte, steht vor meinem ahnenden Geiste, ich vermag aber nicht einmal cs in Worten anzndentcn, geschweige denn, daß ich cs lehren könnte," fuhr er fort ״Ihr schüttelt das Haupt, Ihr lächelt ungläubig'? Wohl vermag er unter!neiner Führung seine Kenntnisse zu erweitern und bewandert werden im Talmud und dessen Kommentatoren. Ich kann auch mit ihm die Schriften der großen Gelehrten Rabbi Iehuda Halcvi, Maimonidcs, Nachmcmides, Aldo und Anderer lesen, aber das genügt nicht für das Eeforderniß der Gegenwart. Ich möchte ihm die Gebote Gottes nicht nur in ihrer praktischen Ausführung, sondern auch nach ihrer tiefen Bedeutung klar machen, ans daß seine Augen erleuchtet werden von ihren! Glanze, sein Herz sich ergötze an ihrer erhabenen Schönheit, und sein Geist sich durchdringe mit ihrem Geiste, so zwar, daß er eingehe in die Hallen der Weisheit, welche Menschen errichtet, und deren Werth zu schätzen wisse nach dem Maßstabc der göttlichen Weisheit und also Licht verbreite in Israel und die Strauchelnden zu stützen und die Wankenden zu befestigen wisse in der Treue und dem Gehorsam. Ich kann mich nicht so ansdrücken, wie ich es meine, und deshalb werdet Ihr mich wohl nicht verstehen; ich kann dieses nicht, weil ich selbst nicht verstehe, was ich ihn lehren möchte.-Sucht Euch einen andern Meister für unser!! David!" Der seltsame Gelehrte hatte den Kops ans den Arm gestützt und starrte vor sich nieder. Wer wollte ihm erwidern, wer konnte ihn! erwidern'? Aller Blicke wendeten sich ans den Rabbiner, von ihn! ein erlösendes Won erhoffend, welches dm Bann zu brechen vermochte, unter welchen die unverständliche Rede Rabbi Mordchc'S sie gezwungen hatte. Wenn dieser große Lehrer seine Unfähigkeit znm Lehren bekannte, wer sollte dann dazu fähig sein? Ein unheimliches Bangen hatte sich der Herzen Aller bemächtigt; — der Rabbiner schaute betroffen zu Klein hinüber und fand nicht das rechte Wort der Erwidernng. Doch endlich ermannte er sich und Hub an: ״Ich glaube Euch zu verstehen und verstehe Euch doch nicht, Rabbi Mordche. Ihr möchtet das schwere Leid heilen, und ihr verzweifelt an der Heilkraft der einzigen Mittel, die sich bewährt haben in dm Tagen der Ver gangcnhcit. Ihr suchet neuen Balsam, und da Ihr keinen findet, so scheltet Ihr Eure Unfähigkeit. Als ob es etwas anderes geben könnte als das Studium des Gesetzes, als die Kmntniß desselben, damit wir wissen, was Gott in jedem Augenblicke von uns fordert. Ich bin älter als Ihr. ich erinnere!!!ich noch der Zeit, da Rabbi Moses Dessau aufstand und zu den Weisen der Welt gerechnet wurde. Sein Wirken aber brachte uns nichts Gutes, das junge Israel verließ die Stätte der Lehre und wandte sich fremder Weisheit zu, und sic lernten alles, was in dm Hochschulen des Landes gelehrt wurde, Philosophie und Sprachwcishcit, DichtfHilft und Mathematik, und wie die Wissenschaften alle heißen, da entfremdeten sic sich dem Hciligthume und wandelten dem Richtigen nach, cntweihctcn das Gesetz ihres Gottes und wurden wie die Philosophen, selber zu erkennen, was gut oder bös sei, aber Gott fragten sic nicht und dem Iudenthnme wiesen sie den Rücken. Und da meint Ihr, unsere Söhne sollten alles lernen, was znm Abfälle führt, sie sollten von dem Gifte kosten — cs gälte mir, ihnen ein wirksames Gegenmittel zu geben. Dieses Gegenmittel aber kennt Ihr nicht — und darum ist Eure Seele niedergeschlagen? Das ist nicht der rechte Arzt, der also verfährt; der weise Heilkundige schafft die Ursache der Krankheit hinweg, so wird der Kranke gesunden; er giebt gesunde Nahrung dem Schwachen, so wird dieser zu neuer Kraft gelangen." Joseph Haller und die übrigen Anwesenden nickten diesen Worten beifällig zu; Klein aber entgegncte: ״Verzeiht, Rabbi, wenn ich Euch zu widersprechen wage, cs ist ja keine Entscheidung, die Ihr gefällt, sondern eine Meinung, die Ihr ansgesprochen, sonst würde ich mich in schuldiger Ehrfurcht Eurem Aussprache unterwerfen. Mir steht der Gedanke vor der Seele, was cs nützen könne, wenn die Jugend das Gesetz in allen seinen Thcilen kenne, wenn sie aber nicht sich bewogen finde, es zu erfüllen, sei es, daß sie glaube, Gott habe cs gar nicht gegeben, sei cs, daß sie vermeine, cs sei!1111 für andere Zeiten crthcilt, nicht für die Gegenwart, sei cs,!veil sic spotte über den Inhalt des Gesctzes. Des Rabbi Elcasar von mir vorhin angeführten Satz kann sich ja doch nur ans Zeiten beziehen, in welchen Appikorßim, Gesctzcslengncr, leben. Wie aber will man ihnen erwidern, wenn man ihnen nicht gcwachsen ist? Ich glaube, nicht die menschliche Wissenschast ist das Gift, sondern die Unfähigkeit, die Spreu vom Weizen zu unterscheiden, enthält die große Gefahr, und das verstehen wir nicht, und das hat man auch zu Rabbi Moses Dessan'S Zeit nicht verstanden. Ich glaube auch, daß wir die Gesetze nicht so in ihrer tiefen Bedeutung zur Genüge verstehen. ' Ich habe einmal ein Buch von Rabbi Moses Dessau gelesen, das nannte sich Jerusalem. Vieles darin war mir unverständlich, weil ich in solchen Schriften nicht geübt bin; einen schonen Satz darin aber habe ich gut begriffen; der lautet ungefähr folgendermaßen: die Mitzwoth Schi!!!!- joth, wie Nahrnngsverbote, Zizith, Tcsillim, Schaatneß!1. dergl. seien eine Art Sprache, welche eindringlich und unaufhörlich zu unscrm Verstände und Herzen redet, um uns zu belehren und zu unterweisen. Ich meine, das ist cs, was uns helfen kann. Wir müssen lernen, diese Sprache zu verstehen, dann werden unsere