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Jeschurun · 1884-02-07 · Heft 6 (7.2.1884) · p. 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 6 (7.2.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-02-07
Page
87 (sequence 2)
Language
German
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Seidler verstand zwar nicht vollständig, was er! meinte; doch das that der Unterhaltung leinen weiteren Eintrag, man setzte sich zu Tische, und unter heitersten! Gesprächen ward das Mahl eingenommen.; ״Hättest Du geglaubt, das; unsere blasse stille I Mirjam so anSsehcn könnte?" wandte sich Rahcl an den Gatten, indem sie aus daS junge Mädchen deutete, das glückstrahlend, mit hochgerötheten Wangen an der Seite dcS Geliebten saß. Kahn schüttelte lächelnd den Kopf. ״Ich hoffe zu Gott, sic wird von jetzt m immer so anssehen." ״Aber was wird Frank sagen?" flüsterte Nahe!, indem sic sich zu Mirjam neigte. Wie ein Schatten glitt es über die weiße Stirn dcS jungen Mädchens, doch nnr für einen Moment. ״Er wird mir Glück wünschen," entgegnete sie dann in dem Tone innigster Ueberzcngnng. ״und ich glaube, er wird auch sich Glück wünschen, denn er muß cinsehcn, daß Eine, die an der Seite eines Andern sich glücklich fühlt, nimmer im Stande gewesen wäre, ihn zu beglücken." ״DaS mein' ich auch," siel Kohn ein, ״und darum, Mirjam, liebes Kind, machen Sie sich nur keine Gedanken um gar nichts. Schmnl ist ein braver Junge und er wird schon die finden ,die Hattod auch Bornchhn für ihn bestimmt hat." Und er hat sie gefunden. — Wohl war eS im ersten Moment ein harter Schlag für ihn, Mirjam am folgenden Tage zu begegnen, freudestrahlend, ungleich schöner als er sic je gesehen — und zu erfahren, daß sie für ihn verloren. Doch mit männlicher Fassung ertrug er cs und, wie sic es vorauSgefehcn, mit aufrichtigem Herzen wünschte er ihr Glück. Freilich, sich selbst Glück zu wünschen zu der Wendung, die die Bcrhältnisse genommen, dazu war er lange nicht im Stande. Doch noch bevor daS Jahr seinen Kreislauf vollendet, hatte er ״die Rechte," wie sein Onkel sic nannte, gefunden und freudigen MnthcS hatte er den Ring auf ihren Finger gestreift. Und sic bewährte sich als die Rechte, sie ward glücklich und beglückte. Schon einige Monate zuvor hatte im Hanse des Rabbi die Trauung dcS Seidler und seiner Geliebten stattgcsnndcn, und dann war sic ihm in daS Ausland gefolgt, ans das schöne Bauerngut, daS er rnit ihrer Zustimmung erworben, in unmittelbarer Nähe einer großen altjndischen Gemeinde. Und der Seidler Toni ist ein echt frommer Jude geworden und mit der Zeit auch ein überzcugungstreuer. *I muß wissen, was i Uni'," hatte er zu Mirjam gesagt, und sie hatte, ihm zugestinunt und hatte ihn anfgcfordcrt, mit dem Rabbiner der Gemeinde darüber zu sprechen. Dieser harte ihnr einen jungen RabbinatStandidatcn cnipsohlen, der sich bereit finden ließ, für cirrige Jahre ans seinem Hofe zu wohnen und ihn zu unterrichten. Und mit seinem Hellen, klaren Kopfe, seinem kindlich reinen Geinnthc ward Seidler sehr bald ein begeisterter Anhänger der Religion, deren Grundlehren er erst so spät sich zu eigen gemacht. — Und ihnr sowohl als Mirjam war cS, als ob ihr Glück von Jahr zu Jahr sich noch steigern würde, und doch hatten sie schon im Anfang gewähnt, des Glückes Gipset erreicht zu haben. Wir überspringen einen Zeitraum von zwölf Fahren. Hofrath Armstcin befand sich in seinem elegant eingcrichteten Arbeitszimmer, medizinische Journale und Bücher lagen zerstreut ans dem Tische; doch der Hosrath würdigte sic keines Blickes, obgleich cS die Stunde war, die er der Erholung, 1111b das war bei ihm die Lektüre, zu widnten pflegte. Er schien erregt, mit vcrschränkten Armen -nrchmaß er einige Male hastigen Schrittes das Zimmer, hin und wieder lauschte er, als erwarte er Jemanden, dann aber, wie nnmnthig über seine eigene Ungeduld, warf er sich in den hohen reich gestickten Lehnsessel vor km Schreibtische und brannte sich eine Zigarre an. DaS Aroma einer echten Havanna erfüllte sehr bald den Raum. Hvfrath Armstcin war ein hochgcwachscncr, schlanker Mann in bereits vorgerückten Jahren; ans seiner breiten schöngcwölbteit Stirn zeigten sich nur wenige Falten, aber sein Haupt war vollständig kahl und darum von einer dunkelblonden, glatt anschließenden Perrücke bcdeckt. Fremde pflegten den Hosrath weit jünger zu halten, denn sein feiner aristokratischer Wuchs hatte noch eine gewisse Elastizität; er selbst aber begann seit einiger Zeit sein Alter bereits zu empfinden und darmn wünschte er schulichst, das Glück seines einzigen KindcS, eines kaum achtzehnjährigen Mädchens, in nicht allzuferner Zeit zu begründen. DaS Jahr achtnndvierzig, das Jahr der Freiheit und dcS geistigen Erwachens der Böller, war noch nicht herangekommen; bevorzugte Geister, und;11 ihnen zählte zweifellos der Hosrath, erfüllte bereits eine Ahnung seines Nahens. Sein Hans war der Sammelplatz aller Höhcrstrebcndcn, ohne engherzigen Unterschied der Nationalität oder der Konfession. Seit mehreren Jahren war er Wittwer; eine gleichfalls verwittwete Schwester stand seinem HanSwcscn vor, seine Tochter Etcmcntine jedoch war die Seele seines Salons. Trotz ihrer Jugend wußte sie sich so leicht und gewandt zu bewegen zwischen all den gelehrten und meist geistvollen Herren; ihr Vater hatte seine Freude daran, wie sidie paradoxen Ideen des Einen mit anmuthigem Kopfe

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