Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1884)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1884-01-31
- Page
- 72 (sequence 3)
- Language
- German
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gossen, sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen, es? schien heftig zu pochen. ״Ich hab's crrathcn," neckte Nahet. ״Nein," versetzte Mirjam leise, den Kopf schüttelnd, ״Du hast c# nicht crrathen." ״.Mbtr an wen hast Du denn gedacht?" drängte Nahet, ״Du wolltest mir cs sagen." ״Freilich wollte ich das," erwiderte Mirjam, ans deren Wangen das Blut allmählich sich wieder zurückgezogen. Sic nahm die Arbeit wieder ans und nähte einige Minnlen eifrig, dann aber lies; sic die Nadel sinken und ohne den Blick zu der Freundin zu heben, sprach sie leise: ״Frank hat mir am vorigen Sabbath seinen Antrag wiederholt — und ich — ich habe versprochen, am kommenden Sabbath ihm meinen endgültigen Entschluß ntitzntheilen." Es war gut, daß sie das Antlitz der Freundin nicht beobachtet, der Ausdruck desselben hätte sie hochlichst befremdet. ״Und was hast Du beschlossen?" fragte Nagel nach kurzer Panse, ״Frank wird demnach morgen Abend wieder hier sein." ״Das wird er," sagte Mirjam, ״und eben in dieser Angelegenheit möchte ich mir Deinen Nath erbitten." ״Meinen Nath, liebes Kind? — derartige Angelegenheitcn hat man einzig und allein mir sich selbst zu berathcn." ״So hast Du nicht immer gesprochen, im Gegentheil, Du hast mir gar oft schon gesagt, ich niöchtc mir an Dir ein Beispiel nehmen und —" ״Und eben so glücklich werden, wie ich cs bin," fiel Nahe! lachend ein, ״nun freilich wünsche ich das von ganzem Herzen — aber in welcher Beziehung wünschest Du denn eigentlich meinen Nath?" ״Du sollst mir rathcn, ob ich Frank's Antrag anuchmen soll oder nicht." ״Darin kann Dir kein Dritter rathcn, das ruußt Du selbst wissen." ״Du sprichst heute so seltsam, Nahet, so ganz anders als früher." Nahet trat auf einige Augenblicke in das anstoßende Zinnner, ihr lächelndes Angesicht den Blicken der Freundin zu entziehe.״ ״So sage mir wenigstens, ob ich Frank's Antrag anuchmen darf," begann Mirjam von ׳Neuem, als Nahe! ihr wieder gegenüber saß. ״Das ist freilich eine andere Frage. Darum sage mir vor Allem, ob Du seinen Antrag anuchmen möchtest?" Das junge Mädchen wechselte abermals die Farbe. ״Frank ist ein äußerst braver junger Mann — ich schätze keinen höher — und wenn ich seinen Antrag annehtuen dürste, so glaube ich, ich müßte es thun." ״Und warum zweifelst Du, daß Du cs dürstest?" ״Weil — weil —,״ sic preßte beide Hände mit einer gewissen Heftigkeit ans die Brust und athmete hastig, — ״ich habe es ihm ja selbst gesagt — aber — aber —״ ״'Was hast Du ihm gesagt?" ״Daß ein Anderer ineincm Herzen näher steht, als, meiner Ansicht nach, einer verheiratheten Frau ein Fremder stehen dürfe," murmelte das erregte Mädchen. ״Und wer ist dieser Andere?" fragte Nahet, ihre Stiinme bebte wie vor freudiger Nührung. ״Ach, Du weißt cs ja längst," flüsterte Mirjam kaum hörbar. ״Sage cs mir dennoch," bat Nahet. ״Du marterst mich!" ries Mirjam aufspringend und schien im Begriff, das Zinnner zu verlassen.!:Nahe! schlang ihren Arm um sie und zog sie an sich. ״Zürnst Du mir?" '״ ־Wenn ich's könnte, würde ich's. Du weißt ja, was es mich kosten würde, Denjenigen zu nennen, den ich nimmer, nimmer wieder sehen darf!" Es war ein halbnnterdrücktes Schluchzen, mit dein sie diese Worte mehr hervorstieß als sprach. ״Und wenn Du ihn dennoch wieder sehen würdest?" ״Nahet!" schrie sie ans und hielt sich, von einem heftigen Zittern ersaßt, an die Lehne eines Sessels. Nahet aber erwiderte nichts, sie horchte. Sie hatte die Hausthür öffnen gehört und glaubte Schritte zu vernehmen: mit angchaltenem Athen! lauschte sie. Mirjam fuhr sich mit der Hand über die Stirn, dann nahm sic seufzend ihren Platz am Nähtisch wieder ein und begann langsam wie träumerisch zu arbeiten. Plötzlich fuhr sic zusanuueu, sic hatte eine Stimme vernommen, die sie seit vielen Monden, nur in ihren Träumen vernahm. — Der letzte Blntstropsen wich aus ihrem Angesicht, selbst ihre Lippen waren kreideweiß, mit weit aufgcrisscncn Augen starrte sie bald ans die Freundin, bald zur Thürc hin. Nahe! war erschreckt über das geisterhafte Aussehen des jungen Mädchens. ״Fasse Dich, Mirjam!" rief sic, ans sie zneilcnd, ״er kommt, es ist der Scidlcr, der Toni — alle Hindernisse werden schwinden; du wirst ihm angehvren dürfen." Mirjam stieß einen Schrei anS und sank ohnmächtig in die Arme ihrer Freundin.!Fortsetzung folgt.)