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Jeschurun · 1884-01-31 · Heft 5 (31.1.1884) · p. 71

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 5 (31.1.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-01-31
Page
71 (sequence 2)
Language
German
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71 kann ich eine Zusammenkunft mir dem jungen Mädchen nicht befürworten." ״Und wie lange muß i warten?" fragte Seidler ungeduldig. ״Können Sie mir die Heimat!) 01)1־01־ Großmutter, sowie deren Bor- und Familiennamen angeben?" Seidler wußte alles auf's Genaueste; seine Mutter hatte noch in ihren letzten Tagen von einer ihr selbst unerklärlichen Ahnung erfaßt, ihm alles mitgelheilt, was sie über ihre Herkunft wußte: cs mußte ein leichtes sein, ans Grund dieser Angaben Erkundigungen einzuziehen. Der Ansicht war auch der Nabbi. ״Heute haben wir Sonntag — bis Mittwoch ober Donnerstag hofft ich über alles informirt zu sein. — Seien Sie Donnerstag gegen Abend wieder hier — haben sich Ihre Angaben bestätigt, so werden Sie Herrn Kohn hier treffen, der Sie in diesem Falle selbst in sein HanS führen würbe." ״Der junge Bauer unterdrückte einen abermaligen Jubelruf, ehrfurchtsvoll neigte er sich lind zog die Hand des Rabbi an seine Lippen. ״AlSdann bis aufm Donnerstag — ״Donnerstag gegen Abend, lieber Freund." Donnerstag gegen Abend — Donnerstag gegen Abend — wie oft wiederholte der Seidler Toni diese Worte, während er in seinem Leiterwagen dcm Heimathsdorfe zurollte. — Donnerstag gegen Abend — wie lange war eS noch bis dahin? — Sonntag, Montag. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag — das waren genau fünf Tage, er konnte cs an den Fingern abzählen. — Aber fünf Tage hatte er nicht mehr zu warten, der größte Theil des Sonntags war ja bereits vorüber, und Donnerstag in den BormittagSstundcn mußte er schon wieder auf dem Wege sein — also kann! vier Tage — wie rasch werden sie verstreichen und doch, wie lang, wie endlos lang werden sie ihn! erscheinen. — Jetzt freilich verstrich ihm die Zeit wie im Fluge; ihm schien cS, als habe er kaum Mirjam's Heilnathstadt verlassen, und schon erhob sich der Seidlerhos vor seinen Blicken. Er jauchzte laut auf und warf den Hut hoch in die Luft uub knallte unaufhörlich mit der Peitsche. Was war mit dem Bauer vorgegangen? wo war sein Trübsinn, seine Schweigsamkeit? — Staunend zischelten Knechte und Mägde diese Fragen einander zu, der Seidler war wie anSgcwcchselt. Wie ehedem, als die Seidlerbüucrin noch lebte, durchhallte seine frische Stimme in fröhlichen Liedern Haus und Feld; er leitete die Arbeiten wie sonst, doch nicht wie sonst erzürnte ihn jedes kleinste Versehen, hell auf lachte er über den Ungeschickten und selbst die unabweisliche Rüge crtheilte er in freundlich schonenden Worten. Was war mit dem Bauer vorgegangen? Der llnterhändler freilich, der glaubte eS zit wissen, der glaubte die Ursache der glücklichen Wandelung zu kennen. Roch am Sonntag Abend war er abermals im Seidlerhos gewesen und hatte dem Toni die Bereit- Willigkeit des Gutsherrn erklärt, auf das von ihm vorgeschlaaene Angebot einzugehen — und cS war ein glänzendes Geschäft für den Toni: der hatte auch freundlich dazu genickt, jedoch erklärt, daß eS bei seinem ersten Wort sein Bewenden haben müsse; gegen Ende der Woche, wenn die bestimmten acht Tage vorüber, dann werde er sich entscheidend äußern. Aber der Händler kannte seine Leute, er betrachtete das Geschäft bereits als abgeschlossen. * * ES war in den späten Nachmittagsstnnden des fünften Wochentages, das Wetter war sonnig und heiter, die Luft inilde. Im Kohn'scheu Hause waren beinahe sämmtliche Fenster geöffnet, denn Nahel hielt die Sonnenstrahlen unersätzlich zum Gedeihen ihres holden Kindes. Jetzt aber schlummerte der Kleine, und sorgsam schloß die junge Mutter die Fenster selbst im anstoßenden Zimmer, kein Luftzug sollte den schlafenden Liebling treffen. Doch während sic sich hinanSlchnte. den offenstehenden Fensterflügel an sich zu ziehen, spähte ihr Blick umher und jetzt plötzlich leuchtete ihr Auge hellauf, während sie den Gruß eines Vorübergehenden lächelnd erwiderte. Nasch schloß sie das Fenster vollends und trat zu dem R'ähtischchcu, an dein ihre Freundin mit einer -Handarbeit beschäftigt war. DaS junge Mädchen war seit einigen Tagen bleicher und schweigsamer als zuvor, und nicht so rasch wie sonst ließ sie die Radel durch die Leinwand gleiten. Nahels scharfem Auge war diese Veränderung nicht entgangen, lächelnd und doch mit einer gewissen U11ruhe beobachtete sie sie. ״An tvcn denkst Du jetzt, Mirjam?" fragte sic, während sic sich ihr gegenüber setzte. Die Angercdcte fuhr zusammen und begann eifriger zu nähen. ״Du willst cS mir nicht sagen?" fuhr Nahel lächelnd fort. ״Was soll ich Dir sagen?" fragte Mirjam aufblickend. ״An was oder an tvcn Du jetzt eben gedacht hast." ״DaS hattest Du gefragt? -- ach, verzeih', ich hatte Deine Frage überhört. — Aber das hätte ich Dir gesagt, selbst wenn Du nid)t danach gefragt — ״So will ich'S crrathcn, an wen Du gedacht hast," fiel Nahel hastig ein," Deine Gedanken weilten jetzt eben bei dem — Seidler Toni." Mirjam war irn Moment wie mit Purpur über-

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