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Jeschurun · 1884-01-03 · Heft 1 (3.1.1884) · p. 8

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 1 (3.1.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-01-03
Page
8 (sequence 3)
Language
German
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8 ohne Marie! -- eS schien ihm unmöglich — und doch, wie konnte er sic erringen? ..kommen Sie. lieber Freund," sprach Kohn endlich, als der junge Manu, versunken in seinem Schmerz, noch immer nicht au den Aufbruch zu denken schien, ״kommen Sic, der »fabln erwartet feine Schüler; cd möcht' Sic verdrießen, wenn die jungen Leute Sie hier treffen." Seidler erhob sich, wie cd schien, nicht ohne Anstrcngung. ״Ich sollt' Ihnen danken, hochwürdiger Herr," sprach er leise und zog die Hand des Rabbiners an seine bebenden Rippen, ״ich weiß, ich sollt' Ihnen danken — aber ich tarnt*ö nicht — jetzt ist alles and." Der Rabbi bemühte sich, den Berzwcifeludeu zu trösten, er empfand aufrichtiges Mitleid mir ihm, dessen ganzes Wesen Biederkeit verriet!); doch die Lehrstunde war in Wirklichkeit gekommen, einzelne Schüler traten schon in das Zimmer, und Kühn zog seinen Begleiter ziemlich hastig mit sich fort. ״Wenn Sic werden wollen, können Sic ein ander Mal wieder zum Rabbi gehen; den freut cs innner, wenn er einem helfen oder trösten kann, und Rath weiß er für einen Jeden." — — Frank hatte, der Weisung seines Onkels entsprechend, möglichst geräuschlos den Schlüssel in dem Thürschloß des Zimmers, in dem Mirjam sich befand, umgedreht, dann klopfte er an und trat gleich darauf ein. Mirjam hieß ihn freundlich willkommen. Es herrschte in jüngster Zeit ein fast vertraulicher Ton zwischen den beiden jungen Leuten, als natürliche Folge von Frank'S häufigen Besuchen. Dennoch hatte er eS bisher nie gewagt, seine Werbung persönlich zu crucuern; er fürchtete wohl mit recht, das freundschaftliche Berhältniß, das gegenwärtig zwischen ihnen herrschte, utid auf das er in Ermaugelung eines nähern den höchsten Werth legte, dadurch zu untergraben. Doch heute, die Gelegenheit war zu verlockend. Die Tante befand sich bei ihren Eltern, der Onkel war zum Rabbi gegangen, Mirjam war ganz allein, denn auch der Kleine schlief und hatte sie ihn so eben in fein Bett gelegt und den Vorhang dichter zugczogen, daß die hereindringenden Strahlen der Wintersonne den kleinen Schläfer nicht erweckten. ״Wie find Sic d>11u hereingekommen, -Herr Frank?" sprach Mirjam, indem sie nach einer -Handarbeit griff und sich dem Angcredeten gegenüber setzte. ״Ich wollte vorhin hinaus, dein Kinde einiges zu besorgen, aber ich vermochte die Thür nicht zu öffnen, sie schien verschlossen." ״Sie war eS auch," cntgegnetc Frank lächelnd, mein Onkel hat es mir anvertraut, er war vorhin hier im Zimmer und hat beim Hinnntcrgchcn in einer mir allerdings unbegreiflichen Zerstreuung die Thür hinter sich abgeschlossen. Erst als er fortgchen wollte, erinnerte er sich daran und ersuchte mich, hier aufzuschließen, wo möglich ohne daß Sie cS gewahrten, denn er wünjchl sehnlichst, daß feine Unachtsamkeit nicht bemerkt worden." ״So werde ich nichts davon erwähnen," entgcgnete Miriam lächelnd, ״doch Ihnen, -Herr Frank, bin ich in Wirklichkeit verpflichtet, daß Sic mir die Freiheit wieder gesichert." Sie hatte in einem scherzenden Tone gesprochen, doch der junge Mann schien heute nicht zu Scherzen gestimmt; um seine Lippen zuckte zwar ein Lächeln, aber cö schien erzwungen; er schien nach Worten zu ringen, endlich begann er, doch seine sonst so klangvolle Stimme zitterte merklich und war seltsam heiser. ״Ich würde Ihnen dankbar sein, Fräulein — sehr, sehr dankbar — wenn Sie nüd) einige Minuten anhöreu wollten." ..Wie umständlich, -Herr Frank! höre ich denn nicht immer aufmerksam zu, wenn Sie zu mir sprechen?" ״DaS wohl, aber — aber — ach, Sie verstehen mich, Fräulein! — Sic wissen, waS ich meine. —- Aber Sie haben recht; eö ist lächerlich von mir, so umständlich zu sein, wo Sie immer so freundlich — so gütig — aber —" Unfähig, seine Erregung länger zu beherrschen, war er hastig ansgestanden und einige Male durch das Aimuter geschritten, während daS junge Mädchen crröthend sich tiefer über ihre Arbeit neigte und rascher als bisher die Radel durch die Leinwand gleiten ließ. Die Leidenschaft des jungen - Mannes that ihr wehe, unsäglich wehe, denn sie schätzte ihn aufrichtig und dennoch glaubte sic seinem Wunsche nicht entsprechen zu dürfen, obgleich sic wußte, wie sehr sie ihn durch eine abermalige Abweisung kränken würde. Sie hatte die Lippen fest anfeinandergcpreßt und nähte eifrig. Frank stand vor ihr ntit verschränkten Armen, in feiner Brust arbeitete eS mächtig. Endlich schien er sich mit Gewalt bezwingen zu wollen, er warf sich nieder in den Sessel ihr gegenüber und flehend begann er: ״Lassen Sic aus einige Minuten Ihre Arbeit ruhen, Fräulein, ich bitte in ständigst — Mirjam ließ die -Hände sinken und bemühte sich, möglichst unbefanaeu zu ihm aufznblicken. (Fortsetzung folgt.)

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