Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-01-03 · Heft 1 (3.1.1884) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 1 (3.1.1884)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1884-01-03
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933051-2955423--14464-2955486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i in Frage stehenden Motive bereits errathcn. — ״Ich l will einmal annchmen, Sie wären von der Göttlichkeit! nnserer heiligen Lehren durchdrungen, wären überzeugt, daß das Iudciitham die einzig wahre göttliche Religion : — und selbst in diesem Falle wäre es mir heilige Pflicht, . Sie zu ermahnen, ernst zu ermahnen, abznstehen von einem Begehren, das nur all zu leicht -Ihr ewiges! Seelenheil untergraben könnte."! Betroffen schaute der Bauer ans. ״Wie?" j stammelte er, ״wär's denn wahr, was unsere Geist-! lichen sagen — daß die Inden nimmer selig werden; können'?"! Der 'S eg;um einigen Heil ist für die Bekenner der mosaischen Neligon allerdings ungleich schwerer als für alle anderen," cntgcgnelc d״׳r Rabbi ernst, ״sind Ihnen vielleicht die Grundlchren der jüdischen Religion bekannt'?" ״Ich weiß nicht recht, was Sie damit meinen, hochwürdigcr Herr," erwiderte der Bauer mehr und mehr verwirrt, ״aber so Manches weiß ich schon von der israelitischen Religion, daß man am Sabbath keine Arbeit thun darf und kein Schweinernes essen und überhaupt gar kein Fleisch als vom Iudenschlachter, und au manchen Tagen darf man gar nichts essen —,׳' er besann sich, er hätte gern noch mancherlei genannt, doch er konnte sich im Moment nicht auf mehr besinnen. ,,Run, ich sehe wohl, einige unserer Gebote sind Ihnen bekannt und bei einigem Rachdenken werden Sie zugeben, daß es häufig schwer, recht schwer sein kann, auch nur diese zu beobachten." ״Frcili, srcili, das sels i schon ein — aber von wegen dein —" ״Nun ja, ich glaube gern, Sie hätten den besten Willen, das was Sie wissen, auch zu beobachten, aber der Wille genügt noch ditrchaus nicht. Und wir Juden haben eine große Anzahl Gebote und gar oft gefährdet die Verletzung eines scheinbar unbedeutenden das ewige Heil unserer Seele. — Erwägen Sie mm, Freund. Sic als Richtjnde haben nicht mehr als sieben zu beobachten und das ewige Heil ist Ihnen gesichert. Wäre cs da nicht Frevel, heilloser Frevel, ans welchen Motiven immer eine so furchtbar ernste, in ihren Folgen unabsehbar schwere Verpflichunig freiwillig ans sich zu nehmen'? — freiwillig und darum leichtsinnig das ewige Heil in Frage stellen'?" Der junge Mann war leichenblaß geworden, seine Lippen bebten, er murmelte einige kaum vernehmbare Worte, der Rabbiner glaubte jedoch sic zu verstehen.. ״Sie wollen mir eimvendcn," sprach er freundlich, ״daß so gut wir diese sämmtlichen Gebote halten and auf unser Seelenheil hoffen, eben so gut auch Sie dieselben halten und selig werden können. Aber, lieber Freund, bedenken Sie, wir Inden sind nicht nur mit dieser Verpflichtung geboren, wir sind zu derselben auch erzogen. Lchon in der frühesten Kindheit, lange bevor nur noch eines klaren Denkens fähig sind, erhalten wir eine Ahnung der Weihe so mancher der schwersten Gebote. Wenn Sie Zutritt haben zu jüdischen Kreisen, so haben 2:* es sicher gar oft schon gewahrt, daß am Sabbath das ganze Aussehen eines jüdischen Hauses ein anderes ist, als au Wochentagen. Und dieses veränderte Aussehen, mag man es immerhin nur als äußeren Anstrich betrachten, so erleichtert es doch in nicht zu unterschätzendem Grade die sittlich-religiöse Erziehung des Kindes. Der Tisch ist weiß gedeckt, noch har das erst nach Monden zählende Kind keine Ahnung von der Verbindlichkeit des sabbathkichen Werk- Verbotes, doch cs sieht allwöchentlich, so oft ein weißes Linnen den Tisch verhüllt, ruhen alle Hände, keine Arbeit wird verrichtet und selbst ihm, dem Ahnnngslosen, wird das Blatt Papier entzogen, das cs spielend gern zerreißt. Allwöchentlich vermißt es an diesem Tage die Pfeife, das Schreibzeug des Vaters, das Arbeitskästchen der Mutter und an den Winter-Sabbathen schürt eine Fremde die Gluth an. Und so könnte ich Ihnen noch gar Vieles nennen, wodurch das jüdische Kind schon im zartesten Lebensalter zu diesen Verpflichtungen erzogen wird, cs übt sie, längst bevor cs sic kennt; und bevor es herauwachscnd den hehren Geist derselben erfassen lernt. Dein als Inden Geborencn, als Inden Erzogenen ist es vcrhültnißmäßig leicht, sämmtliche Gebote zu halten, die Mehrzahl derselben sind ihm von Jugend an in gewisser Beziehung zur Gewohnheit geworden. Sehen Sie einen. Inden eines unserer heiligen Gebote übertreten, so wissen Zic mit Sicherheit, er handelt ans gottlosem Leichtsinn. — Anders wäre cs mit Ihnen. Wohl sind Sie noch jung, doch ein Vierteljahrhnndcrt liegt bereits hinter Ihnen, und Ihre Gewohnheiten sind nicht viel jünger als Sie. — Wollten, könnten, dürften Sie für sich bürgen, immer und immer allen diesen Ihnen zahllos dünkenden Beengungen und Beschränkungen zu entsprechen'? — Ich glaube nicht, cS wäre allzu schwer. Bleiben Sie darum freudigen Herzens ein braver, rechtschasfencr, gottgläubiger Mensch, halten §ic mit vollem Ernst die sieben Gebote, die Ihnen obliegen und hoffen Sie mit froher Zuversicht ans Ihr ewiges Heil — als Jude dürsten Sie es schwerlich erringen." Der Rabbi richtete noch manches ernst mahnende Wort an den jungen Mann, der, erschüttert bis in das Innerste seines Herzens, diesen Worten lauschte. Verzweiflnngsvoll starrte er vor sich hin. Wohl war es dem Rabbi für den Moment gelungen, ihm den Mnlh zu benehmen, ans sein Vorhaben zu beharren; doch trostlos lag seine Zukunft vor ihm. — Leben,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.