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Jeschurun · 1884-01-03 · Heft 1 (3.1.1884) · p. 4

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 1 (3.1.1884)
Article
Ungarisches Jeschiba- und Rabbinerwesen
Date
1884-01-03
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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4 thnms. Wir haben nicht ans purer Zufälligkeit unsere (Gedanken über Jeschiba- und Üiabbincrthum in einem und demselben Artikel auszudrücken beschlossen, auch der Umstand, daß mir;um Rabbinertchiin übergehen, erst nachdem mir unser Thema über die Jeschiba erschöpft haben, entspringt einem wvhlbegründeten Motive. Denn ebenso wie der Zusammenhang;mischen Jeschiba- und Nabbinerthnm in ihrer wirklichen Existenz nicht abgcstritten werden kann, ebenso muß demselben in den sich auf diese Dinge beziehenden abstrahirten Ideen Rechnung getragen werden, und;mar geht in! -Begriffe die Jeschiba dem Nabbinerthnm voran. Das Rabbinerthnm geht, oder besser gesagt, ging einst aus der Jeschiba hervor, und von dem jeweiligen Zustande der Jeschiba lassen sich mannigfache Konsequenzen auf unseren geistlichen Stand ziehen. Ein jedesmaliges Emporblühen der Jeschiba involvirtc zugleich ein glückliches Gedeihen des Nabbinerstandes und wieder umgekehrt. Wenn mir das eiugcstehen, was übrigens an der Hand der Geschichte mit unbestreitbarer Evidenz erwiesen werden könnte — sagt es ja auch schon der gesunde Menschenverstand — so haben mir im Hinblick auf die traurige Lage unserer Jeschiba nicht die allcrgünstigstcn Berichte über unser neueres Nabbinerthnm zu erwarten. Um jedoch den traurigen Eindruck, den unsere nachfolgenden Ieremiadcn erwecken dürften, zu mildern, mollen mir gleich au dieser Stelle die erfreuliche Thalsuche konstatiren, daß die von uns gegeißelten Abnorm!- täten in der Amtserlangung und AmtSmaltung mancher unserer gegenwärtigen Rabbiner keineswegs als allgemein gültige Regeln angesehen werden dürfen. Bewahre! — Wir gestehen sogar gerne, daß cs nur nnudcrzähligc Erscheinungen sind, auf welche sich unsere weiter folgenden Worte beziehen können; denn wer könnte cs in Abrede stellen, daß das rechtgläubige Judenthunt in Ungarn in der überwiegenden Majorität seiner Rabbiner Männer besitzt, an deren Amtswaltnng nur die keckste Gewissenlosigkeit mit dem leisesten Zweifel heranzutrctcu wagte? daß wir ferner unter unfern jüngeren Rabbinern Männern begegnen, die uns durch ihre anerkannte Gelehrsamkeit, durch den Adel der Gesinnung und durch ihren gott- und nienschengcfälligcn Lebenswandel die vollste Ehrerbietung abgcwiuuen? — Aber eben so wenig, wie diese erfreulichen Thatsachen in Abrede gestellt werden können, eben so wenig kann cs andererseits wieder geleugnet werden, daß solche abnorme Erscheinungen wirklich zu Tage treten und — was am meisten besorgnißcrregend ist, in innner zunehmender Zahl. Wir glauben also im Einvernehmen mit der ungleich größeren Majorität der Wohlgesinnten vorzugehen, wenn wir in Folgendem den Schuldbewußten ein mene iekel vor die Augen führen, den Ahnungslosen aber ein videant consules! zurufcu wollen. Doch wir wollen der Reihe und Ordnung unseres Gedankenganges nicht vorgreiscu, wir wollen nach unserer Gewohnheit.Daten sammeln, daraus möge sich dann ein Jeder nach Maßgabe seiner Einsicht ein Urtheil bilden. Wir haben uns vorher dahin berichtigt, daß die heutigen Rabbiner Ungarns nicht mehr ausschließlich direkt ans der Jeschiba hcrvorgehen, und ein Blick auf die häufigste Art der Umstände, unter denen unsere Rabbiner gegenwärtig zu ihrem Amte gelangen, scheint diese Angabe zu unterstützen. Der Bachur kann heutzutage, wenn seine Ambition nur von seinen individuellen Fähigkeiten, und mögen diese auch noch' so eminent sein, unterstützt wird, auf wenig Erfolg rechnen, vielmehr hat man die Entdcckung gemacht, daß ein ursprünglich vom lieben Herrgott zu ganz anderen Zwecken kreirtcS ״Hülfsmittel" oder ״Stütze" sich auch zur Erlangung eines Rabbiner- Postens mit Erfolg anwendcn läßt. Das עזר כנגדו ist jenes wundcrthätigc HülfSmittcl, an welches die Bachurim in vielen Fällen appelliren müssen, mit sich cinestheils die Protektion deS Schwiegervaters, gewöhnlich eines bedeutenden und einflußreichen Rabbiners, zu verschaffen, audernthcils auch, um jene, durch die für einen gewissen Zeitraum vom Schwiegervater zugcsagte Verpflegung ermöglichte Sorgcnlosigkcit und Gemüthsruhe zu erlangen, deren er in den Widerwärtigkeiten des Bachurlebcus nicht theilhaftig werden konnte, um an die zu feiner Auwrisiruug uothwendigc Vcrvollkommmmg die letzte Hand anzulegeu. Der Ehestand kann demnach als die letzte Stufe deS Studiengangcs vieler unserer jüngeren Rabbiner betrachtet werden. Dieser Umstand aber verursacht eine ganze Menge trauriger Thatsachen, unter denen nmuche zu dent Vedancrlichstcn gehört, was über dieses Kapitel' gesagt werden kann. Dadurch wird in erster Reihe dem schwachen Rest von Ansehen, den die Jeschiba noch besitzt, der Todesstoß versetzt, daun auch wird der Nabbincrstaud dem besten Thcile der studircndcn Jugend verhaßt gemacht, und dieser demselben entfremdet, da sich viele Jünglinge nicht entschließen können, den wichtigsten Akt im menschlichen Leben aus kalt be-- rechnendem praktischen Bortheil zu begehen, vor welchem oft manche erwachende Stimmen zurückgedrängt werden müssen. Dem Entschluß der Gemeinden bei der Wahl ihrer Seelsorger werden in manchen Fällen auch andere Richtscheite als die moralische und geistige Würdigkeit und Befähigung der Kandidaten ausoktrohirt, wodurch! wieder das Ansehen des NabbincrstandcS im Allgej meinen manche beschämende Scharte erleidet, und die | freie Konkurrenz, die bekanntlich in jedem Fache zur j Würdigung und Beförderung der ausgezeichneten Kräfte! führt, wird durch ein ausgedehntes, sich häusig nach

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