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Jeschurun · 1883-12-27 · Heft 52 (27.12.1883) · p. 904

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 52 (27.12.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-12-27
Page
904 (sequence 3)
Language
German
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904 Und hält' sie mein Ungeschick nicht gemerkt, war' j mir's lieb." j ״Seien Sic unbesorgt," entgcgncte Frank hastig,! ״wenn sie's bisher nicht gemerkt hat, so wird sie'o auch nicht merken," und rasch eilte er die Stufen hinan? Kohn fuhr mit dein Tuche über die Stirn, dann öffnete er die Thür seines Schreibzimmers. ״Alsdann lieber Freund, ich bin fertig, wenn Sie wollen, gehen wir." Schweigend entsprach Seidler dieser Aufforderung und schritt an der Seite des Lederhändlcrs der Wohnung des Gemeinde-Nabbinen zu. Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt, unheimlich wilde Gluth loderte in seinen Blicken. — Was mochte der Andere jetzt mit seiner Marie reden'? — Und er hatte Kohn Onkel genannt und war von diesem mit auffallender Herzlichfeit begrüßt worden. — Ob nicht am Ende der Onkel das schöne Mädchen, das unter seinem Dache, unter seiner Obhut weilte, dem Neffen bestimmt halte? — und eben darum jede Annäherung des Seidler Toni hintan zu halten sich bemühte'? — Mitten in der Gasse blieb er stehen und maß mit drohend herausfordernden Blicken den neben ihm Einhcrschreitendcn. ״Wegen was bleiben Sie stehen, Freund? haben Sie sich's anders überlegt? wollen Sie nicht zum Raw? — gcscheidter wär's am Ende, denn wegen was —״ Der juuge Mann schüttelte heftig den Kopf. ״Kommen Sie," mlirmelte er, ״lassen Sic icus gehen." Nur wenige Schritte noch und sie hatten die Nabbinatswohnung erreicht. Kohn schritt durch die ziemlich dunkele, doch ihm wohlbekannte Hausflur voran, Seidler folgte. An׳. Ende der Flur ward es Heller, sie befanden sich vor der Thür des Lchrzimmcrs; doch Kohn war sicher, daß zu dieser Stunde nicht gelehrt wurde. Er klopfte an die Thür und öffnete sic gleichzeitig, dann aber trat er zurück ilnd ließ den jungen Manu voranschrciten. Er that dieses nicht aus Höflichfei!; dem schlichten, einfachen Manne wäre cs nicht in den Sinn gekommen, dem jüngeren den Vortritt zu lassen, doch er hatte bereits den Ausdruck des Mißtraucns wahrgeuommen, mit dem dieser ihn betrachtet, und cs war ihm daher daralt gelegen, selbst den Schein zu!neiden, als wolle er auch nur durch einen Blick sich zuvor mit dem Rabbinen iu's Eiuveruehmcu setzen. Seidler trat in das Zimmer, Kohn folgte. Bcrwundert schaute der junge Bauer um sich her, einen derartigen Raum hatte er nie gesehen. Sämlutliche Wände waren vom Fußboden bis zum Plafond mit Bücherregalen bedeckt und säunntlichc Regale überfüllt mit Büchern, größtentheils Folianten. Und unter . diesen vielen vielen Büchern saß nur ein Maun dort am oberen Ende des Tisches über einen Haufen aufgeschlagener Folianten geneigt. Sobald er die Eintretenden gewahrte, erhob er sich und ging mit auSgestrccktcr Hand ihnen entgegen. ״Boruch habo, Neb Simche! wen bringen Sie mir denn da?" ״Einen braven jungen Mann führ' ich dem Rebbe zu." cntgegnetc Kohn, indem er den Händedruck des Freundes herzlich erwiderte, ״was er will, wird er schon selber dem Rebbe sagen," fügte er hinzu, indem er sich auf einen Sessel niederließ, ziemlich entfernt von dem des Rabbi und sich so setzte, daß derselbe ihm den Rücken zuweuden mußte. ״Setzen Sie sich," sagte der Rabbiner zu dem jungen Manne, mit einer Haudbewcgung auf einen in der Nähe stehenden Sessel deutend. Seidler folgte der Aufforderung, doch in seltsamer Verlegenheit drehte er den Hut unablässig in den Händen; die Persönlichkeit des jüdischen Gelehrten, der seinen Platz von vorhin wieder eingenommen hatte, imponirte ihm ungemein; er fühlte dessen prüfend durchdringenden Blick auf sich gerichtet und ihnt war, als könnten diese großen feurigen Augen tief in das Innerste seines Herzens dringen und hätten dessen geheimste Falten bereits erspäht. ״Was wünschen Sie von mir?" fragte der Rabbi freundlich, indem er sich, wie zum Hören bereit, ein wenig vorueigte. Die Befangenheit des jungen ManncS steigerte sich, er athmete hastig und wechselte die Farbe. In freundlich wohlwollendem Tone wiederholte der Rabbiner seine Frage. Seidler fuhr sich mit der Hand durch die Haare, unwillkürlich war er aufgcstanden. ״I ntöcht' schön bitten," begann er endlich zögernd, ״i möcht' gar schön bitten — i möcht' — heißt das, ich will," fuhr er entschlossen fort, ״ich will Israelit werden." Es war glücklich heraus und wie erleichtert athmete er tief auf, blickte jedoch in athemloser Spannung auf den Rabbiner, au dessen Antwort Wohl und Wehe für ihn hing. ״Also Israelit wollen Sie werden —sprach der Rabbiner, indem sein Blick noch forschender, noch durchdringender an dem jungen Manne haftete. ״So ist's, hochwürdigcr Herr," cntgegnetc Seidler schon muthiger, ״Israelit will ich werden." ״Hm — Israelit wollen Sie werden —." Der Rabbi ließ seine weißen schmalen Finger durch den bereits ergrauten Vollbart gleiten. (Fortsetzung folgt.)

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