Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1883)
- Article
- Wie erziehen wir unseres Kinder?
- Date
- 1883-12-27
- Page
- 901 (sequence 3)
- Language
- German
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f - ■ 901 Mutter in feinem Augenblicke außer Acht gelassen würde, daß sie keine heiligere Obliegenheit kennten, als ihren Kindern das rechte Beispiel, die rechte Unterweisung und die rechte LebenSgewöhnnng in der rechten Weise zu gewähren! Und gerade darin wird so Vieles gefehlt, so Manches versehen. Es wird jd)01f als ein beneidenSwertheS Glück gepriesen, wenn tugendhafte Eltern alle ihre Kinder ohne Ausnahme in den gleichen Bahnen der Tugend wandeln sehen, des Glückes aber, daß alle Kinder in der gleichen Treue fest und nnerschütterlich zur Fahne des GoUeSgesetzeS stehen, werden in unseren Kreisen verhältnißmüßig nur wenige Eltern theilhaftig. Weshalb? Weil die Eltern die rechte Weise zur religiösen Erziehung ihrer S.öhne und Töchter verkannt haben. Doch hierüber ließe sich sehr Vieles sagen, was׳ in den knappen Nahmen dieser kleinen Abhandlung nicht hineinpaßt. Wenn dieselbe nicht ganz ltngünstig ausgenommen worden und hier oder dort zum Nachdenken über die Erziehung angeregt haben sollte, so ist ihr Zweck erreicht. Dem bcsondern Kapitel der religiösen Erziehung widme ich mich alsdann gern zur gelegenen Zeit. Die jüdische €iit1uani)entmj itt prfiiljnt• ES ist für jeden Menschen, dessen Ehrgefühl noch nicht gänzlich erstorben ist, eine ungemein peinliche Empfindung, wenn er sich in der Gesellschaft mit scheelem Auge betrachtet weiß, wenn man eS ihn merken läßt, daß seine Anwesenheit den Uebrigen ein Mißbehagen verursacht, und sie nichts lieber als seine schleunigste Entfernung wünschen. Er ist sich keines ihm besonders anhaftenden widrigen leiblichen Makels bewußt, er kann sich nicht entsinnen, gegen die allgemeine Sitte und Moral einen Verstoß begangen zu haben, er sagt sich auch, daß er dasselbe Riecht habe, da zu sein; aus dem Reden und dem Gebühren der ihn von oben herab naserümpfend Betrachtenden vermag er auch nichts zu entdecken, .was ihn zur Erkenntniß seiner etwaigen geistigen oder sittlichen Inferiorität bringen könnte, die hochmülhige Gesellschaft zeichnet sich keineswegs durch eine höhere Intelligenz oder edlerere Gesinnung aus, als er sein eigen weiß, so daß er dieses stolze ihn von sich weisende Betragen für völlig unprovozirt und unberechtigt halten muß. Aber man mag ihn nun einmal nicht, seine Existenz — und er hat sich doch nicht erschaffen, er ist deshalb vollkomnten unschuldig — ist ihnen widerwärtig. ES ist überaus schmerzlich, sich dieses sagen zu müssen; eS weiß daS Niemand, der cs nicht erfahren, der cs nicht so tagtäglich erleben muß, wie der Jude in der Gegenwart. Man mag ihn nicht, — warum? er weiß es nicht. Atich ihn hat Gott in seinem Ebcnbilde erschaffen, auch sein Herz m empwnglich für das Wahre ttnd Schöne, auch sein Geist strebt!tach Erkenntnis, und er empfindet herzliche Zuneigung für seine Mitnnnscheu, er weint mit!kstem.;merze, er freut sich mit ihrem Jubel, er Hilst wo chm Gelegenheit dazu geboten wird, es gereicht iljm ^iv innigsten Befried!- gnng, die allgemeine Wohlfahrt zu fördern, er ist ein guter Patriot, ein treuer Gemeuidelmrger, ein loyaler Staatsangehöriger. Und dennoch — mau will ihn nicht, man mag ihn nicht, inan gönnt ihm nicht die ^uft zum Athmen, nicht die Scholle, ans welcher er seine Hütte ansschlägt. Entsetzlich! Was uns an Weh und Herzleid bereitet wird, davon hat man in außerjüdischen Kreisen keine Ahnung. Die Zuchthäuser sind gefüllt, die Strafgerichte unausgesetzt in Thätigkeit — strauchelt aber ein Jude ans dem Pfade der Tugend, dann wird frohlockt; zeichnet sich aber ein Jude in irgend einer Hinsicht zum Vortheile aus, und sei eS auch nur, daß ein jüdischer .Knabe eine gute Zensur in der Schule erringt, dann regt sich Neid und Aergcr. So vergällt man unser Leben, so träufelt man bitlern Werinnth in unseren Lebenskelch. Wenn wir unter der Bürde dieses Leids seufzen, daun beschuldigt man uns krankhafter Empfindlichkeit, bleiben wir in männsicher Kraft ungebeugt und bieten dem Haß die Stirn, so schreit man über jüdische Unverschämtheit. Wahrlich, fänden nur nicht in dem Ve!trauen auf Gott Trost und Stärke, und in dem Bewußtsein unserer Unschuld diesem vollgerüttelten und geschüttelten Maß der Verachtnng gegenüber die Schätzung unserer Menschenwürde, wir wären in der That bcjammcrnSwerther als der Negersklave. WaS nitS diesen AuSbrnch des Schmerzes erpreßt? Es sind nicht die Herren Stöcker und Wagner mit ihren Kolbenschlägen oder deren tranSleitanischc Freunde Ouody, Jsloczi und Verhovay mit dem groben Geschütz verwegener Reden. -- Herrn Heinrich v. Treitschke'S Nadelstiche sind eS, die uns empsindlicher treffen, als jene Derbheiten. Diesem hervorragenden Gelehrten bereitet mach pharaonischem Vorbilde die Vermehrung der Inden in Preußen geivaltige Beklemmungen. Ein Jeder hat eben seine Spezialität und sein besonderes Steckenpferd. Er hat hcrausgetüpftelt, daß die jüdische Bevölkerung von Osten her einen sehr erheblichen Zuwachs empfängt, und das ist eine sehr bedenkliche Sache. Warum? Nim, das ist ja männiglich bekannt, das bedarf keiner weiteren Erörterung, darüber werden, jedem ״wohlmeinenden Manne wohl die Augen aufgchcn." Er ist dieses Mal in den! Dezemberhefle seiner ״Preußischen Jahrbücher" der Mann der strengen Wissenschaft und stützt sich auf das untrügliche statistische Material der Volkszählung von 1880 für die Behauptung, daß