Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1883)
- Article
- Wie erziehen wir unseres Kinder?
- Date
- 1883-12-27
- Page
- 900 (sequence 2)
- Language
- German
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900 DaS spezifisch jüdische Gesetz aber mit seinen Anforderungcn an Geist und Thal hat sich einer solchen allgemeinen Anerkennung und Verehrung keineswegs zu erfreuen, und;war nicht allein in außerjüdischen Kreisen, sondern auch innerhalb der eigensten Gemeinschaft. Wo sind denn in Deutschland die Orte, wo ein jüdisches Kind aufwachsen könnte, ohne deö Gegensatzes iunc zu werden, in welchem das im Elternhause streng nach den Vorschriften des JudeuthumS und in -essen Geiste sich vollziehende Leven zu der herrschenden Anschauung und praktischen Bethütigung steht? Der Onkel, Vetter oder Freund des Hauses lächelt ja über die peinliche Gewissenhaftigkeit der Eltern in religiösen Dingen und handelt denjenigen Geboten zmvider, welche dem Kinde als heilig und unverbrüchlich eingeprägt sind. Muß dem gegenüber nicht das Beispiel nin so belebender, die Gewöhnung um so ernster, die Unterweisung uni so eindringlicher an des Kindes Gemüth und Verstand heramretcn? Die meisten Eltern, die das ErzichungSgeschäft als mißlungen erachten würden, wenn sie dereinst nicht ebenso beruhigt sein könnten, daß ihre Kinder auch außerhalb der elterlichen Obhut und als selbstständige Männer und Frauen in gleicher Gewissen- Hastigkeit die besonderen jüdischen Gesetze erfüllen, wie sic den allgemeinen Moralgesetzen Gehorsam leisten, befinden sich ja mehr oder minder in einer isolirten Stellung mit ihrer religiösen Ucberzeugnng und Ucbuug,. und ihr HauS gleicht mehr oder minder einer Insel, auf welcher andere Sitten und Gebräuche heimisch sind, eine andere Sprache geredet wird, als in denjenigen Ländern, mit welchen deren Bewohner in nnuntcrbrochencm Verkehre stehen. Die auf ihnen ruhende Pflicht ist deshalb eine tun so schwierigere und ein Jrrthum oder eine Vernachlässigung um so Verhängnis;- voller. Das Schnlleben und der Umgang leisten hier der Erziehung nicht nur keine Unterstützung, sondern stellen sich derselben sogar oft hemmend entgegen. Das Kind ist meistens von frühestem Alter an darauf hingewiesen, für das im Hanse Empfangene zu kämpfen und Opfer zu bringen.- Es befindet sich in diesem Kampfe zumeist allein, jedenfalls aber als eine winzige Minderheit einer überwältigenden Mehrheit gegenüber. Für diesen Eiuzclkampf ist aber Stärke, Muth und Tapferkeit erforderlich, welche aber nur aus der Begeisterung für die heilige Sache und der tief wurzelnden Ueberzcugnng von der Wahrheit und Gerechtigkeit derselben geschöpft werden können. An enrh, Eltern, ist eS, diese Begeisterung und diese Ucberzeugnng dein Herzen und Geiste eures Kindes einzuimpfen, damit es diesen schweren Kampf zu bestehen vermag, damit cS nicht unterliege, damit cS sich das kostbarste Kleinod nicht entreißen lassen und Sieger bleibe in diesem Kampfe. Rüstet hierfür euer Kind, machet es stark, muthig und tapfer, und ihr werdet fortleben in euren Kindern und Enkeln; versehet ihr euch hier aber aus Jrrthum oder Lässigkeit, so reißt mit euch die Kette, welche bis zu euch von'Abraham cm gereicht, und euer Kind wird mit nichtcm der Träger des GottcSbundcs, für welchen ihr cs erziehen solltet. Da schreitet der Kleine sorglos zur Schule. Du schaust ihm nach, glückliche Mutter, cS ist der erste Schritt deines Lieblings in die große, weite Welt. Du blickst voll stolzer Mutterfreude auf den blühenden Knaben, der jetzt das erste Stadium der Kindheit zurückgclegt hat; du siehst in ihm den zukünftigen Mann, geachtet und geehrt in der Stellung, zu welcher er sich jetzt mit der Fibel und der Schrcibtafel unter dem Arm vorbereiten soll. Denkst bu aber auch daran, daß dieser erste Schntgang ein Auszug zum Kampfe ist, der mit dem heutigen Tage seinen Anfang nimmt nnd währt, bis dein Knabe dereinst das greise Haupt unter grünen Nasen bettet? Siehst dn ihn auf dem Schulspielplatze während der freien Viertelstunde? Die kleinen A-B-E-Schützen, welche heute zum ersten Male Zusammenkommen, betrachten sich gegenseitig mit neugierigen Augen und schließen dann schnell Kameradschaft. Auch dein Kleiner hat sein Butterbrod gleich den Anderen vorsorglich zum Spielplätze mitgenommen. Aber bevor er cs verzehrt eilt er zutn Brunnen, um sich die Hände zu waschen, wie du ihn gewöhnt hast. Er spricht auch die ,ברבר über sein Frühstück, und nachdem er damit zu Ende ist, vergißt er nicht, den ersten Absatz des Tischgebets zu sagen, ganz so wie seine Mutter ihn gelehrt. Staunend haben die kleinen Kollegen dem absonderlichen Gebühren zugesehen und bestürmen ihn jetzt mit Fragen, was das bedeute. Der Kleine wird verlegen; der Lehrer tritt hinzu und mahnt die Bürschchen, ihren Kameraden nicht zu belästigen. ״Er ist ein Jude, und die Juden haben besondere Gebränche; mau darf sie deshalb nicht necken." ״Aber Robert Cohn und Oskar Levy sind auch Juden," rufen Einige; ״und die machen das gar nicht so!" Damit ist der Konflikt eingeleitet. Dein Sohn hat den Gegensatz kennen gelernt, in welchem er mit seiner LebenSgcwohnheit zu der nichtjüdischen und unjndischcn Gesellschaft steht, und er hat in den Kampf einzutreten mit dem Spott und bcm mitleidigen Lächeln und dem beengenden Gefühle des Alleinseins in Betreff seiner heiligsten Pflichten. Wenn das Kind nicht in sich den festen Halt findet, wenn der Eltern Beispiel und Belehrung bei ihm nicht feste Wurzeln gefaßt haben, dann geht cS unter in diesem Kantpfe. Und feste Wurzel können sie nur dann fassen, wenn sie ernst und überzeugend das Kinderherz erwärmen und den kindlichen Geist erleuchten. O, daß doch dieses von keinen! Vater, von keiner