Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-12-20
- Page
- 888 (sequence 2)
- Language
- German
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888 Evangelischer und sie ist Israelitin — wo soll das zusammen? — Ach was, Hab' i g'sagt, 'n bissel Wasser auf ihr goldiges Haar und sie ist so gut evangelisch wie wir Zwei. — Aber die Mutter hat ihren g'scheidten Kops g'schüttclt und hat g'sagt, du bist halt a Taltider, hat sie g'sagt, und bevor die Marie so'n bissel Wasser aufm Haar möcht lassen, lagt der Toni sein Herzblut um ihr. — Hub so ist's, gleich möcht' i 's Leben Leben lassen um die Marie — denn warum? — ohne ihr ist's doch kein Leben — all die Zeit, daß sie weg ist, — leben Hecht das ni — Kohn hatte ihm mit steigender Ungeduld zage- Hort. ״Aber, lieber Freund, ich bitt' Sie um Gotteswillen! das wird ja alles schon besser werden, das komint mir, weil'S erst kurz ist, daß die brave Dritter Ihnen gestorben ist. — Ich sag' Ihnen —" ״I weiß, was Sie mir sagen wollen," siel der junge Mann heftig ein, ״und hundert und hundertmal Hab i mir's selber g'sagt, aber —er preßte die Hand gewaltsam gegen die Stirn, ״'s thnl's holt ni — t halt's nimmer ans —" Kohn wollte ihn abermals nntcrbrechelt, der Erregte ließ ihn nicht zu Worte kommen. ״Um Gott's Himmelswillen, Herr Kohn! reden Sic mir mir da ni drein — fort zu leben ohne die Marie — das ist 'ne unmögliche Sach'!" ״Aber, lieber Freund —״ ״Ni drein reden!" ries Seidler, indem er flehend die Hände erhob, ״ohne die Marie geht's halt nimmer." ״Aber Ihre Mntter hat Ihnen doch schon gesag! —" ״I wciß, ivatf dic Mutter hat g'sagt, und auf sic g'sagt hat, halt i mehr als auf's Evangelium, und von wegen dem werd' i die Marie nimmer fragen, ob's sich möcht taufen lassen. — Denn ob 's mir gern hat — i wciß ni — aber das weiß i — wenn sie mi gern hält' — und wenn's mögli war', daß sie mi noch mehr gern hält' als i sie — taufen laßt sie sich nimmer. Und wegen dem möcht' i sie fragen, ob's mi gern hält' — und wenn 's ja sagt, wir i Israelit!" fügte er entschlossen hinzu. Kohn aber schüttelte bedächtig das Haupt. ״Mein lieber guter Freund — das geht denn doch nicht an." ״Und wegen was ni?" rief der junge Mann heftig, ״denkcn's i wür' gottlos, weil i meine Religion um die Marie ihre möcht' austanschcn? — 3 bitf Ihne um Gott's willen — i denk' unserm Hem;>..iL — Ihne Ihr Herrgott ist ja so schon meiner a — und i mein’, ihm wär's eins, ob i in die Kirchen zu ihm beten thät oder in die Schulen — so hcißcns doch die Iudcnkirchen, mir scheint, die Marie hat'S g'sagt ״Aber wissen Sie denn nicht, daß es hier zu Land gar nicht augeht, daß ein Ehrist Jude wird? Das Gesetz erlaubt eS nicht." ״Das wciß i a," cntgegnetc der junge Mann in einem gewissen überlegenen Ton, ״und von wegen dem ist's ja, daß i;'vor mit der Marie reden muß. — Denn i weiß gut, wenn i Israelit werden will, muß i fort aus'm Land, muß 'n Hof verkaufen und alles Land, was da dazu g'hört — aber um die Marie wär's ni;'viel. — Aber wissen muß i;'vor, ob's dann mit mir geht." Kohn halte die Stirn in tiefe Falten gezogen. ״Lieber, guter Freund, — 'S ist mir leid — weiß Gott, 's ist mir sehr, sehr leid — aber ich ntnß Ihnen sagen — 's kann doch nicht sein." Der junge Bauer blickte ihn angstvoll an. ״Kann ni sein?" ״.Kann nicht sein," wiederholte Kohn mit Entschiedenheit. ״Schauen Sie, lieber Freund, bei uns ist das Gesetz, wir dürfen keinen aufnehmen, der Jude werden will, wenn wir nicht sicher wissen, daß er's werden null, weil er überzeugt ist, daß das Indenthum die einzig wahre Religion ist — und bei Ihnen —.*׳ ״Mögli wär's schon, daß i davon überzeugt war' — denn wenn i mir denk', daß die Marie —" ״Sie!vollen übertreten,!veil sie die Marie heirathcn wollen," jicl Kohn ernst ein. ״Müßt' lügen, wenn i anders sagen wollt' — aber wegen dem —" ״Eben wegen dem könnelt Sie's nimmer —.״ Der junge Mann war leichenblaß geworden, seine Lippen bebten. ״Lassen'« mi mit der Marie reden!" stammelte er. ״I bitt gar schön!" ״Wegen was?" fragte Kohn, den Erregten mitleidig betrachtend. ״I bitt Ihne, lassen'«!ni mit ihr reden!" ״Aber wegen was? Kennen Sie denn Mirjam nicht? Bilden Sic sich denn jetzt noch ein, sic möcht' ja sagen, wenn Sic sie fragen?" Ein Aechzen entrang sich der Brust des jungen Mannes, er stützte beide Ellbogen auf die Knie und verharrte mehrere Minuten in dieser Stellung, er schien vollständig vergessen zu haben, wo er sich befand, endlich richtete er sich auf. ״Lassen'« mi zu ihr," flehte er nochmals, ״um nusers Herrgott'« willen lassen'« mi zu ihr!" ״Um unseres Herrgott'« willen soll ich Sic zu ihr lassen?" wiederholte Kohn, den jungen Mann mit ernst durchdringendem Blicke betrachtend, ״um unseres Herrgott'« willen? — Und Sic wollen mir nicht sagen, wegen was. (Fortsetzung folgt.)