Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-12-20
- Page
- 887 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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878 Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Ariedrich 'glott. (Fortscvung.) b'w« :1!fiu vorNchalun) Mirjatn blickte ihn verwundert nach, in einer derartigen Erregtheit hatte sie den freundlichen Mann noch nie gesehen. Doch um wie viel mehr hätte sic gestaunt, hätte sic ihn draußen beobachten können, wie er vor der Thür des Zimmers stand, erst überlegend, mit der Linken unaufhörlich die Schläfe sich reibend und dann mit einer gewissen unsicheren Entschlossenheit langsam den Schlüssel in dem Thürschloß umdrehen. Und vorsichtig, als habe er eitlen Frevel vollbracht, schlich er von dannen. Er begab sich in das sogenannte Schreibzimmer, in dem er während der Geschäftszeit sich auszuhalten pflegte. Ein junger Mann, der hier aus ihn gewartet zu haben schien, erhob sich bei seinem Eintreten. Kohn drückte ihn mit beiden Händen wieder in seinen Sessel nieder. ״Halten Sie Platz, lieber Freund. Ich habe meine Frau gesucht, daß sic Ihnen was aufwartcn möchte — aber ne ist nicht daheim." ״Thut mir leid," versetzte der junge Mann lächelnd, ״hält' die Frau Kohn halt auch gern gesehen — aber mir scheint, Sie werden sich'ö denken, daß ich nicht wegen ihrer kommen bin." Es war der Seidler Toni, der diese Worte gesprochen hatte, mit einem gewissen Grad erhöhten Selbstbcwnßtseins und doch nicht ohne Verlegenheit. Der Seidler Toni in seinem besten Sonntagsstaat. Die dunkeln knapp anschließenden Kleider ließen das Ebenmaß seiner männlich schönen Gestalt mehr als ge׳ wohnlich hervortreten; sein hellblondes Haar war sorgfällig geschlichtet, der breite Kragen, der den Hals vollständig frei ließ, war von tadelloser Weiße und zu dem alten der erhöhte Glanz seiner lebhaften blauen Angen. — Gleich im ersten Moment war Kohn der Gedanke gekommen.״ ׳der geht ans Freiersfüßen" und darum war's dem Braven unheimlich geworden; er hatte sich entschuldigt und war hinaus geeilt, seine Frau hcrbeizurufen; Nahel sollte ihm helfen, den Begehrlichen beschwichtigen. Und als er seine Frau nicht getroffen, da hatte er wenigstens dem jungen Mädchen den Ausgang versperrt. Sie schien in jüngster Zeit rtlhiger, selbst heiterer zu sein; darum sollte sie um keinen Preis Denjenigen erblicken, der in seinem Schreibzimmer seiner harrte. Dennoch pochte dem Redlichen das Herz, wenn er sich den Schrecken vergegenwärtigte, der das junge Mädchen erfassen mußte, wenn sie das Zimmer inzwischen werde verlassen wollen und die Thür nicht werde öffnen können. — Doch cs war zu ihrem eigenen Besten, sie durste nicht hinaus, bevor der Seidler nicht das HanS verlassen — wenn er ihn mir schleunigst fortschaffen könnte. ״Herr Kohn," httb Seidler von Neuem an, ״Sie werden sich's denken können, wegen wem ich da bin — wo ist die Marie?" fügte er leiser, mit unsicherer Stinune hinzu. ״Die Marie — heißt Mirjam — die ist droben beim Kind." ״Ich Hab' mit ihr was zu reden," entgegnete Seidler hastig, ״kann ich hinanfgchen?" ״Gott soll hüten und bewahren!" rief Kohn voll Schrecken, indem er mit einem Satze bei der Thür war und sich vor dieselbe postirte, als wolle er den Ausgang beschützen. ״Was Ihnen nicht beifallt!. — Sie gehen nicht hinauf zu ihr, und sic kommt nicht hinunter zu Ihnen." Der junge Mann preßte die Lippen aufeinander, doch er bezwang den Ausbruch seines Unmuthcs. ״Lasjen's mich zu ihr, Herr Kohn," fuhr er bittend fort, ״i Hab' ka schlimme Gedanken ni — und i mujj Zu ihr." Doch Kohn bcharrtc bei seiner Weigerung; der Bauer wollte nahezu verziveifcln, was sollte er beginnen? — Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. ״'s Beste wird sein, ich sag' zuvor Ihnen, was ich mit der Marie reden möcht." — Und mit den mißtrauischen Hausherrn vollständig zu beruhigen, warf er sich wieder in den Sessel, den er in seiner Ungeduld längst verlassen. Und cs war auch vielleicht mehr diese Bewegung als die Worte, die Kohn veranlaßte, seinen Posten an der Thür aufzugebcu und sich seinem Gaste wiederum gegenüber zu setzen. Der junge Mann räusperte sich und tvcchselte die Farbe und mit einer Stimme, der er vergebens Festigkeit zu verleihen sich bemühte, begann er: ״Alsdann, Herr Kohn — iü) muß Ihnen sagen — kurz und gut — es thut's ni länger — i halt'S nimmer aus -- draußen aufm Hof — allein —״ Kohn zuckte die Achseln. ״Mirjam kann doch nicht wieder mit Ihnen hinaus." ״So g'schcidt bin i selber," versetzte der Bauer mit kurzem, gezwungenem Lachen. ״Das hat die gottselige Mutter mir schon gesagt — die ist Ihnen g'schcidt gewesen — alles hat sie gcivußt — und war doch blind gewesen. Und auf die letzte Ostern, wie die Marie zu Ihnen ist, da hat die Mutter gesagt — Toni, hat sie gesagt, schau, was du treibst, du bist 'n