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Jeschurun · 1883-12-20 · Heft 51 (20.12.1883) · p. 883

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 51 (20.12.1883)
Article
Über die Erziehung alter und neuer Rabbiner : eine Skizze [Nachricht]
Date
1883-12-20
Page
883 (sequence 1)
Language
German
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883 □ lieber die Erziehung alter und neuer Mbbiner. Eine Skizze. (Schlich.) Welche Verehrung halte man in jener Zeit vor eincnl Rabbiner; welche Autorität hatten seine Anordnllngcn und Begutachtungen! Wie ist cd aber in unseren Tagen? Die Beantwortung dieser Frage überlasse ich den Lesern. — Die Ehrerbietung jener Zeit, der sich der Rabbiner zu erfreuen hatte, galt weniger der Person, als dem Träger der Thora; cs war 122״ התורה. Wie aber wußte diu solcher Rabbiner diese zu vertreten! Er stand dafür ein mit dem Einsatz seines ganzen Wesens, ihr allein war sein Leben geweiht. Er Hütte lieber seine kärgliche Existenz, welche zu damaliger Zeit etwa aus einem Taxum von wöchentlich vic.r Thalern bestand, fahren lassen, bevor er ein Titelchen der von ihm vertretenen Wahrheit aufgegcbcu hätte. Das Beispiel seines Elternhauses, die empfangenen Lehren seiner Jüuglingsjahrc verivirklichte er durch die Thal seines Mannesalters. Das belehrende Wort, das er zur Gemeinde sprach, drang als sichtbare Wahrheit in deren Herz, der Lehrer war die Verkörperung seiner Lehre, und darum stand sie als Wahrheit vor ihren Augen הורה י2קדו בפיהו בי כלאך ד׳ צ2אות הוא. Den strikten Gegensatz zur Erziehung eines Rabbiners früherer Zeit, bildet die erziehliche Vorbereitung eines Neformrabbincrs unserer Zeit. Von einer echt religiösen Erziehung kann bei vielen Nabbineu unserer Zeit nicht mehr die Rede sein; die Kinder unserer Zeit wachsen nicht mehr in einer sronuuen Atmosphäre ans, selbst in vielen solchen Häusern nicht, die sich noch als streng jüdische geben. Wenn den alten Rabbinen eine gründliche Kenutniß des rabbinischen Schriftthums die erste Vorbedingung war, so wird jetzt in vielen Gemeinden nach einer solchen kaum gefragt, bringt der ״Geistliche" nur Zeugnisse über das von ihm durchgemachle Trienninm und über den Besitz des Doktortitcls bei uub ist er außerdem nur .,freisinnig" und nach dem Bvlksmund, und natürlich auch nach Bolksbcgrissen, ein guter Redner, so genügt dies vollkommen. Dem Rabbiner selbst aber kommt es häufig nur auf eine gute Existenz an; das ist ja in unserer Zeit oft das Hauptmotiv bei der Wahl dieses Berufs. Wozu denn auch sich mit einem so unnützen Ballast, wie religiöser Erziehung, religiösem Bekenntnis; und rabbinischen Wissenschaften belasten, welcher nur Störungen in den Annehmlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens eines modernen Rabbiners vc.- ursacht — und den die.Gemeinden auch gar nicht verlangen? — Vielleicht aber ist die Zeit nicht zu fern, in welcher die Gemeinde aus ihrem religiösen Irrwahn, den sie für fortschrittliche Aufklärung hält, erwachen, und ihr geistiges Auge geöffnet wird, daß sie hell und klar sehen und erkennen, wie die Predigt in der Synagoge und der Lehrstoff in der Retigionsschule nichts Religiöses enthält, sondern die Predigt Phrase und die Religion der Religionsstnudc keine Religion ist. Wenn das Volk in der Predigt keine Belehrung zur Ausübung und Bethätignng der Religion gerade heraus und rückhalllos erhält, sondern mit hohlen Redensarten gespeist und wie ein Wanderer in der Wüste sich endlich nach einem erg nickenden Trunk sehnt, wenn es von der Kanzel herab zwar sehr pathetisch ״das Indenthnm" und abermals ״das Indenthnm" rufen hört, aber niemals erfährt, worin eigentlich das Indenthnm besteht, wird es sich da nicht endlich sagen müssen: das ist Spiegelfechterei, ist Gaukelspiel, aber keine Religion? Wir hören stets von der Kanzel dasjeuige, was wir, trotzdem wir Juden sind, nicht zu thnn brauchen, ivie wir uns aber als Inden zu verhalten haben, lutrb uns nicht gelehrt. Wo bleibt da die jüdische Religion mit ihren Anforderungen an unser Thun? Der eine Prediger will dies nicht lehren, weit er selbst au das geosfenbarte Indenthnm nicht glaubt; Speisegcsetze haben für ihn keine Bedeutung, diese machen ja nicht das Indenthnm ans, und er rühmt sich, nicht ״Küchenrabbiner" zu sein! — Die Sabbathfei er und die Heiligung besteht für ihn nur im Anhören seiner Predigt, sonst nimmt er es eben mit der Heilighaltnng des Sabbath nicht viel genauer, als seine Gemcindemitglieder, welche ״nach seiner Predigt handeln" — wie das Witzwort sagt. Der andere Prediger darf cs nicht lehren, weil die Gemeinde zu ״aufgeklärt" ist und es nicht glaubt. Seine Reden sollen nicht verralhen, daß er noch ״strenggläubiger" Jude ist, das wäre für unsere ״erleuchteten" Gemeinden der schlimmste Fehler eines Rabbiners! Sollen wir die Entstehungsgeschichte eines deutschen Resormrabbiners einmal nach dem Leben skizziren? Freilich gerüth die Spezies der Resormrabbiner im eigentlichen Deutschland mir selten. Im Allgemeinen sind cs meist Ausländer oder als solche betrachtete Landteilte, welche sich dem Rabbinerfache widmen. Sie akkomodircn sich freilich sehr bald den religiösen Verhältnisscn der jüdischen Gemeinden Deutschlands, trotzdem sie religiöser erzogen und mit bessern rabbinischen Vorkenntnisscn als die deutschen Seminaristen ansgerüstet sind. Also ein jüdischer junger Mann in Deutschland hat das Alter, in welchem er sich für seinenzukünftigen Berus zu entscheiden hat, erreicht. Es wird über diesen Familienrath gehalten. In Anbetracht der übergroßen Konkurrenz in allen Geschäftszweigen gelangt man zu dem Entschluß, den jungen Mann Rabbiner werden zk

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