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Jeschurun · 1883-12-20 · Heft 51 (20.12.1883) · p. 882

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 51 (20.12.1883)
Article
Der Beruf
Date
1883-12-20
Page
882 (sequence 2)
Language
German
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882 Angesichtes daS kärgliche Brod zu verdienen, seinen schweren Packen keuchend herumschleppt, von Haus zu HauS, von Dors zu Tors. Und nun gar der jüdische Hausirer, der von Sonntag bis?;׳.׳eitag bei dieser schweren Arbeit sich auf eine Gefangeukost rcduzirt sieht, bei der auch der ärmste nichtjüdische Arbeiter nicht glauben würde, bestehen zu können. Und so schwer dieses (Gewerbe ist und so hohe Anforderungen es gerade an die körperliche Leistungsfähigkeit im Vergleich zu den meisten Handwerken und ländlichen Beschäftigungen stellt, ebenso nützlich ist es für die Gesammtheit. Der Hausirer bringt dem Bauer tausend Diitge, deren er bedarf, in'S Haus; er erspart ihm die Zeit, die er sonst brauchte, um in die Stadt zu gehen. Er liefert sie ihm billiger als der Kaufmann; sonst würde ja nicht von dieser Seite Alles aufgeboten werden, um die Klinke der (Gesetzgebung zur möglichsten Beschränkung des HansirerS in Bewegung zu setzen, der Hausirer erspart dem Bauer Geld. Und endlich drittens bringt er geradezu dem Sandmann Geld, indem er ihm eine ganze Anzahl von Dingen abkaust, die als Abfall vercinzelt nicht den geringsten Werth haben, und die der Bauer nur durch Vermittelung des sie sammelnden Hausirers zu verwerlhcn vermag. Daß aber der Jude and) die schwerste körpcrliche Anstrengung tticht scheut, um sich und die Seinen redlich;u ernähren, das wurzelt in den uralten Traditionen unseres Volkes. In Knechtesgestalt erblickt eS seinen Vater Jakob iinb seine (Ehrfurcht vor dem dienenden Vater, den ״bei Tag der Sonne Gluth und bei Nacht der Kälte Frost verzehren," wird wahrlich nicht gesteigert, da es seinen Vater als reich begüterten Herrn von ,.zwei Vagcrn" erblickt. Während bei den Kultur- Völkern dcS Alterthums die körperliche Arbeit als des freien Mannes imwürdig galt, die nur den Sklaven überlassen wurde — nur in Parenthese sei der fragende Hinweis gestattet, ob unsere Zeit in dieser Beziehung schon ganz aus dem Altcrthum heraus sei, ob eS bei uns gar keine Gesellschaftsklassen giebt, die in dieser Be- Ziehung noch tim ein paar Jahrtausende hinter den Inden zurück sind — galt in der jüdischen Anschauung die Arbeit nie als ein Fluch, stets als Segen, nie als Herabwürdigung, stets als ״Ehre." DaS hat in den herrlichsten Aussprüchen unserer Weisen seinen Ausdruck gesunden und hat sich in Geist und Her; unseres Volkes hinausgelebt. Denn nur in einem Volke, das den Segen der Arbeit ganz und voll zit würdigen weiß, sind Aussprüche möglich, wie das Wort des Midrasch zu der Stelle der jüngsten Sidra: ואת יגיע כפי ראה אלקים ויוכה אמש ר׳ ירמי׳ אמר הניבה היא מלאבד. מזנות אבות שזכות אבות הצילה ממון ומלאכה הצילה נפשות זבות אבות הצילה ממון שגי לולי אלקי אבי וגוי כי עתה ריקם שלחתני ומלאכה הצילה נפשות שגי את עניי ואת יניע כפי ראה אלקים ויוכה אמש מ״ר ע״ד. Jakob sprach zu dcnt ihn verfolgenden Laban: Wären nicht der Gott meines Vaters Abraham und die selbst dem TodeSgrauen gegenüber bewährte Hingebung IizchakS sür mich gewesen, dt! hättest jetzt leer mich sortgeschickt! Mein Elend und meiner Hände Mühe hat Gott gesehen und dies in verwichencr Nacht erwiesen. Siehst du, beuterkt hierzu das Wort N. Jirmijah'S, weiterreichend ist das Verdienst eigener redlicher Arbeit selbst als das Verdienst der Ahnen. Denn dieses reichte nur hin, um das Vermögen zu retten, auf jenes aber schaute Gott hin, da er Laban zurückhiclt, Jakob und die Seinen irgendwie anzutastcn; dieses rettete die Habe, jenes aber rettete das Leben. In demselben Sinne lautet ein anderes Wort Berachot 8, an den PsalmverS 126,1 יגיע כפיך בי תאכל אשריך וטוב לך anknüpfend, lautet ein anderes Wort אמר ר׳חייא בר אמי משמיה דעולא גדול הגהנה מיגיעו יותר מירא שמים דאילו גבי ירא שמים כתיב אשרי כל ירא ד' ואילו גבי נהנה מיגיעו כתיב יגיע כפך (Ialkut) .כי תאבל אשריך וטוב לך וכוי — R. Chia Sohn Ami'S sprach eS anS im Namen UllaS: Höher ist das Glück dessen, der die Früchte seiner Arbeit genießt, selbst als das des Gottesfürchtige». Sicher heißt es von diesem: Jeder Gottesfürchtige ist im Heilesfortschritt begriffen, auch wenn ihm der äußere Erfolg mangelt, oder wenn ihm die Mittel seiner äußeren Existenz mühelos, ohne seine Arbeit, zugefallen wären. Allein, wenn eS bei» LooS ist, auf dem Wege der Gottesfurcht zugleich deiner Arbeit Früchte zn genießen, daß was du besitzest und genießest von dir selbst in redlichem Fleißc und mühsam erarbeitet ist, dann ist daS höchste Glück dein, dann nicht bloß אשריך, sondern and) וטוב לך, jenes höchste Glück, daS dem Gottesfürchtige» erst im Jenseits winkt, ist bereits im hieniedigen Leben dein. So erziehen wir denn unsere Kinder in diesem altjüdischen Sinne, daß sie empfänglich tverden für den Segen der Arbeit, und sich sehnen nach diesem Segen. Erziehen wir sic in dem Sinne, der sie frei macht von Besitzvergötternng und sie nicht voll Geringschätzung und Scheu sich abwcnden läßt von einem einfachen, auf Arbeit sich stützenden Leben. So werden sie von selbst frei bleiben von jenem Wahne, der den Erwerb für den ״Beruf" des Menschen hält, ihr Blick, mit dem sie in die Welt schauen, wird hell, ihr Urtheil klar und von äußerem Scheine unbeirrt bleiben, und sic werden als ihren einzigen und höchsten Beruf in jeder Lebensarbeit und jeder Lebens- und Geschäftslage eS begreifen: M e u s ch e n, j ü d i s ch e Nienschen zu sein.

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