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Jeschurun · 1883-12-13 · Heft 50 (13.12.1883) · p. 872

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 50 (13.12.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-12-13
Page
872 (sequence 3)
Language
German
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Haus und Hof und Heimathland verlassen auf Nimmer- Wiedersehen. Es war ein großes, schweres Opfer — beim die Otuude der Freiheit hatte noch nicht geschlagen, die Gewissen lagen noch in Banden. Wohl war es den Bckcnnern einer jeden Konfession gestattet, zu der Staatskirche überzutretcn, doch zu einer andern — nimmer. Und abermals wandelte er ans und nieder, das sinnende Haupt auf die Brust geneigt. Das Heimathland, das von den Ettern ererbte Besitzthnm, wohl lag es ihm am Herzen. Hier hatte er das Licht der Welt erblickt, hier hatte er die frohen Tage seiner Kindheit, die Jahre heranreisender Engend verlebt und hier jene unsäglich glücklichen Tage, in denen das holde Mädchen an seinem Heerde geweilt. — Marie! — Marie! — Was galt ihm Hab nnd Gut, wenn sie cs nicht theiltc? — was das schönste Besitzthum ohne sie? — Entschlossen richtete er sich auf, jener Ausdruck unglückseliger Verzagtheit war ans seinem Angesichte gewichen; hoffnungsvolle Freudigkeit leuchtete aus seinen Augen. Er trat zum Ofen, schob einige mächtige Scheite trockenen Holzes in die matte Gluth, in dem er ein Liedchen vor sich hinsummtc; dann öffnete er die Thür und rief hinaus, man ntöchte ihm sein Nachtmahl bringen. Die Kati, die schon bei Lebzeiten seiner Mutter die Küche versehen, brachte sofort das Verlangte nnd freute sich aufrichtig, den jungen Mann heiter zu sehen, zum ersten Male seit dein Hinschcidcu seiner Mutter. Vorhin, bevor sie sich draußen zu Tische gesetzt, hatte sie dem Bauern seine Schüssel bringen wollen; doch er hatte ihr unwirsch die Thüre gewiesen. Das gutmüthige Mädchen hatte geweint, nun aber konnte sie wieder lachen. ״So ist's recht, Bauer, an'm Christabend darf keiner ni unwirsch sein. ״Meinst Kater!?" entgegncte er lächelnd, ״aber mit dem Lustigscin gcht'ö halt ni alleweil — bist aber 'n braves Maderl, und leid ist mir's, daß ich vorhin mit Dir geschrieen." * , * * Der zarte Sprößling im Kohn'schen Hause entfaltete sich von Tag zu Tag mehr und mehr zur Freude seiner glücklichen Eltern und seiner jugendlich schönen Pflegerin, denn BÜrjam war cs, der seine Wartung und Pflege ansschließlich oblag. Sic hatte sich dieses als besondere Gunst von ihrer Freundin erdete!?, und Rahcl hatte cs ihr zugesagt, obgleich sie gar häufig sich weit lieber persönlich mit ihrem Kinde befaßt hätte. Aber sie hoffte und vielleicht mit Recht, die Beschäftigung mit dem schönen lebhaften Kinde würde der Freundin rascher die Grillen vertreiben als die Näherei, die nur allzu viel Muße zum Grübeln lasse. Mirjam's Aussehen hatte sich in Wirklichkeit geändert, die durchsichtige Blässe ihrer Wangen, die während der Sommermonate ihre Freundin zuweilen ernstlich beunruhigt, war allmählich gewichen, ein rosiger Schimmer verschönte noch ihr liebliches Angesicht, und der Gesammtausdrnck ihrer Züge verrieth jene Ruhe, jenen inneren Frieden, den nur das Bewußtsein streng erfüllter Pflicht verleiht. Dennoch hatte sic auch die während der Hcrbstfciertage erneuerte Werbung Frank's nicht angenommen, aber Rahel hatte ihn abermals mir zcitweilig zurückgewicsen, nicht definitiv, denn sic hoffte mit Zuversicht, in nicht allzu ferner Zeit werde Mirjam sich nicht mehr weigern. Und Frank, so ungeduldig er den Besitz des heißgeliebten Mädchens ersehnte, so schien er doch insofern befriedigt, als sie sein Hoffen nicht znrückgewiesen. So lange als möglich war er allsabbathlich als Gast im Hanse seines Onkels, doch seit die Frcitagnachmittage allzu kurz waren, konnte er sich nicht mehr regelmäßig einstellcn; doch ließ er selten zwei Wochen hintereinander verstreichen, ohne nicht mindestens einmal seine Verwandten besucht zu haben. Mirjam begegnete ihm stets mit jener stillen freundlichen Achtung, die sie ihm als Neffen des Hausherrn und als Demjenigen, der ihr die höchste Achtung erwiesen, schuldig zu sein glaubte. Und voll inniger Herzensfreude gewahrte auch er die wiederkehreudcn Rosen auf ihren Wangen, und seine Hoffnung stieg. Es war in den Vormittagsstunden; Mirjam tändelte mit dem Kinde, mit dessen Toilette sic beschäftigt war, als die Thür mit ungewöhnlicher Hast geöffnet ward, und Kohn in's Zimmer trat. Gegen seine Gewöhnheit, ohne sich nach dem Kleinen nmznschanen, ließ er den Blick suchend nmherschweifen, ging dann zur Thür des anstoßenden Zimmers, sah hinein nnd schüttelte nnmnthig den Kopf. ,,Da auch nicht! — wissen Sie nicht, wo meine Frau ist, Mirjam?" ״Ja wohl, Herr Kohn, Frau Lewin war gestern nicht ganz wohl, deshalb ist Nahe! vorhin zu ihr gegangen." Kohn rieb sich die Stirn. ״Fatal!" murmelte er, ״fatal!" ״Kann ich Ihnen etwas besorgen, Herr Kohn? ich könnte den Kleinen in die Wiege legen." ״Oßer!licht!" rief er heftig, ״Sie bleiben da bei'm Kind!" Dann, als schäme er sich seiner Heftigfeit, murmelte er einige Worte, die wie eine Entschnldigung klangen, und verließ hastig das Zimmer. (Fortsetzung folgt.)

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