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Jeschurun · 1883-12-13 · Heft 50 (13.12.1883) · p. 871

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 50 (13.12.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-12-13
Page
871 (sequence 2)
Language
German
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871 denn sümmtliche Hausgenossen befanden sich beim Festesmahl, da schlich er wieder hinaus in den Stall — Licht hatte er keines, er mußte im Finstern tappen. Vorsichtig öffnete er die Thür, sie knarrte in den Angeln — mit angchaltencm Athcm blieb er stehen, ob keiner ihn gewahre — doch der Wind heulte laut, er hatte das Knarren der Thür wohl übertönt. Vorsichtig tastete er nun hin zu der Ecke, wo er vorhin seine Kerzen ausgestellt. — Das Gerüst fand er, aber die Kerzen waren fort, die Prochaska hatte sic in ihrem Zorn weit jortgcschlcndert. — Doch cs waren auch nicht die Kerzen, die er suchte, cs war bereits der letzte Chanukahabcnd, und heute glaubte er cs nicht mehr wagen zu dürfen, sie anzuzündeu — und dennoch suchte er und suchte, und bange Seufzer entrangen sich seiner Brust, denn schon fürchtete er, es im Finstern nicht wieder zu erlangen. — Doch plötzlich jauchzte er laut auf, er hatte es gefunden — und mit Inbrunst drückte er cs an seine Brust und küßte es nochmals und abermals. Es war das Gebetbuch seiner verstorbenen Mutter. Die alte Leah hatte es beim Tode ihrer Herrin für ihn an sich genommen und bei ihrer ׳Abreise hatte sie es ihm übergeben. Er bedeckte das thenre Buch mit seinen Küssen und schloß es fest au seine Brust, mib vergessen waren die erlittenen Mißhandlungen; frohen Herzens, wenn auch mit leerem, hungerndem Biagen, schlich er hinauf und suchte sein Lager auf und barg das kostbare Buch tief unter dem Stroh in seinem Bette. Zttr selben Stunde saß in W... brunn im Seidler- Hof ein bleicher, einsamer Mann. Draußen in den Gesinderäumen saßen Knechte und Mägde beim frohen Mahle, und auch der Krug ging fleißig herum. — Doch der Bauer konnte sich nicht überwinden, Theil zu nehmen an dem frohen Treiben — selbst heute nicht. — Einsam saß er in dem matt erhellten Zimmer, beide Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, stützte er das Haupt in den Händen. — Bange, schwere Seufzer entrangen sich seiner Brust. — Er, dcr Besitzer des schönsten Bauernhofes im Dorfe — und fühlte sich so arm, so bettelarm. 31)111 gegenüber stand dcr Lehnsessel, in dem seine Mutter sonst geruht — und er war leer. — Neben dem Lehnsessel stand ein anderer Sessel — und er war gleichfalls leer. — Leer — leer — 0, diese entsetzliche Leere um ihn und in ihm. Vergebens hatte seine ehemalige Braut ihre verlockendsten Künste an ihn verschwendet, vergebens hatte manche andere Schöne den reichen Bauern zu angeln versucht — wie ein chrner Panzer lag es um seine Brust. — Auch die jungen Burschen des Dorfes hatten sich umsonst bemüht, ihn wieder in ihren Kreis zu ziehen, er hatte den Sinn für ihr Treiben verloren. — Selbst die laute Fröhlichkeit der eigenen Leute am heutigen Feste verletzte ihn; gern hätte er ihnen gewehrt. — Doch er überwand sich, das Hütte die Mutter nimmer gut geheißen, und erst die Marie — er ächzte laut: ״Marie! Marie!" Und sollte es denn durchaus unmöglich sein, sie zu erringen? — er wollte ja gern Alles thun, kein Opfer sollte ihm zu groß sein. Keines? — Er athmete tief auf und fuhr sich mit den Fingern durch die blonden Haare, die ihm nachlässig in die Stirne sielen — es war nicht das erste Mal, daß er darüber saun. — Wohl war cs ein großes, ein schweres Opfer, zu dem er vor allem sich entschließen mußte, das konnte er sich nicht verhehlen — doch mehr und mehr reifte sein Entschluß, denn so, so konnte cs nicht weiter gehen, darüber war er sich klar. Er war ansgestanden und langsamen Schrittes wandelte er im Zimmer umher, bald blieb er bei dem einen Fenster stehen, bald bei dem andern und blickte hinaus in die kalte stürmische Winternacht. — Es war nicht Mondschein aber eine weiße Schneedecke umhüllte alles rings umher, und hoch oben am Firmament funkelten und flimmerten zahllose Sterne, und deutlich unterschied man jeden Gegenstand, so weit das Auge reichte. Dcr Bauer öffnete das Fenster und lehnte hinaus und mit seltsam prüfendem Blicke betrachtete er den eigenen Hof; das schmucke Wohnhaus und die säubern Wirthschaftsgebäude, und dann schweifte sein Auge seitwärls auf die weithin sich erstreckenden Felder. Abermals strich er sich das Haar aus der Stirn, der Kopf war ihm heiß, trotz der grimmigen Kälte, die draußen herrschte. Er schloß das Fenster, und von Neuem begann seine Wanderung durch das weite, öde Zimmer, — und wiederum stand er oft stille, bald hier bei der Thür, bald dort beim Pfeiler und dann bei dem großen monstregleichen .Kachelofen, in dem das Feuer nahezu erloschen, während er ehedem in den Wintermonaten stets Gluth ansgestrahlt, — und alles betrachtete er prüfend — seltsam prüfend. Seine Eltern hatten den Hof angelegt, nach ihrer Angabe waren die Gebäude angelegt, mit eigenen Händen hatten sic den Obstgarten gepflanzt, in dem die schönsten?Früchte ringsum reiften, — und alle die schönen großen fruchtbaren Felder, er hatte sie von seinem Vater ererbt. Und wenn er nun dem Drange seines heißbegehrenden Herzens folgen wollte, dann mußte er vor allem veräußern, was er besaß, dann durste er kein Fleckchen Erde mehr sein, eigen nennen, dann mußte er

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