Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1883)
- Article
- Am Vorabend der Trauung
- Date
- 1883-12-13
- Page
- 869 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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869 Munde so geläufigen Ansspruchs: ״das Gedächtnis des Gerechten bleibt zum Segen," daß die \?ct)rc der Wahrheit, der Rath der Weisheit noch den spätesten Nach׳ kommen Heil unb Segen bringt, wenn die Asche des Gerechten längst vom Grabhügel umschlossen ist. Voll innigen Mitgefühls ruhte der milde Blick des hochbetagten Grestes auf dem jungen Mädchen, welches ihm die Qual ihrer Seele auvcrtrante. Q, ein solcher Blick thnt wohl, er tröstet mehr als die wortreichste Rede. Aber nicht Trost allein, Belehrung hatte ich gesucht — und sie sollte mir werden. Dn weißt, meine Tochter, Hub der ehrwürdige Nabbi an, daß höher als der Menschen Befehl das Gebot der Religion gilt, und wäre es der Wille der theuerstcn, gcliebtestcn und verehrtesten Menschen, der Eltern, denen Gott für die Kinder eine seiner ähnlichen Autorität verliehen hat. welcher sich im Widerspruche mit dm Vorschriften des Gesetzes befindet, so bliebe er doch der Ausspruch eines schwachen, irrenden Staubgeborenen, der vor den! göttlichen Willen zurückzustehen hätte. Eltern und Kinder haben dem Gebote Gottes zu gehorchen — wie könnte da ein Zweifel sein, daß der göttlichen Vorschrift der Vorrang gebührte? Das weißt du, und das hast du ja bethätigt. DaS jüdische Gesetz und die heilige jüdische Sitte legen der jüdischen Frau die Verpflichtung auf, daS Haar zu bedecken, und cs ist eine Verletzung der von dem Weibe geforderten züchtigen Keuschheit, wenn dieser Pflicht zuwider gehandelt wird. Der unter dem schrecklichen Verdachte der Untreue stehenden Gattin ward im Augenblicke der Prüfung das Haupt entblößt, weil sie durch ihr Verhalten dieses Zeichens und Schmuckes der Zucht und Ehrbarkeit bis zur Eulkrästigung jenes Verdachtes verlustig erschien. Denn die Frau ist die Wachterin der Sitte, die Priestcrin des Hauses, und wie der Mann durch das Gebot der Zizith und der Tefillin stets an seinen männlichen Berus erinnert werden soll, so die Frau durch dieses ihr erthciltc Gebot an den ihrigen. Die Pfosten der häuslichen Räume, die sic zu einem Hciligthume der Gottesfurcht und Sittlichkeit zu gestalten hat, tragen den Schmuck des Gottesnamens, scheuchend jede nnhciligc That, welche unter ihrem Dache geübt, wehrend jeden unlauteren Gedanken, welche innerhalb ihrer Mauern gehegt werden möchte — und ebenso soll die züchtige Verhüllung des .Haarschmucks des Hauses Priestcrin mahnen, eingedenk zu bleiben ihrer erhabenen Stellung, die Gott ihr angewiesen, und des Haares Hülle ist ihre höchste Zier nnd adelnde Auszeichnung. Die jüdischen Frauen haben dicscMahnnng verstanden und beherzigt; sie haben das jüdische Haus in Wahrheit zu einem Tempel der Sitte und Tugend erhoben; sie waren die Pflegerinnen und Wächterinnen eines Familienlebens, vor dessen Reinheit und Innigkeit auch die ingrimmigsten Feinde unseres Stammee bewundernd das Haupt neigten. Schau dich um, mein- Tochter, iin Kreise derer, die sich ״aufgeklärt" wähnen und der heiligen Satzung und Sitte entrathcn zu können glauben, — herrscht da ein innigeres Gottvcrtrauen, weilt da eine reinere - Tugend, ist da ein herrlicheres Leben des Hauses und der Familie einge׳ zogen? Q, meine Tochter. Gott hat dir einen Mann cntgegengcsührt, der gleich dir von wahrhafter Frömmigkeit erfüllt ist, werde dn die- Priestcrin seines Hauses in dem Sinuc und der Weise, die unserer Mutter Sara schönstes Vermächtnis an Israels Töchter ist. —7- Der edle Greis vollbrachte an mir noch mehr, als ich zu erbitten wagte. Er begab sich zu meinen Eltern; was meinem Bräutigam nnd mir nicht gelang, seine Weisheit vermochte es. Von meinen Eltern geleitet, durch ihren Segen beglückt, trat ich in die Ehe — und ward die glückliche Gattin eures Vaters und Großvaters. Dcr AliMdiulc Prgf.Dr.Bchli UlWer hat die Tribüne des preußischen Abgeordnetenhauses für gcringwcrthig genug gehalten, um denjenigen antisemitischeu Standpunkt öffentlich zu vertreten, welchen in einer Berliner Versammlung zu bekennen, ihm seine Stellung als Professor an einer deutschen Universität des Anstands halber seinerzeit verbot. Also hat er selbst in der Sitzung vom 4. d. Mts. erklärt. Mögen die Kollegen des Abgeordneten Wagner sich für das Kompliment bedanken. Wir glauben indessen, daß der Professor der Berliner Hochschule von damals mit dem Abgeordneten fürQsthavclland nicht identisch ist. Damals war cs der Gelehrte im Bewußtsein seiner Würde und seines Werthcs, welcher den antisemitischen Standpunkt verleugnete, hellte ist es aber Wagner, der Famulus des berühmten Agitators in Bierlokalen, welcher nach den Lorbcren seines Meisters ringt nnd ihn zu kopieren sucht, der Schüler des tapferen Helden, der kürzlich in einem fremd eil Lande muthig nnd bescheiden sich vcrkleinerte und seine Würde als Haupt der antisemitischen Bewegung seines Vaterlandes ebenfalls verleugnetc. Wahrlich, eS erfüllt uns mit schmerzlichem Bedauern, daß der vornehme Gelehrte und Meister der Wissenschaft sich so tief herabgelassen hat, um als Jünger des Herrn Stöcker in der illüstercn Vertretung des prcußischeu Landes zu glänzen. Doch wir thun ihm Unrecht, der FamutuS und Jünger hat sich am 4. Dezember als seines Vorbildes ebenbürtiger Genosse erwiesen und darf auf die lobende Anerkennung des Herrn Hof- Predigers sicherlich rechnen, welcher fortan auch ihn össeiltlich seinen Freund nennen wird, wie der Herr Professor und Abgeordnete sich seines FrelmdcS Stöcker