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Jeschurun · 1883-12-13 · Heft 50 (13.12.1883) · p. 868

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 50 (13.12.1883)
Article
Am Vorabend der Trauung
Date
1883-12-13
Page
868 (sequence 2)
Language
German
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868 dulden." Trotzdem war ich mancher, gewiß nicht gerade;!! beabsichtigten, Kränkung aufgesetzt, sowohl von Seiten meiner Geschwister, wie auch hin und wieder von Seiten meiner Eltern. Ein Wort des Spottes, ein mitleidiges Lächeln u. dergl. ward nicht immer unterdrückt. In dem Dause einer befreundeten Familie bcgegnctc ich häusig einem jungen Manne, dessen besondere Aufmerksamkeit ich bald erregt haben mußte. Er suchte meine Unterhaltung, und wir fanden so manche Be׳ rnhrungspunNe in unseren Ansichten, daß ich!nich;u ihm außerordentlich hingezogcn fühlte. Eines Tages kam er zu meinem Pater und hielt um meine Hand au. ״Sic würden mir in jeder Weise ein sehr willkommcncr Schwiegersohn sein," cntgegncte der.Pater, ״wenn sie nicht so entsetzlich fromm wären. Meine Tochter huldigt leider denselben Grundsätzen. Sic würde uns gänzlich entfremdet werden, wenn sie die Gattin eines ebenso gefilmten Mannes werden sollte. Unsere einzige Hoffnung, daß sic "von ihren absoudcrlichen Schrullen endlich einmal lassen werde, gründete sich auf ihre Lcrheirathnng, da wir meinten, daß der Mann ihr den Kopf leichter zurechtsctzen könnte, als wir Eltern es vermochten. Dieser Hoffnung dürfen wir uns nicht berauben." Simon's dringenden Bitten und Vorstellungen gelang es endlich, von den Eltern die Zusage zu erhalten, falls ich eine Neigung zu ihm gefaßt haben sollte, derselben auch dieses Opfer ihrer Nachgiebigkeit und Liebe zu bringen. Mit innigem Danke gegen Gott vernahm ich diese Werbung, welche die Ersüllnug des lange innig gehegten Wunsches!!!eines Herzens brachte. So ward ich Simon's Braut. Die Meinigen hatten an ihm nichts anderes zu tadeln, als daß er mit seiner religiösen Gesinnung und den daraus entspringenden Handlungen ihnen so ganz unähnlich war, und trotz der gegenseitigen Achtung und Zuneigung führte dieser Gegensatz häusig zu recht unerguicklichen Erörterungen. Ich litt unter denselben — doch zu welchem Zweck alle die einzelnen peinlichen Momente noch einmal in der Erinnerung durchleben'? Diese Aufzeichnungen sollen ja nicht eine Sclbstbcschrcibung meines Lebens geben — sic möchten nur dasjenige seslhaltcn und meinen Kindern und Enkeln vor die Seele führen, was vielleicht aus der Selbstcrfahrnng ihrer Mutter und Großmutter zum ׳Nutzen für sie dereinst sein könnte. Simon hatte mir gesagt, daß cö zu den religiösen Pflichten einer jüdischen Frau gehöre, das Haar zu verhüllen. Ich war natürlich enlschiossen, dieser Vorschrift zu genügen. Als aber meine Eltern von diesem Borsatze hörten, waren sie außer sich. ״Man kann Alles übertreiben, auch die Frömmigkeit," meinten siez ״wir haben in Allem nachgcgebcn, aber zum Gespötte wollen wir uns und unsere Tochter nicht machen." Es kam zn heftigen Auseinandersetzungen zwischen meinen Ellern und meinem Bräutigam. Ich bat unter Thränen meine Ettern, sic möchten uns gewähren lassen; aber vergebens. Sie blieben bei ihrer Erklärung, sie würden bei unserer Trauung nicht zugegen sein,!venu ich nicht mit unbedecktem Haar erscheinen wollte, sie würden das Haus ihres Schwiegersohns niemals betreten, in!velchcm ihre Tochter in lächerlicher, mittelalterlicher Entstellung walte. Das Pcrtavgen meines Bräutigams gründe sich nicht einmal auf eine gesetzliche Vorschrift, da ganz religiöse Damen unseres Bekanntenkreises diese angebliche Pflicht nicht übten; cs sei lediglich ein Eigensinn u. s. w. n. s. w. Gott allein weiß, was ich in diesen Tagen erlitten habe; er allein hat meine Zähren gesehen, meine Seufzer vernommen. Sollte der bcglückendste Moment ineines Daseins zugleich der gnaloollstc sein'? Sollte ich unter dem Zürnen!neiner geliebten Eltern von der Stätte meiner Kindheit scheiden, um in mein nettes Heim cinznziehen'? Sollte ich Verzicht leisten ans der Eltern Segen für den bedeutungsvollsten Schritt meines Lebens? — — — Aber wenn cs wahr sein sollte, was meine Eltern behaupteten, wenn cs sich hier nicht um die Beobachtung einer religiösen Pflicht handelte, wenn es nur gälte, einer Laune, einem Irrthum meines Bräntigams zn genügen — durfte ich da meinen Ellern die schwere Kränkung bereiten, den Eltern, denen ich Gehörsam, Ehrfurcht und Liebe schuldete?? Ich war ein unwissendes Mädchen, wenig bewandert in den Büchern der Religion; ich mußte mich aus Simon's Versiehernng verlassen — aber wenn er irren sollte? Ich mußte mir Gewißheit verschaffen; ich mußte die Entscheidnng in diesen! Kampfe widerstreitender Pflichten und Empji'.'.dnngcn in die Hand eines Kundigen, eines Weisen legen. Und wie vor mehreren Jahren, lenkte ich. wiederum meine Schritte zu der Wohnung des ehrwürdigen ManncS, welcher des obersten Lehramts in unserer Ge-!nemde waltete. Von ihm erwartete ich Belehrung und Rath. Die Worte, welche der wahrhaft weise Mann an!nich in jener trüben Stunde gerichtet, sic sind mir unvergeßlich, sic haben sich mir tief cingepragt, daß ich sie fast in derselben Fassung noch heute nach langen Jahren aufznzcichnen vermag. Der Mund ist längst verstummt, der sie geredet diese Worte, welche wie Lichtstrahlen meinen Geist erhellten und gleich Balsam meinem kranken, aufgeregten Gemüthe Linderung und Heilung zusührten. Und so will ich sic meinen theuren Kindern und Enkeln als einen heiligen Schatz überliefern. Das ist ja die Bedeutung des im jüdischen

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