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Jeschurun · 1883-12-13 · Heft 50 (13.12.1883) · p. 867

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 50 (13.12.1883)
Article
Der Beruf
Date
1883-12-13
Page
867 (sequence 3)
Language
German
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367 sie Alle leisten, ein Jeder in seiner Weise, ihren Beitrag zur Förderung der Gesammtwohlfahrt und arbeiten im Dienste der Knltnrzweckc der Menschheit. Da ist ein jeder Berns gleich ehrenvoll, wenn er aus Pflichtgefühl ergriffen und seinen Anforderungen mit Pflichttreue nndEinsctznng der besten Kraft entsprochen wird. Wir wissen sehr wohl, wie ideal diese Anschauung einer in rastloser Jagd nach Besitz und Genuß sich verzehrenden Zeit erscheinen muß, gleichwohl ist eS diejenige Anschauung, der die Zukunft gehört, und zu der die gewaltigen sozialen Krisen, die vor dein tiefer schauenden Blicke seit lange in Vorbereitung begriffen sind, die Menschheit erziehen. Es ist die uralte jüdische Anschauung, גדולה מלאכה שמנבדת את בעליה. Groß ist die Arbeit, sie ehrt ihren Herrn — es ist der Mund jüdischer Weisen, dem dieser tiefe, die Arbeit adelnde Ausspruch entstammt. Darum hat cs auch keinen Kreis ans Erden gegeben, in welchem der Mensch so wenig nach demjenigen rangirt wurde, was die Menschen Beruf nennen, wie eben im jüdischen Kreise. Und nicht in׳, geringsten Thcilc verdankt die jüdische Nation ihre geistige Elastizität, ihre Zähigkeit, auch die schwersten Stürme des Geschickes zu durchdaurrn und unter furchtbarsten Go-׳ schickeswechscln sich selbst treu zu bleiben, eben dieser Freiheit von der Ueberschätzung der Bedeutung des Bernfes. Im Lichte der jüdischen Wahrheit gab es und giebt es nur einen wirklichen Beruf und in diesem sind wir alle gleich, das ist der Beruf, Mensch und Jude zu sein. In diesem seinem höchsten Berccfc und für die Ziele dieses seines höchsten Berufes vollbrachte und vollbringt ein Jeder, vom Höchstgestelllen bis znrn dienenden Handwerker, die Arbeit seiner besonderen Lebensthätigkeit und fühlte sich ein Jeder, auch in der bcscheidensteu äußeren Lebensstellung, dein äußerlich Höchstgestellten vollkommen ebenbürtig und gleich. Denn ein Jeder blieb nach dem prächtigen Ausdrucke ״Herr" seiner Lebensarbeit; er widmete ihr seine ganze Kraft und seine volle Hingebung, aber er ging nicht in sic auf; er blieb ״Herr" und ward nicht Sklave seines Berufes; was nur Mitte! sein sollte, ward ihm nie zum Selbstzweck. Es erschien uns nicht überflüssig, gerade in unserer Gegenwart auf den hohen Werth hinzuwciscn. der im Jndcnthnm der Arbeit beigclcgt wird. Freilich begreift es unter Arbeit nicht blos körperliche Anstrengung. Es gehört eben die ganze Verblendung fanatischen Nassen- Hasses dazu, um zum Zwecke der Entfesselung niedrigster Leidenschaften die Massen gegen die Juden als gegen ״Besitzer mühelos erworbener Reichthümcr" anfznhctzen. Als ob nur Handarbeit Arbeit, und als ob nur körpcrliche Anstrengung das Unterscheidungsmerkmal prodnktiver Thätigkeit wäre! Nur im Vorbeigehen sei auf den pikanten Umstand hingewiesen, wie gerade Diejenigen, die gegen die Inden diesen Vorwurf erheben, am allerwenigsten der Handarbeit ihren Besitz und ihre Stellung verdanken, vielmehr zum großen Theil der ebenso anstrengenden, wie produktiven und für die Gesammtheit so überaus nützlichen Thätigkeit des — Einstreichcns des Pachtzinses sich widmen. ׳,Schluß folgt.) Ai» Uoralsui) der Tmililg. Aus den Aufzeichnungen ihrerMuttcr mitgclheilt von Snlamith. *) .So nahte oenn der Tag heran, der mich mit dem Manne verbinden sollte, welchem mein Herz in inniger treuer Liebe entgcgenschlng, die Stunde, in welcher er, der mich erwählt, mich heimführcn werde als sein glückliches Weib. Mein Brautstand zählte nicht zu dm immer heiteren Tagen, welche kein Wölkchen verdunkelt, und auch noch jetzt, am Tage vor meinem Hochzeitsfcste, lagerte eine drückende Gewitterschwüle ans demselben. Wie die letzten Jahre, seit meiner Hciinkehr von den Großeltern zum Elternhause, lvegcn des Gegensatzes, in welchem ich mich mit meiner heiligsten Ueberzeugung zu den geliebten Eltern und Geschwistern befand, nicht ohne Kamps und Schmerz an mir vorüberzogen, also ist mir dieser bittere Kelch nicht erspart geblieben, als ich den Bund schloß, dessen Besiegelung und Weihe ich entgcgciiharrte. Die Eltern und Geschwister, welche mich ebenso herzlich liebten, wie ich ihnen in zärtlichster Zuneigung anhing, hatten mich im Allgemeinen gewähren lassen, sobald sie sich überzeugt hielten, daß die im großelterliehen Hause gewonnene religiöse Anschauung nicht eine vorübergehende Mädcherilanne sei, sondern ans wahrhaft ernster Ueberzeugung entspringe. ״Wenn dir denn in der That die romantische, veraltete Strenggtänbigleit so wcrth und theuer ist, daß es dir Gewisscnsbcklemmungen verursachen würde, die altvaterischen Satzungen zu verletzen, so )vollen wir dir kein Hinderniß bereiten," hatte mein Vater gesprochen; ״ich denke, du wirst noch vernünftig werden; wir!vollen dir aber nicht wehe thnn und," fügte er lächelnd hinzu, ״nicht durch ein dir anfgczwnngcnes Märtyrerthmn dich in deinen! Widerspruch gegen die heutige Zeit bestärken. Du kannst den Sabbalh halten wie du willst, du kannst für dich alles so einrichten, wie cs dir gefällt, jedoch unter der Bedingung, daß du uns nach unserer Fae;on selig werden lassest, rvie wir dich nach der deinigen. Bekehrungsversuche und Moralpredigten werde ich nicht *) Siehe Nr. 40,

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