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Jeschurun · 1883-12-06 · Heft 49 (6.12.1883) · p. 855

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 49 (6.12.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-12-06
Page
855 (sequence 2)
Language
German
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Entschluß für die Zukunft zu fassen — er könne in einigen Monaten wieder einmal anfragcn." Mirjam zuckte die Achseln. ״Ich weiß nicht, ob eS recht wäre, ihm eine Aussicht zu eröffnen, die zu verwirklichen mir augenblicklich unmöglich erscheint." ״Unmöglich?" wiederholte Nahel lächelnd, ״wer wird von derartigen Unmöglichkeiten sprechen, die Zeit ist ein gar mächtiger Tröster — aber ein starker, fester Wille ist noch mächtiger." ¥ * Der Winter Ivar gekommen, Uefer Schnee bedeckte die Fluren. In dem Branntweinhans in WvikcrSdorf herrschte reges Leben; nicht nur das weite Schankzimmer war Heller als sonst erleuchtet, auch in den oberen Wohnräumen strahlten Lampen und Kerzen in Hellem Glanz, die Familie feierte daö Wcihnachtsfest. ES war zum ersten Male, daß Ehrinann diese Zeit festlich beging, im Vorjahre hatte ihm noch die Stimmung dazu gefehlt; doch dieses Mal galt es, der jungen Frau zu zeigen, daß auch in daö HanS deö getauften Juden ״das Christkind seine Gaben trägt." In dem behaglich durchwärmten Wohnzimmer sah es in Wirklichkeit festlich aus. Auf dem wcißgedeckten Tische prangten mcnmigsache Geschenke für die einzelnen Glieder der Familie. Auch der kleine David hatte reichlich seinen Antheil, rothwangigc Aepfel, vergoldete Nüsse und Marzipan und Spiclwaarcn mancherlei Art, denn die junge Frau suchte ihren Stolz darin, dem Kleinen die freundlichste Stiefmutter zu sein; sie hatte das anmnthige, sich ihr anschmiegende Kind in ihrer Art wirklich gern und versäumte nicht, seine Liebe zu ihr durch reichliches Naschwerk zu vermehren und es möglichst zu verzärteln. Dafür schlang der holde Schmeichler auch seine runden Arme um ihren Hals und nannte sie liebkosend sein schönes Mutterle, denn er wußte, dergleichen Schmeichelwortc. brachten ihm abernials süßen Lohn. Strahlend in! Glanze ihres jungen Glückes lehnte die junge Frau an Ehrmann'ü Seite und blickte Lächelnd zu ihm auf. ״Gelt, 's ist was Schönes um die Weihnachten? so was hast ehcrnals doch ni g'kannt?" Er erwiderte nichts, aber er neigte sich zu ihr und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. ״Wo ist denn Kobi?" wandte er sich an den Kleinen, ״he, David, weißt Du's nicht?" ״Weiß nicht," versetzte dieser kurz, indem er ein buntscheckiges hölzernes Gespann auf Nädern an einem Hanffaden bescstigt durch'S Zimmer gleiten ließ. ״Ach, geh' mir mit dem garstigen Buben," fiel die schöne Kati mit unmnthigem Stirnrnnzeln ein, ״weiß Gott, verdient hat er's nicht — aber weil heut' heiliger Abend ist — und der Bube soll nicht denken, weil ich die Stiefmutter bin — schau her, dort Hab' ich ihm seine Bcscheernng anfgebaut. Meinst, er hätt'S ungeschaut? keine Idee nicht, 'natlS ist er gerannt und hat die Thürcn geschlagen. — 'S ist ein Kreuz mit dem Buben." ״Lass ihn laufen", versetzte Ehrmann achsclzuckend, ״wegen seiner brauchst Deine schöne Stirn nicht zusammenzuziehen." ״Muß doch 'mal 'naus schauen, was der Garstige treibt," sagte Kati sich erhebend. ״Warum nicht gar, der braucht Dir den heiligen Abend nicht zu verkümmern, geh', bleib' da." ״Lass mich, ich bin gleich wieder da. Mir schwant j immer, der Bub' stellt noch mal was Arges an."! ״Ach, Unsinn, was sollt' er anstellen?" j Aber die Kati ließ sich nicht halten; sie hatte j vorhin auf dem Heuboden etwas rascheln gehört, das Benehmen des Knaben war ihr schon seit mehreren Abenden aufgcfallcn und ihre Neugierde war erregt. Nicht, daß sie in Wirklichkeit Arges von ihm besorgte, war er doch ein harmloser, gntmüthiger Knabe, aber! sein Auftreten ihr gegenüber war vom ersten Moment an ein feindliches gewesen. Sie ,war seinem Vater am Altäre angetrant und dennoch hatte er sie noch nie Mutter genannt, hatte noch nie freiwillig ein Wort an sie gerichtet. Wohl that er, was sie ihm anfzutragen pflegte, aber er that eS mit mürrisch unsrenndlichem Angesicht und auch sein wählerisches Benehmen beim Speisen war ihr in der Seele zuwider. Die leckersten Gerichte ließ er unberührt, Fleischspeisen hatte er seit Lcah'S Entfernung nie wieder genossen. Und ob all dieser Greuel beehrte ihn die Stiefmutter mit ihrem glühendsten Haffe, und wäre man nicht oben im Schlosse so vernarrt in den Schlimmen gewesen, er hätte die wuchtigen Fäuste der ProchaSka wohl häufig fühlen müssen. Nur die Rücksicht auf den Schloßhcrrn schützte ihn vor ihren Mißhandlungen — immer freilich nicht, menschliche Langmuth hat ihre Grenzen. ״Wo ist der Jakob?" wandte sie sich an einem ihrer Leute, der ihr auf der Stiege entgegenkam. ״Mir scheint im Schuppen," lautete die Antwort. ״Im Schuppen? was treibt er denn da?" Der Gefragte zuckte die Achseln. ״Möglich schnitzt er sich 'n Heiland in der strippen." Doch daö mußte die Kati besser. ״Der schnitzt sich sein Lebtag keinen Heiland — der Schlimme," und rasch lenkte sic ihre Schritte zu dem erwähnten; Stall. Sie stieß die Thür auf, ein Lichtschein strahlte ihr entgegen; dort in der Ecke, möglichst entfernt von der Thür, stand der ihr verhaßte Knabe vor einem hölzernen Gerüst, auf dem eine Reihe kleiner Wachskcrzen war; drei brannten bereits,und der Knabe bemühte

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