Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1883-12-06 · Heft 49 (6.12.1883) · p. 854

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 49 (6.12.1883)
Article
Kollektiv-Berichte aus Ungarn
Date
1883-12-06
Page
854 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2932996-2933045-2955075--14211-2955132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

854 Gar viele gtaubcnstrcue Juden stehen bestürzt diesem Rcichstagsbcschlnssc gegenüber und sind besorgt, cs könnte diese Institution das altehrwürdige jüdische Familicnhciligthum in seinen Grundfesten erschüttern. — In der Synagoge, der wir angehören, hat der Rabbiner am jüngstvergangenen Sabbathe als דבר בעתו diese Frage eingehend besprochen und im Hinweise ans jene Länder und Staaten, wo die Zivilehe schon längst cingeführt und gestattet ist, hat er die Schlußfolgerung gezogen, daß sowohl die Behauptung Istoczy's und Konsorten, daß die Mischehe eine Begünstigung für's Judenthum sei, als auch die Illusion anderer Judenfeinde, daß durch diese das Judenthum zersetzt und über kurz oder lang sich völlig auflösen werde, ganz und gar unbegründet sei. — Die Zivilehe wird die Interessen der jüdischen Religion wohl nicht fördern, wird aber auch die Grundfesten des jüdischen Familienlebenim Allgemeinen nicht zu erschüttern vermögen. Rencgate hat es zu allen Zeiten gegeben, und an solchen wird es auch in Zukunft nicht fehlen, und daß die Mischehe mit dem Nencgatenthnnte eine Parallele bildet, ist zweifellos! Redner empfahl den Eltern und Jugendbildncrü, daß sie, eingedenk ihrer hehren Pflichten, den unter ihrer Leitung stehenden Kindern eine sehr religiöse Erziehung angedeihen lassen und den Inhalt der neunten und zehnten Kapitel Esra einprägcn sollten. Es ist ditrchans unsere Absicht nicht, hier eine, wenn auch vollkommen zeitgemäße דרשה zu reprodnzircn, wir wollen blos die Ansicht eines gesetzcstreucn Rabbiners über den Karakter und die Tragweite der Zivilehe zur Abwehr und Vorsorge in gedrängter Kürze registrircn. Gestatten Sie mir bei diesem Aulasse, geehrter Herr Redakteur, eine zeitgemäße Bemerkung. Rach meinem Dafürhalten dürfte in den Rahmen einer von echt jüdischem Geiste getragenen Zeitschrift sehr wohl das Exzerpt einer von dem gleichen Geiste durchwehten Rede Hineinpassen. Rur glaube ich, daß hierfür eine eigene Rubrik geschaffen werden sollte. Als Anhängsel einer Korrespondenz möchten derartige exegetische und homi׳ letische Exkurse nicht am Platze sein. אל תמנע ביוב מבעליו; könnte Ihr geschätztes Organ nicht von Zeit zu Zeit für diesen Zweck eine besondere Beilage zur Verfügung stellen? Die Pfade der modernen Homiletik werden immer breiter getreten; die Predigten werden iminer phraseurcichcr und gedankenarmer. Das Muster einer jüdischen Rede im modernen Gewände sollte doch die besseren Deraschoth der Alten sein. Darin war doch Geist vom Geiste des IudenthnmS, Kern und Inhalt. Die Redekunst unserer hetttigen Prediger hat sich aber vielfach nach fremden Vorbildern gebildet. Der jüdische Redner sollte auf eigenem Boden bleiben, und leeres Wortgepränge verschmähen. Mit einem solchen wird matt niemals belehren, niemals überzeugen, nicinals zur kräftigen That anregen. Das Wort soll der Ausdruck des Geistes sein רוחי אשר עליך ודברי אשר שמתי בפיך וגו׳ mir das vom Geiste des Judenthnms getragene Wort sollte von der Kanzel ertönen, nur es allein vcrntag belebend und erhebend zu wirken. Ich breche hier ab — sapienti sat! Aus der ersten Halste miseres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Ariedrich NoLt. (Fortsetzung.) (Alle Rechte Vorbehalten.) Mirjam erividerte nichts; aber ein schmerzliches Lächeln irrte um ihre Lippen, auch Nahel seufzte. ״Ich glaube dennoch, Du solltest den Antrag annehmen," Hub Rahcl nach kurzem Schweigen von Neuem an, ״Frank hat Dich sehr, sehr lieb —״ ״Um so weniger darf ich seinen Antrag annehmen — um seiner selbst willen muß ich ihn znrückweisen. — Bedenke doch, Nahel, wenn er mich lieb hat, und ich müßte beständig an den Andern denken — Du kannst das freilich nicht wissen, aber — aber — wenn ich zuweilen hier unter dem Fenster einer! raschen leichten Schritt vernehme — so ähnlich wie seiner — dann geht mir das Herz, oft glaube ich, es müßte zerspringen — und wenn die Schritte dann vornbergehen — ach, Du weißt es nicht — und oft, 0 wie oft, da ist mir's, als hörte ich seine Stimme — b'hiit Dich Gott, Marie — Sie war bei diesen Worten glühend roth geworden, ihre Stimme war bis zu kaum vernehmbarem Flüstern gesunken; Nahel hatte sie dennoch verstanden. Sie schloß die Zitternde in ihre Arme. ״Du hast recht, Kind, gegenwärtig kannst Du Frauk's Antrag nicht annehmen — aber ich hoffe, eS wird Dir in einiger Zeit doch gelingen, Deine Neigung vollständig zu bezwingen." ״Ich hoffe es auch," stammelte Mirjam, nach Fassung ringend. ״Dann wird es Dir auch gelingen, dessen bin ich sicher, denn Du hast einen starken, festen Willen. —> Und wenn eS Dir gelungen sein wird, Mirjam, würdest Du dann Frauk's Antrag annehmen?" ״Ich glaube wohl, denn ich achte ihn von ganzem Herzen." ״Das genügt vollkommen," cntgcgncte Nahet, ״und darum hast Du wohl auch nichts dagegen, wenn ich unscrm Neffen keine vollständig abweisende Antwort überbringe — ich möchte ihm sagen, Du wärst gegenwärtig noch nicht iu der Stimmung, einen bindenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.