Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-11-29
- Page
- 840 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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840 Freundin verstunden. ׳Als Oh! Hel wieder in das Zimmer! il-.ik, setzte sie sich zu ihr. ״Ich habe etwas mit Dir zu sprechen, Mirjam, möducft Du nicht Deine Arbeit ein Weilchen ruhen lassen?" ״Wozu das? ich höre Dir aufmerksam zu, auch wenn ich nähe." ״Ohm, n1einen)alben nähe. — Aber sage mir, crräthst Du denn in WirNichleit nicht, wem Deine Arbeit bestimmt ist'?" /Mirjam schüttelte den Kopf und nähte hastig weiter; Ohrhel lächle hctl auf. ״Du bist ein braves Kind, kein unwahres Wart kommt über Deine Lippen, — aber das Kopfschütteln, das Kopfschüttcln —" ״Ich verstehe Dich nicht," murmelte Mirjam mehr und lnchr erglühend. ״Verzeih' .meinen Scherz," bat Rahcl, den Arm um die Freundin schlingend, die nun doch endlich die Radel ruhen lassen muhte. ״Aber da cs Dich dach intercssircn wird zu wissen, wem Deine Arbeit bcstimmt ist, so will ich es Dir auvertrauen. Alles ist zur Aussteuer für die Ziehtochtcr meines Mannes." ״Deines Mannes Ziehtochtcr?" — Mirjam blickte, erstaunt zu ihr aus, ״ich habe gar nicht gewußt, daß Herr Kahn eine Ziehtochter hat." ״Run, freilich, ich weiß es eigentlich selbst nicht, ob inan sie seine Ziehtochtcr nennen kann — erzogen hat er sic nicht, sie war schon hübsch groß, als sie in's Daus gekommen ist — aber mein Mann hat sie gern wie sein eigen Kind und darum null er sie auch halten, als ob sic seine Tochter wäre — das pflegt man doch Ziehtochtcr zu nennen." ״Wo ist sie, tiud wie heißt sic?" fragte Mirjam voll Interesse. ״Mirjam, heißt sie," erwiderte Nahet, indem sie das junge Mädchen fester au sich zog. Thräncn entstürzten Mirjam'S Augen. ״Wie seid Ihr so gut — so unendlich aut — und wie werde ich euch je danken können?" — ״Das sei Deine schwerste Sorge," lachte Rahcl, ״aber ntich freut, daß cs Dir recht ist, unser liebes Töchterchen zu sein. Ohm aber habe ich noch eine Mitthcilnng. Der junge Frank ist seit einigen Wochen unser regelmäßiger Sabbathgast — ist Dir das nicht ausgefallen?״ ״Er ist Herrn Kohn'S Neffe, wie hätte -mir seine Anwesenheit aufsallen sollen?" ״Er ist meines ManncS Nesse, trotzdem hat er bisher unser Haus kaum zwei- oder dreimal im Jahre besucht. Erst seit er die erwähnte Ziehtochtcr bei uns entdeckt hat, ist er allwöchentlich unser Gast." ״Das ist mir leid," flüsterte Mirjam, aus deren Antlitz plötzlich alle Farbe wich, ״das ist mir sehr, sehr leid." ״Warum leid, Kind? — Frank ist ein braver, frommer, hübscher junger Mann, der eine Frau ernähren kann — er hat bei meinem Manne um Dich ungehalten — er würde Dich auf Händen tragen —" ״Ich kann seinen Antrag nicht annehmen," murmelte Mirjam, indem sie, wie in verhaltenem Schmerz, beide Hände aus das hestig pochende Herz drückte, ״ich kann nicht —" ״Du kannst ihn nicht nehmen?" fragte Nahet leise, indem sie das Haupt des erregten Mädchens ein wenig hob und ihr ernst in die auf's Neue übcrströmcnden ׳Augen blickte. ״Ohm, ich kann es nicht!" — murmelte Mirjam, ״ich kann es nicht — und ich darf es nicht." ״Ich will Dir nicht Zureden," sagte Ohrhel freundlich, ״aber ich bitte Dich, zu bedenken —" ״Ich habe alles bedacht," siet Mirjam hastig ein, ״aber Du weißt nicht —" ״Doch, Kind, ich weiß alles. — ׳Aber sieh, wie glücklich ich Gottlob bin — ich habe einen braven, guten Mann, der rnich weit mehr liebt, als ich es verdiene und ich habe ihn auch sehr, sehr lieb und habe ein liebes hoffnungsvolles Kind — ich glaube, es gicbt ans Gottes weiter Erde keinen glücklicheren Menschen als mich — und doch habe ich mich einst in ganz ähnlichen Verhältnissen befunden wie Du — die erste Neigung!::eines Herzens gehörte einen! Andern." ״'Aber dieser Andere war ein Elender — ich glaube, Du müßtest erröthcn, wenn Du Deiner Ohignng zu ihm gedachtest. — Ach, verzeihe!" unterbrach sie sich selbst, indem sic die Hand an die Stirn preßte, ״ich weiß ja selbst nicht, was ich spreche — Du bist so gut gegen!nich und zum Dank beleidige ich Dich —" ״Ohcht doch," versetzte Nahel lächelnd, ״Du beleidigst rnich nicht und muß ich sogar zngestehen, daß Du vollkommen im Rechte; Deine Lage ist in der That mit meiner damaligen nicht zu vergleichen — zu schämen brauchst Du Dich Deiner Oh'igung nicht — trotzdem —" ״Ich weiß cs ja, ich n!nß sie überwinden — und mit allen meinen Kräften strebe ich danach. — Du weißt nicht, wie ich bereits gerungen. — Aber bedenke, wie vielen Dank ich ihm auch schulde — länger als anderthalb Jahre habe ich in seinem Hanse gelebt — er har rnich geschützt und für rnich gesorgt, als wäre er mein Bruder —" ״Darum müßtest Du ihm auch stets eine schwesterlichc Oh'igang bewahren." tForlsetzung folgt.)