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Jeschurun · 1883-11-29 · Heft 48 (29.11.1883) · p. 839

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 48 (29.11.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-11-29
Page
839 (sequence 2)
Language
German
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839 hat in jüngster Zeit eine so überaus schmerzliche Nachricht erhalten; ich könnte cs mir wohl erklären, wenn sie augenblicklich noch keinen festen Plan für die Zukunft fassen möchte — warte einige Monate, dann bin ich gern bereit, in Deinem ׳)?amen mit ihr zu sprechen." Doch der Heißblütige wollte nicht hören; warum Monate noch den aufreibenden Zweifel? Dringend beschwor er die Tante, gleich am folgenden Tage mit dem jungen Mädchen zu reden, selbst wenn dieselbe sich weigern sollte, sofort sich zu entscheiden, so würde Rahel doch erkennen können, wie sie darüber denke, ob der Bewerber Aussicht habe. Rahel ließ sich schließlich erbitten, obgleich sie ihm wiederholt zu bedenken gab, daß sie den gegenwärtigen Moment nicht für geeignet halte. ״Thun Sie's dennoch," bat der junge Mann, ״ich kann mir nicht helfen, die Sache geht mir Tag und Nacht nicht aus dem Kops. Mit größter Mühe verrichte ich meine Arbeit im Geschäft, aber mit dem Lernen heißt's gar nichts. — 3111 Ernst, liebe Tante, Sie thun 'ne Mizwoh, wenn Sie mit ihr reden — je eher, je besser." ״Nun, wenn cs denn sein muß, so soll es gleich morgen sein. Wenn Du kannst, bleibe bis Nachmittag hier; Vormittags will ich mit ihr sprechen und sei überzeugt, ich werde Deinen Antrag nach besten Kräften befürworten." Frank athmetc tief auf, er zog die Hand der Taute an seine Lippen; zu reden war er nicht im Stande. Es war in den Bormittagsstunden des folgenden Tages. Frank pflegte bei seinen bisherigen Besuchen, am Sonntag mit Tagesanbruch das Haus seines Onkels zu verlassen, heute jedoch hatte er, Rahel's Aufforderung entsprechend, die Heimkehr auf die späteren )?ach- Mittagsstunden bestimmt. Im Hause aber duldete es ihn nicht; eine fieberhafte Unruhe hatte sich seiner be-!nächtigt, unaufhörlich wechselte die Farbe in seinem Angesicht; der Gedanke, daß in dieser Stunde über das Glück seines Lebens entschieden werden sollte, hatte ihn aller Selbstbeherrschung beraubt, und um den theilnehmenden Blicken seiner Verwandten, vielleicht auch den Fragen seines wohlwollenden Onkels zu entgehen, wollte er hinaus iu's Freie. ״Ich habe Einiges zu besorgen, was mich wohl bis gegen Mittag aufhalten wird; aber zum Essen stell' ich mich wieder ein, wenn Sie's erlauben, lieber Onkel. Kohn klopfte ihm srcuudlich auf die Schulter. ״ES wird mich freuen, Dich wieder zu sehen und mehr noch würde's mich freuen, wenn ich Dir dann Gutes mittheilen könnte — aber, mein Sohn, bild' Dir nur nicht ein, daß cs nicht anders sein kann." Der junge Mann hatte abermals die Farbe gewechselt; was er geantwortet — der Onkel hatte eS nicht verstanden und wahrscheinlich mußte er selbst nicht, was er gemurmelt. Er drückte den Hut tiefer in die Stirn und eilte davon. Die Freundinnen befanden sich im Wohnzimmer, Rahel im Fantenil, den Säugling im Arm, Mirjam ihr gegenüber am Nähtischchen mit einer Handarbeit beschäftigt. Mit anmuthiger Gewandtheit wußte sie die Nadel zu sührcn, unablässig ließ sie sie durch die seine und doch kernige Leiuewand gleiten; die Arbeit nahte sichtlich ihrer Vollendung. Rahel sah ihr lächelnd zu. ״Wie eifrig Du nähst." ״Ich bin in den jüngsten Wochen so wenig dazu gekommen," cutgegncte Mirjam, ohne sich in ihrer Arbeit zu unterbrechen. ״Daran sind wir Schuld," sagte Rahel lächelnd, indem sie sich zu dem Kinde neigte; ״aber von nun an!vollen wir Dich nicht mehr so oft belästigen, heute werde ich einmal die Toilette des Kleinen besorgen." ״Nein, nein," siel Mirjam hastig ein, ״das ist meine Sache, das lass'ich mir nicht nehmen, ich werde schon Abends länger dafür nähen." ״Was füllt Dir ein," lachte Rahel, ״hat es denn mit der Näherei gar so große Eite?" ״Ich glaube, als Du mir die Leinewand übergeben, hast Du gesagt, es wäre Dir lieb, wenn die Sachen bald benützt werden könnten." ״Ja, das ist wahr — es wäre mir auch angeuchm, wenn sie bald benützt würden —,״ ein zweideutiges Lächeln spielte um ihre Lippen. ״Weißt Du, wem die Wäsche bestimmt ist?" Mirjam zuckte die Achseln. ״Wie könnle ich das wissen? Du hast es mir nicht gesagt, doch ncrmnthe ich, daß sie für Dich ist; Du warst nicht lange verlobt, bist vielleicht mit Deiner Aussteuer nicht ganz fertig geworden." Rahel schüttelte den Kopf. ״Du kannst nicht gut rarhen. Zu einer Aus-!*teuer ist die Wüsche freilich bestimmt, aber von meiner ist sie nicht." ״So willst Du sie verschenken, vermuthlich einer Verwandten —" ״Abermals fehlgerathcn, die Aussteuer ist keiner Verwandten bestimmt." Der Kleine war eingeschlafen, Rahel erhob sich vorsichtig und trug ihn in das Nebenzimmer in die Wiege — es war zum ersten Male, daß Mirjam ihr diese leichte Mühe nicht wehrte. Lächelnd blickte die junge Mutter bald auf das schlafende Kind, bald auf das eifrig nähende Mädchen, dessen plötzlich erglühende Wangen es verriethen, daß sie die Andeutungen der

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