Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1883)
- Article
- Wie erziehen wir unsere Kinder?
- Date
- 1883-11-22
- Page
- 821 (sequence 3)
- Language
- German
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821 inftnuncnt, welches auf dem Tische lag. ״Sie glauben gar nicht," fuhr sic fort, ״wie heftig und zornig Anna wird, wenn sie nur irgendwie sich gereizt fühlt. Da helfen gar keine Worte, ich muß immer wieder zu diesem letzten AnSkunftSmittel greifen. Meinen Sie, daß sie jetzt ihr Unrecht einsieht; Gott bewahre, sie grollt noch immer fort." Sie rief die Kleine;n sich und ermahnte sie, Besserung anzuloben. Der kleine Eigensinn war aber nicht dazu zu bewegen, und nur einer ernsten Strafandrohung gelang es endlich, ein mühsam gestammeltes ״will's nicht wieder thnn" zn erzwingen. Ich plauderte mit der jungen Frau, die sich auf ihre Erziehungsmethode uicht wenig zu Gute that, nod) ein Weilchen, als aus einem Nebenzimmer das Geräusch von klirrenden Scherben herüberdraug. Der Dame Antlitz röthete sich, sie staub eilig ans und entschuldigte ihr Entfernen mit den Worten; ״ich muß doch einen Augenblick sehen, waS da loS ist." Die beiden Kinder folgten ihr auf der Ferse und gleich darauf vernahm ich laute Scheltworte, die gar kein Ende nehmen wollten. Ich hatte uollauf Muße, die Zeitung zu stndircn, che meine Freundin mir wieder sichtbar wurde. Sie trug die Spuren der heftigsten Erregung noch an sich; ihre Stimme zitterte noch, als sie mir den schrecklichen Vorfall berichtete. Beim Ordnen des Zimmers war die Magd unvorsichtiger Weise mit der Lampe in eine unliebsame Berührung geratheu, so daß die Kuppel und das GlaS zur Erde fielen. Ich suchte die Erzürnte!tach Möglichkeit zu. beschwichtigen und empfahl mich, um — meine kleine Abhandlung über die Frage: wie erziehen wir unsere Kinder? fortzusetzcn. Der freundliche Leser möge die Erzählung dieser kleinen aus dem Leben gegriffenen Episode verzeihen. Sie gewährt die beste Erläuterung zu dem von mir vorhin ausgestellten Satze. Zn derselben Weise wie meine liebenswürdige Freundin, handeln sehr viele Mütter und Väter. In dem vorliegenden Falle hatte die Mutter den sehr lobenSwerthen Vorsatz, ihr Töchterchen zur Selbstbeherrschung anzuhalten und ganz speziell den Ausbruch des Zornes zu verhindern. Den! Kinde war ein ihm thenreS Eigenlhum unberechtigter Weise zerstört worden; eS lag demnach wohl die Veranlassung zu einer Aufwallung des UnmnthS vor. Aber dieser gerechte Unwille ätißerte sich zu maßlos, und die weise Mutter hielt cs für gcrathen, durch Ztisügung einer schmerzlichen Strafe dem Kinde den Entschluß kräftiger einzuprägen, für die Folge seinen Zorn besser im Zügel zn halten. Was sah aber das Kind unmittelbar daraus? Dieselbe Mutter, welche gegen seilte auflodernde Leidenschaft so strenge austrat, überließ sich dem eigenen Zorn in nicht minderer Heftigkeit. Die Puppe ist dem Kinde mindestens so -lieb wie der Mutter die Kuppel — und wenn die letztere über Las zerbrochene Glas außer sich geräth, warum sollte das Töchterchen wegen des zerschmetterten Puppenschädels an sich halten? Freilich hat die Mutter die unvorsichtige Magd nicht in die Haare gefaßt, aber sie hat so eindringlich gescholten, daß dem armen Dienstmädchen die Thrünen in die Augen traten, und Aeuuchen hat auch gehört, wie die Mama in dem höchsten Zustande der Erregung dem Mädchen zugerufen: ״ich möchte Ihnen die Scherben an den Kops werfen!" Sollte in dem Gehirn des Kindes nicht der Gedanke eine Stätte finden: wenn die Mutter so in Zorn gerüth über die Unvorsichtigkeit des Mädchens, ei, so war es doch gar nicht ein solch großes Vergehen, daß ich über das Brüderchen erbost war, das mir mein liebstes Eigcuthum zerstörte, und die mir zurrt heilte Strafe war eine keineswegs verdiente? Und sollte sich nicht also die Hartnäckigkeit der Kleinen erklären lassen, die sich weigerte, Besserung zn geloben, wo sic ein eigentliches Unrecht nicht zu erkennen vcr-!nag? Ich glaube, daß eS keiner Propheteugabc bedarf, um vorauSznsehen, daß die Heine Anna trotz der strengen mütterlichen Zucht in der schwierigen Knust der Selbstbeherrschnng Zeitlebens ein Stümper beiben und ebenso heftig und aufbrausend werden wird, wie ihre Mutter. Warum? Weil diese wohl dem Kinde weise Er- Mahnungen und ernste Rügen zu crtheilen versteht, aber durch ihr eigenes Beispiel dieselben Lügen straft, und das Kind demgemäß sich sagt: so lauge ich klein bin, muß ich mich beherrschen, wenn ich aber erst so groß bin wie die Mama, dann darf ich mich nieinem Zorne ungehindert hiugeben. Und so ließen sich die Beispiele bis in's Unendliehe verinchren, durch welche gezeigt werden könnte, wie die Eltern in dem Bemühen, ihre Kinder an daS Gute zu gewöhnen, wegen dcS den .Kindern durch das eigene Verhalten gebotenen entgegengesetzten Vorbildes, scheitern müssen. (Fortsetzung folgt.) Ailö der ersten Hülste »uscrcö Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Friedrich Llolt. i Fortsetzung.- (-lUe :Ilcchtc Vorbehalten) Kohn hatte die Achseln gezuckt. ״Möglich wär's schon — kann sein, Du hast recht. — Aber ich lütt' Dich, Nahelleben, thn mir den Gefallen und lassS gut sein, bis b' EsraS -Haschem altes zu Gutem vorüber ist. Hernach,!venu Du wieder aus bist und alles gut ist, daun —." Und Nahet hatte versprochen, bis dahin zu schweigen. Die Tage verstrichen rasch; der Tag, an dem der jnnge Weltbürger daö BundeSzcichcn Israels, er-