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Jeschurun · 1883-11-22 · Heft 47 (22.11.1883) · p. 820

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 47 (22.11.1883)
Article
Wie erziehen wir unsere Kinder?
Date
1883-11-22
Page
820 (sequence 2)
Language
German
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bcr Entwickelung an zur Anwendung kommen, in welchem das Kind bereits tut Stande ist, die Sprache zu vcrstehen-, durch Beispiel und Gewöhnung läßt dasselbe aber sich schon, mochte ich fast sagen, von dem ersten Lebeno-Angenblicke an, beeinflussen. Mag das Fassung-- vermögen des Säuglings in den ersten Tagen auch noch so schwach sein, immerhin ist es vorhanden und in Wirksamkeit; und die Vorstellungen, welche der sprachlose Kleine in der Wiege aus der ihn umgebenden Welt sich bildet, sind sicherlich für die spätere Entwickelang seines Geistes und Karakters nicht ohne Einfluß. Wie schon in den allerersten Worten sich bei dem Kinde unzweifelhaft ein Unterscheidungsvermvgen in Bezug auf die Sinuc des Geschmacks, Gefühls und Geruchs wahruchmen läßt, so sind sicherlich auch moralische Eindrücke schon sehr früh vorhanden. Es ist gewiß nicht gleichgültig, wie man sich in Gegenwart des Säuglings benimmt, ob er das Bild dcö Friedens und der Heiterfeit in sich aufnehmcn kann, oder ob ihn Streit, Zorn und Trauer umgeben. Die physische Gewöhnung mag jetzt noch mit der psychischen Zusammenfalle». Die Mutter, welche ihr neugeborenes Kind au eine Regel- Mäßigkeit in Betreff seiner Ernährung und seines Schlafes gewöhnt, welche es fortschreitend in dem Gebrauch seiner Kräfte übt, hat damit auch in Bezug auf seine Erziehung einen erfolgreichen Anfang gemacht, welcher als Grundlage für das ganze Erziehungsgcschäft dienen kann. Sie hat dein Kleinen das Bewußtscin beigebracht, daß seinem Begehren Schranken gezogen sind und daß er sich einem höheren, mächtigeren Willen zu fügen habe; sie har ihn in der schweren Kunst der Selbstbeherrschung frühzeitig geübt und somit zum Gehorsam augeleitet und sein ungestümes Verlaugen auf die Bahn des vernünftigen WollenS gelenkt. Mit der zunehmenden Erstarkung des Kindes tritt die Nothwcndigkeit der Erziehung durch Beispiel, Gewöhlluug und Belehrung gebieterisch hervor. Durch Beispiel zunächst und zumeist. Wie will man burcf) Gewöhnung und Belehrung auf das Kind einwirken, wenn das eigene Beispiel mit der den! Kinde beizubringenden Gewöhnung und der ihm;11 ertheilcnden Belehrung nicht in harmonischer Ucbcreinstimmung ist? Das Kind schmiegt sich so gern den Eltern an, cs blickt zu ihnen als höheren Wesen enrpor, cs strebt ihnen nach und möchte ihnen gleich werden, jo daß die besondere Gewöhnung und Belehrung bei der Erziehung fast zurücktreten, wenn das von den Eltern gewährte Beispiel demjenigen entspricht, was sic von ihrem Kinde heischen. Die wichtigste Erziehungsreget dürfte deshalb in dem Satze liegen: zeige deinem Kinde dich stets so, wie du willst, daß eS werden soll. So einfach und selbstverständlich derselbe aber auch klingt, so schwer halt eS, ihn zu verwirklichen, und. so selten wird er in seiner vollen Bedeutung gewürdigt. Wo wäre der Vater, wo die Mutter, die ihr Kind nicht zu einem guten Menschen erziehen möchten — wer aber dürfte sich rühmen, das Bild eines vollkommen guten Menschen in jedem Augenblicke, iu jeder Hinsicht darzustcllm? So erscheint dem Blicke des Kindes, — und das Ange des Kindes sicht scharf, schärfer als inan wohl meint, — das Beispiel der Ettern häufig im Widerspruche mit ihrer Unterweisung, und cs beschließt einen sehr energischen Protest gegen die ihm unbequeme Ermahnung. Freilich wird es iu der Regel diesen Protest einstweilen zurückstellen müssen bis zu einer Zeit, wo nicht das Joch des kategorischen elterlichen Willens mit der schreckenden Strasgewalt auf ihm lastet; aber es fugt sich nur zeitweilig und widerstrebend. Die Belehrung findet keinen Eingang iu seine Seele; es handelt der-- selben sobald und so oft zuwider, als cs die elterliche Zucht nicht über sich gewahrt. Bei voraugeschritteuer Zctbstsiändigkcil sagt sich das Kind auch: man verlangt von mir so Vieles und Schweres, was ich nur ans dem Grunde beachten soll, weil ich noch klein bin; wenn ich aber groß sein werde, habe ich alles dieses nicht mehr zu beachten, denn Vater und Mutter thnn cs doch auch nicht. Ich komme soeben aus dein Hause einer mir bcfreundeten Familie. Die Frau vom Hause ist eine treue Mutter, eine treffliche Wirtschafterin; sie lebt nur für ihre Kinder und für ihr Haus. ״Ich habe keine Kinderstube," pflegt sie zu sagen, ״meine Kinder sollen immer um mich sein, da sind sie am besten hehütet und überwacht." Als ich bei der vortrefflichen Frau in'S Zimmer trat, stand ihr ältestes fünfjähriges Töchtcrchen in einer Ecke, Thräneuspnren auf dem Gesichte. Eine Puppe mit zerschmettertem Kopfe lag am Boden, und dao> dreijährige wilde Söhucheu hockte mißmuthig daneben. ״Sie treffen auf ein Schlachtfeld nach eben beendigtem Kampfe ein," sagte die Dame lächelnd. ״Man kann die Kinder nicht ciucu Augenblick allein lassen, so giebt cs Hader und Krieg. Ich hatte mich nur eine kurze Weile von ihnen entfernt, als ich ein furchtbares Geschrei vernehme. Ich stürze hinein und — denken Sic sich — Anna hat Richard bei den Haaren gefaßt und schreit, und Richard sucht sich zu wehren und schreit. Ich trenne die Streitenden und vernehme, daß Richard unversehens Anua's Puppe auf die Erde geworfen habe, so daß der Kopf zerbrochen ist. Anna ist ein sehr zornmüthiges Kind und hat in höchster Erregung den Tod ihrer Puppe au dein unschuldigen Mörder rächen wollen. Roch nachdem ich sie von dem Kleinen genommen, hat sie sich nicht deruhigen können und wiederholt versucht, sich auf ihn zu stürzen, bis ich endlich eine ganz energische Strafe über sic verhängte." Dabei deutete sie auf das Straf-

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