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Jeschurun · 1883-11-08 · Heft 45 (8.11.1883) · p. 787

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 45 (8.11.1883)
Article
Ungarisches Jeschiba- und Rabbinerwesen
Date
1883-11-08
Page
787 (sequence 2)
Language
German
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kannte Gegend mit fremden Menschen und fremden ' Gebräuchen. So ist es gar nichts Außergewöhnliches, j Kinder, die noch nicht das בב פיצות-Alter erreicht; haben, gar viele Meilen weit von ihren: Heimathsorte! anzntrcsfcn. Fragt man aber, was denn eigentlich die ■ Eltern zu einem so widernatürlichen Beginnen veranlaßtc, so lassen sich dafür zweierlei Beweggründe angeben, die in den meisten Fällen vorherrschend finb.;; Entweder wollen die vermögenslosen Eltern einen zahlreichen Kindersegen, dessen Ernährung ihnen nur zu oft die allergrößte Mühe und Sorge verursacht, je früher um einen Kops vermindern, oder die Eitelkeit, wohl auch religiöser Ucbereifcr spornen dazu an, das Kind in die Jcschiba zu schicken, dein man dadurch den adelnden Ritterschlag zu ertheilen wähnt. Isl er doch von nun ab ein Jcschiba - Bachnr! — Ja wohl, es wird dem Kinde ein Schlag verseht, ein gar harter und empsindlichcr Schlag, dessen verhäugnißvolle Folgen cs Zeit seines Lebens nicht überwinden kann, und an denen es, wie wir weiter unten sehen werden, nicht selten elend zu Grunde geht. Begleiten wir doch solches Knüblcin auf seiner gewundenen und dornenvollen Wanderschaft von dem Momente an, da cS vor die Thür des Elternhauses gesetzt, in die weite Fremde hinausirrt, und dieses diene uns dann als Prototyp einer großen Zahl von Leidensgefährten. Unser jugcndlichcr Bachnr — er braucht nicht älter als zehn oder elf Jahre zu sein — hat nicht das Glück, ein Kind besser situirter Eltern zu sein, die ihre Sohne bis zum nächsten Bahnhofe begleiten, ihnen eine Eisenbahnkartc lösen und auch sonst einige Gulden als bescheidenen Zehrpfennig mitgebcn, — er nimmt vom Hause nichts mit, als den Segen der armen Elten und den obligatorischen ״TaliSdeutel", in welchem wohl neben dem Gebctinantcl und den Tcfillin auch noch zwei Paar Hemden Platz gefunden haben. Zu Fuß beginnt er seine Wanderschaft auf der Heerstraße. Ein erfahrener Kollege hat ihm auf citicm Papicrzcttel eine Reiseroute angefcrtigt, wo alle jene größeren Gemeinden verzeichnet sind, die eine lohnende Ausbeute versprechen, ist er ja doch um nicht Hungers zu sterben auf die Mildthätigfeit der Glaubensgenossen angewiesen, und er nimmt dieselbe auch in jedem Orte in Anspruch. durch welchen ihn sein Weg führt. Daß dies eine eines jeden Menschen unwürdige oder gar entehrende Handlung sei, kommt ihm nicht in den Sinn. Er weiß wohl, daß alle seine altern Kollegen regelmäßig zweimal im Jahre ähnliche Reisen zu unternehmen pflegen, um ihre den Semester hindurch gemachte Schulden begleichen zu können, und er hatte oft Gelegenheit gehabt, Zeuge bei Gesprächen zu sein, wo die Ergebnisse solcher Reisen mit eben derselben Kaltblütigkeit diskutirt wurden, als ob von selbstverständlichen und nichts weniger als bedenklichen Dingen die Rede wäre. Da man gewöhnlich diese jungen Böglein in den Monaten Elul, Tischri oder Nißan flügge werden läßt, wann die eigentliche Reisesaison der ungarischen Vachurim ist, so braucht unserem kleinen Touristen auf seiner einsamen Wanderung nicht öde zu sein, denn es dürfte kaum ein Tag vergehen, an welchem er nicht mehreren Paaren wandernder Kommilitonen begegnet. Eines Tages ist ihm aber das Geschick besonders hold, indem es ihn! mit einem Bachnr zusamntenführt, der, gleich ihm, einsam seiner Wege zieht und nichts sehnlicher herbeiwünscht, als einen Kameraden, mit wclchcm er sowohl die Beschwerden der Fußwandcrung, als auch deren, freilich oft nur zu kargen Geldfegen theilcn könnte. Denn die Wahrheit und wichtige Bedeutung des alten Wortes: מרבים השנים מן האחד weiß Niemand besser zu würdigen, als ein ungarischer Bachnr, der allein reist. Nasch hat man für die Dauer der Wanderschaft, oder manchmal auch über dieselbe hinaus, ein Bündniß geschlossen, hat sich auch bald über das Ziel der Reise geeinigt, wenn ein solches überhaupt vorhanden ist. Denn in den wenigsten Fällen dürste es vorkonnnen, daß ein armer alfölder Bachnr direkt einer in! vorhinein dcsignirtcn Jcschiba zusteucrt, zustcuern kann. Seinen Entschluß, sich, den Wauderstab bei Seite legend, irgendwo stabil zu machen, bcstimmt nicht nur das PluS oder Minus der geistigen Bedeutung einer Jcschiba, er muß hiebei auch manche Nebenumstünde ein Wort milsprecheu lassen und nicht selten tritt der Fall ein, daß eben diesen Nebeimmständen die Prüsidialstimme erlheilt wird, während der Hauptsache nur eine nebensächlich gleichgültige Bedeutung zufüllt. Da muß in erster Reihe darauf geachtet werden, ob die Mittel zur Bestreitung, selbst der sehr bescheidenen Lebensbedürfnisse eines Bachnr beschafft werden können, denn der alfölder Bachnr, der gewöhnlich Sohn sehr verarmter Eltern ist, hat vom Hause keinen Pfennig zu erwarten und ist ausschließlich auf das hingcwiesen, was ihm die Mildthätigkeit gutherziger Menschen zukommen lassen wird. Endlich, nach fünf- bis sechswöchentlicher Wanderung, wird eine Jcschiba erreicht, welche nach jeder Richtung hin zu den besten Erwartungen zu berechtigen scheint, und unser kleiner, frischgebackener Universitätsbürger beschließt hier sein Nomadcnzclt aufzuschlagcn. Die ersten acht Tage des Semesters vergehen unter den rastlosen Bemühungen, sich einige Freitische zu verschaffen, was. der sehr lebhaften Konkurrenz halber, in manchen Ortschaften äußerst schwierig ist. Es können sich auch in der Regel nur sehr wenige vom Schicksal besonders Begünstigte dessen rühmen, sich für alle Tage der Woche mit Freitischen versehen zu haben, sonst betrachtet man es schon als befriedigende Errungenschaft, solcher drei oder vier für die ganze Woche zu besitzen. Ein solcher Freitisch

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